Das Öffentliche ist politisch!

Öffentlicher Raum ist ein Begriff bürgerlicher Konzeption, die öffentlich und privat als einen Gegensatz konstruiert, der die begrenzte Umsetzung der liberalen Ideale von Gleichwertigkeit und Freiheit rechtfertigt. Das Private ist nicht Anliegen der Öffentlichkeit, nicht res publica, und damit ist die Verwirklichung der Gleichwertigkeit und Freiheit im Privaten nicht Anliegen der liberalen Gesellschaft und des liberalen Staates. Dies gilt für beide Sphären des Privaten, wie sie schon im Begriff des Oikos gemeinsam verortet wurden, Wirtschaft und Familie, und entzieht sich so der Frage der ökonomischen Gleichheit und des Doppelcharakters der Freiheit Lohnabhängiger ebenso wie der Unfreiheit und Ungleichwertigkeit von Frauen und Kindern in der patriarchalen Familie.

„everybody’s sitting ’round watching television“

Derart ist klar, dass das sog. Private keinesfalls Privatangelegenheit ist. Das Private ist politisch und damit ebenso öffentlich wie das Öffentliche untrennbar mit angeblich privatem verbunden ist. Der öffentliche Raum ist keineswegs klar abgrenz- und fassbar. Wird er, wie es der Begriff suggiert, als allen zugänglich charakterisiert, zerfällt er tatsächlich in zahlreiche Räume, die nur begrenzt öffentlich ist. Der öffentliche Nah- und Fernverkehr weißt, wie auch z. B. Museen und Schwimmbäder, ökonomische Ausschlusskriterien auf, Gesetzgebungen wie die Residenzpflicht schließen bestimmte Menschengruppen von weiten Teilen des öffentlichen Raums, Verordnungen verwertungsirrelevante Gruppen wie Bettler_innen, Obachlose oder verhaltensauffällige Subkulturmitglieder insbesondere aus innenstädtischen Räumen aus. Hinzu kommen zahlreiche Teile des gemeinsam genutzen Raums, die nur scheinbar allgemeinzugänglich sind, aber tatsächlich über Regulierungen durch Hausrecht und private Sicherheitsdienste einer mehr oder minder starken Zugangs- und Nutzungsbeschränkung unterliegen.

„what a great traffic system – it’s so bright“

Eine andere Möglichkeit, sich dem öffentlichen Raum anzunähern, ist eine Betrachtung der Tätigkeiten, die sich im Raum entfalten. Diese Betrachtungsweise, scheinbar weniger normativ als der Ansatz der Allgemeinzugänglichkeit, ordnet den öffentlichen Raum jedoch Verwertungskriterien entspringenden Funktionen unter. Bewegung wird Haupttätigkeit im öffentlichen Raum, er verbindet Wohn- mit Produktionsort ebenso wie die unterschiedlichen Orte der Reproduktion miteinander. Als Raum der Bewegung wird der öffentliche Raum zu einem Zwischen- und damit Nicht-Raum, der eilig durchfahren oder -schritten wird, und in dem ein Verleib unnütz vertane Zeit ist. Hierzu muss der öffentliche Raum möglichst verkehrseffizient gestaltet sein, seine selbstbezügliche Gestaltung ist nicht von Bedeutung. Gegensätzlich dazu steht der öffentliche Raum, der zugeschrieben bekommt, Grundlage für reproduktive Aufgaben zu sein, wenn er zum Erholungsraum wird oder werden soll. Er stellt Reproduktionsflächen mit keinen oder niedrigen ökonomischen Ausschlusskriterien, wie Grünanlagen, Parks oder Badeseen bereit und schafft rund um zentralisierte Konsumorte verweilfreundliche Areale, die bei entsprechendem Anlass zusätzlich mit Festcharakter versehen und geschmückt werden. In dieser Funktion ist der Raum auf Erholungseffizienz oder Schaffung und Erhalt von Konsumbereitschaft ausgerichtet. Eine dritte, weniger allgemeinbedeutende Funktion erfüllt der öffentliche Raum als Produktionsraum für speziell an ihn gebundene Produktionstätigkeiten, die an die Funktion Bewegung (Busfahrer_innen, Briefausträger_innen usw.) oder Reproduktion (Bauchladenverkäufer_innen, Menschen die Flyer verteilen usw.) sowie an die Aufrechterhaltung der sog. öffentlichen Sicherheit und Ordnung (Sicherheitsdienstmitarbeiter_innen, Polizist_innen usw.) gebunden sind. Als Produktionsraum werden an ihn aber keine Anforderungen gestellt, vielmehr bedingt der Raum die Anforderungen an die sich die Produktionstätigkeit anzupassen hat. Zwischen der Ausgestaltung der beiden Hauptfunktionen wie auch innerhalb dieser Funktionen gibt es Spannungen, wenn es z. B. um Verkehrsraumnutzungsverteilung zwischen Rad- und Autofahrer_innen geht. Die größten Spannungen entstehen aber dort, wo der öffentliche Raum entgegen dieser zugewiesenen Funktionen nutzbar gemacht wird. Die Nutzung des Verkehrs- und Reproduktionsraumes durch Formen des Aufhaltens (wie z. B. Schneeballwerfen, Rumlungern oder gar Bettelei und öffentlichem Konsum illegalisierter Drogen) oder der Gestaltung die nicht am Konsumieren orientiert sind oder konsumorientierte Personen abschrecken. Ein Sonderfall mag hier die Nutzung des öffentlichen Raums zum Wohnen (sei es sog. Obdachlosigkeit, sei es das Leben in Bauwagen) sein, da sie jenen Gegensatz von öffentlich und privat und somit das Konzept des öffentlichen Raums angreift – und damit letztendlich im Widerspruch zur Konstruktion der Reichweite liberaler Ideale steht.
Nicht zu verschweigen ist aber an dieser Stelle, dass, häufig tradierte, Formen nicht-tagtäglicher Nutzung des Raums vorhanden und ihr Bestand unumkämpft sind. Beispiele sind hierfür der Karneval und andere, häufig religiöse, Umzüge, die als Reproduktionsangebot integriert und mehr oder minder kommodifizert wurden.

„this one leads to this block, this one leads to that“

Die Betrachtung der Funktion des öffentlichen Raums macht deutlich, dass der öffentliche Raum zwar eine Zugänglichkeit mit Allgemeinheitsanspruch vorsieht, seine Gestaltung und Ordnung aber nicht von dieser Allgemeinheit getragen wird. Die Raumplanung findet durch dafür bestellte sog. Expert_innen in entsprechenden Einrichtungen der Bürokratie statt, sofern sie zur Kommentierung veröffentlich werden, schließen Fachsprache und Zugangshürden sowie geringe oder nichtvorhandene Information über die Zugänglichkeit die große Mehrheit der Betroffenen aus. Ästhetische Gestaltung des öffentlichen Raums findet vornehmlich über ökonomische regulierten Zugang zu Werbeflächen statt, Formen jenseits der Werbung werden durch sog. Expert_innen gekürt und bewilligt. Anwohner_innen- oder Nutzer_inneninitiativen sowie spontane, kollektive Umnutzungen werden kriminalisiert und/oder politisch bekämpft, indem sie als den Interessen einer (schweigenden) Mehrheit widersprechend oder nicht realisierbar delegitimiert werden, seltener in Teilumfang integriert und institutionalisiert, um sich professionalisiert als beratende Expert_innen oder, analog zu oben erwähntem, als kommodifizierter zum anwohner_innenfern organisierten regelmäßigem Event zu werden.

„I run through the empty stone because I‘m all alone“

Öffentlicher Raum kann innerhalb dieser Logik nur unvollständig seinem Anspruch der universellen Zugänglichkeit und Nutzung entsprechen. Das Einfordern eines öffentlichen Raumes muss also letztendlich das Fordern nach einem kollektiv genutzten und gestalteten Raum sein. Der kollektive Raum aber dehnt sich über die Grenzen des Raums hinaus in alle durch disperses Publikum genutzte Räume (z. B. Schwimmbäder, Kneipen, Theater, Schulen) aus und fordert gleichzeitig das Aufheben dieses Publikums in aktive Nutzer_innen.


5 Antworten auf „Das Öffentliche ist politisch!“


  1. 1 "...well..." 21. März 2009 um 19:36 Uhr

    recht haste. soweit.

  2. 2 besserscheitern 24. März 2009 um 13:48 Uhr

    Vielleicht wäre es logischer den öffentlichen Raum als den Raum zu verstehen, indem Dinge getan werden um gesehen, gehört und besprochen zu werden. Dann fällt es dir auch leichter die Aneignung des Raumes zu propagieren.

  3. 3 spiegelschrift 24. März 2009 um 20:41 Uhr

    Der öffentliche Raum als Raum der Zusammenkunft in der sich eine Öffentlichkeit konstituiert, hätte noch thematisiert werden können, da diese Zuschreibung seit der griechischen Agora getätigt wird. Durch technisch vermittelte Kommunikation ist diese Funktion der Zusammenkunft aber meiner Meinung nach nicht mehr einem bestimmten Raum zuweisbar, sondern in großen Teilen losgelöst vom Raum, und auch wenn sie im sog. öffentlichen Raum stattfinden sind sie nicht prägend für diesen Raum. Losgelöst hiervon ist es sicher vertretenswert, den sog. öffentlichen Raum als Ort für Kommunikation einzufordern.

  4. 4 besserscheitern 24. März 2009 um 20:53 Uhr

    Du musst dich vielleicht auch vom Konzept des Behälterraums verabschieden und Raum – verstanden als sozialen Raum – wie ein Beziehungsgefüge konzipieren. Mein Tip: Martina Löw http://de.wikipedia.org/wiki/Raumsoziologie#Dualit.C3.A4t_von_Raum

    auch ganz interessant, wo du immer mit griechisch schon ansetzt: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/795330/

    der bezieht sich auf Hannah Arendt und die sich ja auf diesebeln Dinge wie du.

  5. 5 spiegelschrift 25. März 2009 um 13:16 Uhr

    Ausgehend vom vorherrschen, diffusen Verständnis des öffentlichen Raums versuchte ich die Probleme dieser Konstruktion des Raums anzugehen. Ein eigenes Konzept vom Raum habe ich gar nicht aufstellen wollen. Das Raum konstruiert wird (und, da Konstruktion von Wirklichkeit nicht losgelöst von sozialen Verhältnissen geschieht, sozialer Raum ist) und es somit nicht den Raum gibt, meinte ich durch Formulierungen wie „Raum als Raum der…“ angedeutet zu haben.
    Martina Löw – ich hatte bisher nicht die Zeit mich ernstlich in ihre Arbeiten einzuarbeiten, vorerst muss eine lesenswerte
    Vorlesung reichen. Zum öffentlichen Raum sagt sie dort, meiner Meinung nach nicht sonderlich fern den obigen Überlegungen:

    “Civil society makes a structural distinction between public and private. However permeable and contradictory this distinction might be, it is a constitutive societal principle upheld by rules and resources. This structure manifests itself in a range of isolable and recursively reproduced structures. There are legal structures, which, for example, guarantee privacy; social structures which prescribe a different code of conduct in public and in private; economic structures of unpaid housework as opposed to gainful employment etc. But the separation of public and private is also
    articulated in spatial structures, in the design of buildings, in the lockability of buildings, in the conception of the living room as a space accessible to the public by arrangement, in the design of cafés in imitation of private spaces, etc.”

    Eine Schwäche ihrer Darlegung, zumindest in dieser Vorlesung, dass sie nicht darauf eingeht, inwieweit die Konstruktion von Räumen durch Macht beeinflusst wird. Sie deutet diesen Punkt zwar an, indem sie sagt:

    „Power in this context is to be understood as a relational category immanent in every relationship. The extent to which action opportunities can be realised depends on the means of power available in a relationship and situation“,

    beschreibt die Institutionalisierung des Raums aber als Akt des “Repetitive Day-to-Day Life.”
    Obige Ausführungen versuchten dagegen, die Machtunterschiede bei der Institutionalisierung in den Fokus zu nehmen, die auch Löw andeutet, aber nicht weiter ausführt:

    “In this case failure to respect the structures would incur negative sanctions.“

    Zum Raum als Raum der Zusammenkunft sei noch zu sagen, dass dies mit Löw nicht losgelöst vom Raum zu denken ist, aber ich sie nur losgelöst vom sog. öffentlichen Raum beschreiben wollen würde. Löw stellt sich dieses Problem nicht, da sich ihr Konzept des Raums dem Begriffspaar öffentlich und privat weitestgehend entledigt hat.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.