Immer noch die 90er

„Das wollen doch alle so“

In der Mittagspause im Restaurant sitzend überrascht der Satz. „Bei den Italienern kann man ja nie wissen.“ Gemeint war die Zutatenauswahl zu einer Gorgonzola-Sauce und allem Anschein nach war die Aussage nicht bewusst rassistisch gemeint. Eher locker auf das Konstruieren einer Kollektividentität und deren Abwertung angesprochen, folgten die in solchen Fällen üblichen Reaktionen.

„Und wenn es alle doch so wollen, dann wird es richtig sein“

Als erstes das Abwiegeln. Es sei nicht so gemeint, ein Scherz und vor allem wisse das ja jede_r am Tisch. Abgesehen davon, dass die Personen am Tische sich kaum kannten und keineswegs einschätzen konnten, inwiefern Rassismus und andere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bei den Anwesenden als Problem des Alltags verstanden wurde, war der humoristische Part nicht offensichtlich – nicht einmal im Hinblick auf dessen Rezeption, denn niemand lachte, lächelte oder grinste. Es war vielmehr als eine der Aussagen angelegt, die Gespräche insbesondere unter sich nicht nahestehenden Menschen mit Inhalt füllen, ohne ernstere, tiefer oder näher gehende Themen zu teilen.

„Erst essen, dann darfst du kotzen“

Derart auf den Rassismus angesprochen und in ein ebensolches, ernsteres Gespräch geführt, folgte der zweite Schritt zur Verteidigung, die Rechtfertigung der Verallgemeinerung. Denn analog zu „den Italienern“ spreche mensch ja auch von „den Nazis“ und verallgemeinere – und das völlig zu Recht, denn Nazis seien nun mal alle Arschlöcher. Spätestens an dieser Stelle verlor das Gespräch jegliche Leichtigkeit und es schließt sich erst ein Auseinandersetzen über die Unterschiede von der Zuschreibung verkürzter Erfahrungswerte auf Menschen, aus deren (fragmentarischer) Ideologie sich diese Erfahrungswerte ableiten und eine ähnliche Zuschreibung anhand rassifizierter Kriterien an.

„Das Thema ist eh erledigt“

Dieser Nebenschauplatz des Gesprächs wird verstärkt und das Gesprächsklima verschlechtert, indem zur Verteidigung gegen den Vorwurf des Rassismus erklärt wird, es ginge nicht um biologische Zuschreibung sondern darum, dass in bestimmten „Kulturen“ bestimmtes Verhalten deutlich häufiger sei – argumentiert wird mittlerweile mit Beispielen wie sogenannten Ehrenmorden bei sogenanntem muslimischen Kulturkreis. Wo der angebliche Humor aus der Anfangsverteidigung hin ist, ist nicht mehr nachzuvollziehen, sofern er jemals vorhanden war.

„Halts Maul, sei still und setz dich“

Nachdem dieses Themenfeld mit zumindest verbaler Einsichtigkeit und Rücknahme der Kulturbehauptung abgeschlossen ist, folgt eine weitere Form der aktiven Verteidigung. Die Aussage sei aus Spaß an der Provokation gefallen. Wer nun also gegen den Rassismus argumentiert, sei selbst Schuld an dessen Wiederholung, da sie/er sich zur Projektionsfläche für die Provokation als Selbstzweck macht. Die Antwort auf die Frage, welchen Gefallen an der Provokation als Selbstzweck zu finden sei, bleibt weitestgehend unklar, ein „weil du drauf anspringst“ scheint eine Freude an schlechter Laune bei anderen Menschen zum Ausdruck zu bringen.
Schließlich, weil die Erkenntnis des Spaß an anderen Leid anscheinend wenig befriedigend erscheint, das letzte Argument dieses Gesprächs, das schon mit nicht mehr ärgerlich, sondern resigniert aufgenommen wird: „Sauberer Humor ist wie naive Malerei.“ Was dieses Argument transportiert, bleibt zunächst unklar, der abschätzige Ton deutet zunächst darauf hin, dass Humor, der nicht „sauber“ ist, anscheinend kunstfertiger sei, später wird das Argument unterfüttert, indem als gelungene Kunst immer die bezeichnet wird, die gesellschaftliche Tabus bricht. Die Grenzüberschreitung wird hier wieder als Selbstzweck wahrgenommen und nicht hinterfragt, welche Grenzen überschritten werden und was hinter ihnen liegt – ganz zu schweigen davon, dass rassistische Äußerungen wie die obige nicht das Überschreiten einer Grenze sind, sondern gesellschaftliche Norm.

„Hier hat keiner mehr Hoffnung“

Schließlich ein Ende der Mittagspause und damit ein Ende des Gesprächs. Zurück bleibt eine erneute Bestätigung des eigenen Ohnmachtsgefühls und sehr schwach die Frage, ob die eigene Empfindung nicht vielleicht tatsächlich übertrieben und überempfindlich sei.


1 Antwort auf „Immer noch die 90er“


  1. 1 "am I special?" 25. März 2009 um 20:25 Uhr

    Prinzipiell ist es richtig, den unterschwelligen und systematischen Rassismus in der Gesellschaft aufzuzeigen und zurückzudrängen.

    Ich weiß jetzt nicht, inwieweit das für deine beschrieben Situation zutrifft, aber was ich oft sage: „Wahrheit ist nicht lustig.“ Mit anderen Worten, man lacht nur über Zuspitzungen, Übertreibungen und Parodien. Diese sind eher entlarvend als symptomatisch zu sehen.
    Moralisch gesehen ist das natürlich dünnes Eis, klar. Schwer zu erkennen und leicht misszuverstehen. Aber trotzdem aus einem politisch korrekten Geiste.

    Trotzdem darf dies nicht als Konstruktion für Rechtfertigungen rassistischer Unebenheiten herhalten.

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