„Das ist kaum zu verstehen? Na gut, meinetwegen.“

„Das gehört ja auch alles nur zur Show.“

Nicht zuletzt um den Widerspruch zwischen vorgeblich klassenloser Gesellschaft und real erfahrenem sozialen Nichtaufstieg zu verschleiern und individuelle Ursachen für die soziale Situation der oder des Einzelnen bereitzustellen, dient das Ideal der Bildung. Als Kernaufgabe der Schule und der gesamten Kindbetreuung und mittlerweile über die Topoi „Frühkindliche Bildung“ und „Lebenslanges Lernen“ auf das gesamte Leben ausgedehnt, in Debatten über die „Ausbildungsunfähigkeit“ von Jugendlichen mit sog. sozialschwachem Hintergrund und über Fernseh-Quiz-Shows, die mehr oder weniger allgemein zu nennende Bildung direkt mit großen Geldsummen verknüpfen, gilt Bildung als sog. Kernkompetenz zum Zugang zu dem im Warenkonsum versprochenen Glück. Insbesondere in einer Sozialisation mit kaufkraftschwächerem Hintergrund finden sich zwei gegensätzliche Wege des Umgangs mit dem Bildungsideal. Ablehnung dieser Bildung und Erschaffung eines bzw. Anknüpfung an ein Gegenideal, dass Bildung und mit Bildung gemeinsam gedachte Tätigkeiten wie z. B. ein Studium als „nichts ordentliches“ oder ähnlich ablehnt. Oder die Akzeptanz des Ideals in der Hoffnung auf sozialen Aufstieg und, sofern dieser Aufstieg erlebt oder imaginiert wird, deutliches Bekenntnis zum und Zelebrieren des Ideals, um die eigene, neugewonnene, Stellung zu verteidigen. Sowohl Bekenntnis als auch Ablehnung dieser Bildung, vor allem aber ihre Zuschreibung durch andere, findet alltäglich über Sprache statt.

„Alle meinen es gut. Alle meinen es ernst.“

Diese identitätskonstruierende Funktion ist schon immer Teil der Sprache, aus der Perspektive bürgerlicher Ideologie gewinnt sie aber zusätzliche Bedeutung, da durch postulierte Universalität und juristische Abschaffung von Standesunterschieden In- und Exklusion über informelle, individualistisch darstellbare, Kriterien erfolgen muss. Zusätzliche Bedeutung gewann Sprache im Zuge des sog. Wohlfahrtsstaats, durch den materieller Besitz als Zugangskriterium zu den kulturellen Einrichtungen des Bürger_innentums und zu der politischen Teilhabe ein stückweit an Bedeutung verlor. Sprache dient also der Ausübung von Macht zur Ausgrenzung von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ein Prozess, der nicht nur das Bürger_innentum und verbürgerlichte Teile der Arbeiter_innenschaft gegen Weniger- und Unbesitzende und insbesondere gegen Menschen mit anderen Erstsprachen absichert, sondern auch Subkulturen gegenüber der dominanten Kultur und insbesondere den Kern des Bildungsbetriebs, die Universität und mit ihr die/den Intellektuelle_n, gegenüber Nichtakademiker_innen.

„Ich tu nur so als ob, aber das mein‘ ich ehrlich.“

Das akademische Millieu hat eine besondere Argumentation für die akademisierte Sprache, die sich von den ansonsten vorhandenen Methoden mit Ästhetik und Tradition zu argumentieren, abgrenzt und eine Diskussion verlangt. Die besondere Aufgabe der Sprache als Instrument des Erkenntnisgewinns verlange es, eine besondere Sorgfalt und Genauigkeit auf diese zu verwenden, die nur durch gesteigerte Komplexität erreichbar ist – oder kurz: Der Erkenntnisgegenstand ist so komplex, dass es komplexer und damit komplizierter Sprache bedarf, um ihn angemessen zu erfassen. Einfachere Sprache würde die Komplexität unangemessen stark verkürzen. Dies trüge zum einen die Gefahr in sich, dass die Analyse ohne oder mit dem Gegenstand unangemessenem Ergebnis verbleibt, zum anderen aber, die Ergebnisse nicht kollektiv nutzbar sind, da die verkürzenden Begriffe zu viele verschiedene Bedeutungen implizit mitführen.

„Sieht ungefährlich und scheiße aus.“

Letzteres deutet auf eine weitere Problematik bei vereinfachender Sprache zum Erkenntnisgewinn hin. Verkürzte Darstellungen und dem allgemeinen Sprachgebrauch entnommene Begriffe und Grammatiken können zu Undeutlichkeiten führen, zumal viele Begriffe der Allgemeinsprache einen politisch zu kritisierenden und sprachlich anzugreifenden Bedeutungsgehalt haben. Diese Undeutlichkeiten und impliziten Vorbedeutungen können es ermöglichen, dass die/der Autor_in sich nicht mehr mit dem Verständnis des Textes identifizieren kann. Im Extremfall können aus dem Text der Autor_innenintention widersprechende Folgerungen gezogen werden und aus progressivem Selbstverständnis heraus durch verkürztes Äußern – oder verkürztes Denken, welches ja auch entschieden sprachlich abläuft – regressive Positionen entstehen. Ein Versuch gegen solches Missverstehen – und Missdenken – kann ein bewusster Rückzug auf eine komplizierte, schwerer in das Alltagsverständnis zu integrierende Sprache sein – zumal letztlich Nicht-Verstehen angenehmer und unschädlicher als Falschverstehen ist.

„Komm wir machen das beste draus.“

Der Konflikt zwischen Ausschluss durch Komplexität und Verkürzung durch Vereinfachung ist nicht eindeutig zu beantworten. Sowohl der Inhalt als auch die Funktion sind bestimmende Faktoren für die wählenswerte Form eines Textes, die eigene Angst vor dem Missverstehen wie die eigene Identitätsbestätigung sollten aber in einem ständigen Prozess reflektiert werden.

P.S.: Für die, die es bis hierher geschafft haben, noch ein Beispiel für beeindruckend radikale Verkürzung.


2 Antworten auf „„Das ist kaum zu verstehen? Na gut, meinetwegen.““


  1. 1 "Are we special?" 14. März 2009 um 15:43 Uhr

    „Sprache dient also der Ausübung von Macht zur Ausgrenzung von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.“ Ja.

    Ist nicht böse gemeint, aber ich trau mich gar nicht, den Link weiterzuschicken, weil die von der Akademik ausgeschlossenen wohl leider auch mit diesem Text ihre Probleme haben. Obwohl er einige sehr ansprechende Gedanken enthält, die ich gerne verbeiten würde.

    Meiner Meinung nach ist das wahre Genie nicht nur in der Lage, große Zusammenhänge zu analysieren, sondern diese auch -korrekt- überall zu verbreiten und die Tore des Wissens zu öffnen.

    Für andere zu entscheiden, mit welchem Text sie Probleme haben werden, um ihnen dann den Zugang nicht zu ermöglichen, ist mindestens ebensolche Ausgrenzung…, also: Her mit dem Link

  2. 2 "Sometimes I even think we are" 14. März 2009 um 17:47 Uhr

    ich meinte die idee, deinen artikel per messenger zu verbreiten ;). was ich nichtsdestotrotz tun werde. nur, wie gesagt: der artikel baut leider eine ähnliche verständnisbarriere auf. was aber für deine eloquenz spricht.

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