Ein Abend im Millerntorstadion

„Noch vor kurzem hätte ich nicht im Traum daran gedacht dieser Veranstaltung hier beizuwohnen“

Aus einem nur durchschnittlich am Phänomen Fussballfan partizipierendem Sozialisationsmillieu stammend war das Stadion lange Zeit ein weißer Fleck des eigenen psychischen Stadtplans. Allenfalls wurde es - lebensweltlich – relevant, wenn unerwartet und ungewünscht eine Auswärtsfahrt die Stimmung im öffentlichen Nah- oder Fernverkehr mit scheinbar aus gesellschaftlichen Normen ausbrechendes Verhalten bestimmte, dass meist aber bloß Lokalpatriotismus und den Machismo klassische Rollenbilder verstärkt sichtbar machte und zelebrierte. Oder es erlangte politische Bedeutung, wenn im Kontext eines Fußballspiels gewaltaffiner Fananhang seine regressiven Ideologiefragmente inner- und außerhalb des Stadions verbreitete oder gar handgreiflich zum Ausdruck brachte.
In den letzten Jahren wandelte und differenzierte sich dann das Bild, vornehmlich durch engeren Kontakt zu Fussballfans und Ultràs, aber auch aufgrund der zwischen Wissenschaft und Selbstfindung verorteten Beschäftigung mit dem Erfahren kollektiver Identität. Diese Beschäftigung führte mittlerweile mehrmals auf die Tribünen zwischen 2. und Verbandsliga, wo eine Stimmung vorgefunden wurde, die trotz und wegen ihres Massencharakters, der eine Aufhebung des vereinzelten Selbst in eine starke Gruppe bietet, eine ambivalente Verlockung darstellt.

FC St. Pauli – FC Hansa Rostock

Beide Vereine sind Träger von Bedeutungsgehalt und damit Zeichen, sowohl im kollektiven wie auch im individuellen Symbolsatz. Im allgemeinen, insbesondere in Hamburg, wird Pauli gleichgesetzt mit links und alternativ, weltoffen, Punk und Kiez. Eine Bedeutungsaufladung, die die Fanschaft für eine Rekuperation attraktiv macht, die Gentrifizierungsprozessen entspricht und auf die Stehplätze hip-alternative bildungsnahe Zuschauer_innen spült, deren Linkssein sich manchmal schon in ihrem braun-weißen Schal erschöpft. Andererseits eröffnet es aber auch ein Aktionsfeld für linke und linksradikale Positionen innerhalb der Fanschaft und beim Verein selbst, das größer als bei vielen anderen Vereinen ist – und durchaus auch mal ein homophobes Reggae-Konzert in einem Hamburger Club verhindern kann.
Auf der anderen Seite Hansa Rostock. Ostdeutschland, Unterschicht und Rechtsextremismus sind die Schlagwörter, die seit Anfang der Neunziger das kollektive Bild in Hamburg auch lange Zeit auch das eigene Bild von Hansa prägten. Erst durch den Umzug nach Mecklenburg-Vorpommern und einen nicht-medial vermittelten Einblick in die organisierte Fanszene bei Rostock wandelte und differenzierte sich die Wahrnehmung, so das jetzt ein wohlwollend gespannter Blick auf die Prozesse in der Fanschaft Hansa Rostocks und das Engagement Linksradikaler innerhalb dieser vorhanden ist, ohne das verleugnet werden kann oder will, dass menschenverachtende Ansichten auch und gerade bei vielen Fans des FC Hansa Rostock vorhanden sind und bei Spielen sowie vor allem der An- und Abreise zu Spielen wirkmächtig werden.

„und der erste Widerwille war auch bald dem Gefühl gewichen das sich der Abend lohnen könnte“

Vor diesem Hintergrund trat der Entschluss, das Rückspiel zu besuchen, und trotz der hohen Anziehungskraft gelang es, wenn auch eher durch glücklichen Zufall, eine Karte für die Gegengerade zu erlangen. Eine gespannte Erwartung wurde durch mehrere Besuche der Roten Flora, bei denen einzelne andere Besucher vor dem Gebäude schon fast kindisch zu nennendes Platzhirschverhalten inklusive impliziter Gewaltandrohung erlebbar machten, im Stadtbild platzierte Aufrufe gegen Rostock, vor allem aber durch Indymedia- wie Zeitungslektüre gesteigert. 2000 bis 5000 Rostocker_innen, aber auch die Anreise von rechten Gruppen aus Berlin und Kiel oder wahlweise linke wie rechte politische Gruppen aus dem In- und Ausland (!), wurden erwartet und dazugehörige Bürgerkriegszenen berschworen. Entsprechend bereitete sich die Stadt mit 1357 Polizist_innen, das Millerntorstadion mit 310 Ordner_innen und die linke Szene mit Aufrufen zum antifaschistischen Selbstschutz und Flugbättern an Anwohner_innen vor.
Gespannt und im Herzen angefüllt mit Hoffnungen und Befürchtungen über das Ausmaß rassistischer, ns-verherrlichender und homophober Parolen, Gesängen und Übergriffen im Zuge oder Umfelds des Spiels ging es gen Millerntorstadion.

Nachdem am Hauptbahnhof ein elanvoller, evangelikaler Laienprediger die schon anwesenden Fussballfans versuchte, von seinem Konzept der Sinnstiftung und davon, dass Fussball „scheißegal“ sei, zu überzeugen, seine Faszination verloren hatte, also zu den anreisenden Gästefans. Unter den zahlreichen Gesängen und Parolen fanden sich Gewalt- und Drogenverherrlichung, “Scheiß St.Pauli” (auch als Aufkleber), aber anscheinend nichts homophobes, rassistisches oder ns-verherrlichendes. Ingesamt war, außer bei den Polizist_innen, die Stimmung recht entspannt. Diese waren sichtlich überfordert zwischen Gästefans und anderen Reisenden eines Freitag Nachmittags. Derart überfordert und mit Waffen ausgestattet kam es erwartungsgemäß zum Einsatz dieser. Gleichsam automatisch setzte eine intuitive Solidarität mit den Opfern dieser Agierens und eine nicht minder unreflektiert-intuitive Sympathie zu ihrem temporären Kollektiv ein, die sich gerne in einer Zugehörigkeit umgesetzt hätte. Die Gegengeradenkarte verhinderte dies nun und so ging es auf anderen Wegen zum Stadion.

„auch habe ich die meisten Menschen selten so wie diesen Abend gesehen“

Gegengerade, und ein neidischer Blick hinüber zum Gästeblock, in dem dem geschlossenen Kollektiv entstammende Stimmung eine gewisse Strahlkraft entwickelte, und in den einzelne Fans es über den Zaun auch ohne Karte schafften, bis die Polizei diesen Weg gewaltsam unterband und intuitive Solidarität wieder „A.C.A.B.“ ins Herz und auf die Zunge schrieb. Und dann, nach einer elegant anzusehenden Fahnenchoreographie in der Südkurve – die Bedauern darüber auslöste, dass im Gästeblock nahezu alles verboten war, was der Kunstform Choreographie im Stadion Gestalt ermöglicht – Anpfiff. Und Schock: In den ersten sechs Minuten zwei Tore für Rostock. Die Stimmung war gedrückt, fussballerisch war dieser Stand die gesamte erste Halbzeit über berechtigt und das aus dem Gästeblock tönende “Hier regiert der FCH” beschrieb die Situation treffend. Erfreulich fiel ins Auge, dass Ché (zufällig?) aus den Fahnen der Fans St. Paulis verschwunden ist – falls es kein Zufall ist, ist es eine freudig stimmende Abkehr von einem zweifelhaften Ideal und einem mindestens ebenso zweifelhaften Personenkults, die ob des selbstformulierten Anspruchs der Fanschaft St. Paulis nur konsequent war.
Halbzeitpause, keine alkoholischen Getränke, nur Werbung für Bier und Cider, den es “hier im Stadion” geben solle. Am Ende Feuerwerk im Gästeblock, Leuchtspur in die Luft und viel Rauch, dazu ein “Hansa Rostock Hooligans”-Transpi. Gut sah es aus, verblieb aber bei einem Spielstand von 0:2 unverstanden. In der Gegengerade wurde ein Spielabbruch gefordert und – erfreulicherweise nur – vereinzelt gegen “die Nazis” gepöbelt. Es ging dann doch weiter, und nach drei Auswechslungen war die Mannschaft des FC St.Pauli eine andere, das Ergebnis verkehrte sich schließlich zu einem 3:2 und mit jedem Tor stieg die Stimmung in der Gegengerade und aus der kritischen Beobachtung des Fanverhaltens wurde zunehmend eine unreflektierte, in die Masse des Fans auflösende, Begeistertung für die fussballerische Leistungen des FC St. Pauli.
Kurz vor Spielende gab es noch einmal pyrotechnische Erzeugnisse aus dem Gästeblock, zum Abschluss aus Richtung USP das Tapetenbanner “Hier krepiert der FCH” als Reaktion auf die Mottofahrt. Schon vorher gab es von Seiten der Pauli-Fans ein “Heute. Millerntorstadion. 21.000” und ein “Grüße von den schwulen Hamburgern. Schwulenhass – in Rostock normal”, das eine verständliche Reaktion auf das Hinspiel war, aber vielleicht ungerecht pauschalisierte. Seitens Rostock ein “Lieber mit der Kogge in Seenot als auf der Alster mit nem Tretboot” und als persönliches Highlight ein “КТО ЭТО ЧИТАЕТ, ТОТ ДУРАК” – das mit dem “Muschipups” blieb unverstanden, aber inituitiv kritikwürdig.
Große Freude war es, dass rassistische, homophobe, ns-verherrlichende oder sonstwie regressive Sprechchöre und Gesänge aus dem Gästeblock ausblieben – was vor dem Spiel wohl kaum ein Fan des FC St. Pauli so vorhergesagt hätte.

Von den Geschehnisen nach dem Abpiff ist leider nicht allzuviel zu berichten, da keine eigene Anschauung dazu vorhanden ist. Am Abend selbst hörte sich das, was von Pauli-Anhänger_innen berichtet wurde, eher nach dem üblichen und wenig sensationell an – die Samstagspresse las sich dann gegenteilig, was aber an ihrem strukturgemäßen Senstationsbedarfs liegt.

„ich werde alles drauf verwenden müssen die Vorgänge genau zu verstehen“

Für die Fanszene von Hansa Rostock ein Erfolg, dass selbst gegen St. Pauli keine regressiven Inhalte im Stadion transportiert wurden, und eine kleine Niederlage, dass es anscheinend weniger Rostocker_innen als erwartet nach Hamburg zog. Und für die Selbsterfahrung die Erkenntnis, dass sich der Verlockung des Aufhebens in ein Kollektiv, dass seinen Sinn aus der Projektion auf die sportliche Leistung anderer, mehr noch aber auf seine eigene Identität konstruiert, nicht dauerhaft durch kritische, teilnehmende Beobachtung zu entziehen ist. Ideologische Versatzstücke die eher regressiv zu verstehen sind, wie Lokal- und Regionalpatriotismus, einen positiven Bezug auf Gewalt, zumindest ein struktureller Machismo und daran gebundenes übersteigertes Selbstempfinden bleiben problematische Felder beim Fussballfandasein – dies gilt jedoch für die Fans aller Vereine.

P.S.: Für recht intersubjektive Berichte zu der Lage vor dem Spiel und dem Spiel selbst sei http://ericcantona.blogsport.de/ empfohlen.


5 Antworten auf „Ein Abend im Millerntorstadion“


  1. 1 scheiß aufs kollektiv 07. März 2009 um 20:23 Uhr

    Was ein verschwurbelter akademisch-kaschierter Schwachsinn! Bei solchen Sätzen:

    „ein neidischer Blick hinüber zum Gästeblock, in dem dem geschlossenen Kollektiv entstammende Stimmung eine gewisse Strahlkraft entwickelte, und in den einzelne Fans es über den Zaun auch ohne Karte schafften, bis die Polizei diesen Weg gewaltsam unterband und intuitive Solidarität wieder „A.C.A.B.“ ins Herz und auf die Zunge schrieb.“

    Solltest du dich mal für den Ernst Jünger oder Leni Riefenstahl Gedächtnispreis bewerben.

  2. 2 "Are you special?" 08. März 2009 um 0:55 Uhr

    hallo.

    ich mag den artikel, da er trotz linksintellektueller einstellung nicht auf pauschale moralische überlegenheit gespielt wird.

    woher kenne ich die zitate?

    mfg

    ganz im Sinne der linksintellektuellen Einstellung: Tocotronic – Ein Abend im Rotary-Club

  3. 3 Herbert Leichfuß 08. März 2009 um 23:37 Uhr

    Das ist ’ne Parodie, oder?

    Falls nicht: Ich freue mich, dass du dich selbst so genau beobachtest, und ich glaube dir, dass du etwas zu sagen hast – aber das ist so tief unter Fremdwortschutt und Passivkonstruktionen verschüttet, dass das Ausbuddeln des Kölner Stadtarchivs wahrscheinlich unterhaltsamer ist als die Lektüre deiner Spielkritik.

    Schade!

  4. 4 schlomo 10. März 2009 um 14:37 Uhr

    ich kann ja verstehen, dass einige leute sich der pysischen arbeit verschließen mögen, arbeit ist ja schließlich scheiße, aber der gemeine linksradikale wird ja wohl ein wenig energie aufbringen können, diesen artikel zu verstehen. aber wenn einem die suppe einfach nicht schmecken will, dann tut sie das eben auch nicht.
    in diesem sinne,
    schöner artikel
    und last but not least

    gegen…{freie wahl, bitte selbstständig einsetzen}

  5. 5 Blogneurotiker 10. März 2009 um 22:38 Uhr

    Naja, ein wenig verkomplizierend ist er der Artikel schon formuliert, dennoch finde ich ihn interessant, da ich ihn inhaltlich auch zu sehr großen Stücken teile.

    Noch ein wenig am Ausdruck arbeiten, bitte! … sonst cool :)

    SCHEISS XYZ! wird bestimmt nochn running gag.

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