„Leben sie heute, aber denken sie auch an morgen.“

„she says that her mind is made up“

Trauer und Trauerarbeit stehen in einem schwierig zu erschließenden Verhältnis, dessen Betrachtung sich dadurch erschwert, dass der Diskurs über beides in der Gesellschaft fast nur privat, in der Kunst oder religiös verklärt stattfindet, daher ist folgendes – wie vieles andere hier – als erster Versuch zu sehen.

Trauerarbeit ist die Routine der Trauer, der, teils stark ritualisierte Ablauf, in dem Trauer Ausdruck findet. Damit ist Trauerarbeit zunächst einmal paradox, denn Trauer ist als das Nicht-Routinierbare empfunden. Trauerarbeit findet damit die doppelte Funktion, Trauer ausdrückbar und kommunizierbar zu machen, und gleichzeitig die Funktionsfähigkeit innerhalb alltäglicher Routinen wieder herzustellen; die Trauer in den Alltag – mit dem sie zunächst unvereinbar scheint – einzugliedern.

„some folks call her a runaway“

Diese empfundene Unvereinbarkeit resultiert daraus, das in der Trauer das Selbstverständnis des Seienden als unvollendet und seine Unvollendetheit als nicht-auflösbare Spannung erkannt wird, während der Alltag auf einem stabilen Selbstverständnis aufbaut. Diese Erfahrung der Unvollendetheit resultiert in der Trauer zum einen aus der Erfahrung der Nicht-Ewigkeit Ähnlichen, der/dem um die/den getrauert wird, aber wohl mehr noch durch die Erschütterung der eigenen Identitätskonstruktion. Davon ausgehend, dass Identität über Fremdzuschreibung anderer und in Relationen zu anderen konstituiert wird, geht ein Teil der Identität, eine Quelle der Fremdzuschreibung und eine oder mehrere Relation/en verloren und ist zunächst nicht mehr stabil. Diese Labilität der eigenen Identität findet in der Trauer und ihrer Ausdrucksschwierigkeit ihren Widerhall.

„why not leave“

Trauerarbeit ist, wie erwähnt, Ausdruck und Auflösung der Trauer. In ihr wird die Trauer – ritualisiert – Arbeit an der Erfahrung der Instabilität eigener Identität und gleichzeitig neuer Bestandteil der Identität. Die/der Trauernde wird zu einer annehmbaren und ablegbaren Rolle, in der die Schwierigkeiten mit der Bewältigung der übrigen Rollenanforderungen ausgedrückt werden können. Die Rolle des Trauernden dient auch dazu, den übrigen Menschen die Integration der/des Trauernden in die eigenen Routinen zu erleichtern; Zeiten, Symbole und Orte dienen dazu, die Trauer einzuhegen, gleichsam die Wiederherstellung einer stabileren Identität zu beschleunigen und anderen Routinen im Umgang mit Trauernden bereitzustellen.

„no one should try and stop her“

Wird Trauerarbeit zu festem Bestandteil der stabilisierten Identität, wird sie zunehmend Reflektion über die vergangene Erfahrung der Trauer und weniger Bewältigung akuter Trauer. Sie ist, anders als in der ersten Phase der Trauer, nicht mehr Alltagsbehinderung, sondern als Termin in ihn integrierbares Ritual. Als solches kann sie den Charakter der Trauer als Erfahrung der Spannung verlieren und vielmehr der scheinbaren Eindruck der Nicht-Endlichkeit hinterlassen, indem die verlorene/n Relation/en ihre scheinbare Fortsetzung zu einer empfundenen Relation zu einem Fokus der Trauerarbeit finden – der Friedhofsbesuch setzt das gemeinsame Kaffeetrinken, die Grabpflege das Geburtstagsgeschenk fort, wieder im Alltag, ist die unaufgelöste Spannung überdeckt.

„and she‘ll fly, fly, fly, fly, fly…“


2 Antworten auf „„Leben sie heute, aber denken sie auch an morgen.““


  1. 1 "am I special?" 07. April 2009 um 19:44 Uhr

    ich vermute ja dringendst, dass du soziologie studierst :D.

    alles sehr lesenswert hier.

  2. 2 spiegelschrift 25. August 2009 um 20:17 Uhr

    In „Das Ich und das Über-Ich“ scheint diese These vorzuliegen, dass im Zuge der Trauer(arbeit) (hier auf Liebesverluste bezogen und somit zwar treffend, aber weiter gefasst als obiger Beitrag) eine „Objektbesetzung durch eine Identifizierung abgelöst wird“, und „daß solche Ersetzungen einen großen Anteil an der Gestaltung des Ichs“ haben und „wesentlich dazu (beitragen), das herzustellen, was man seinen Charakter heißt“, dass also Trauer(arbeit) die entscheidene Identitätsstiftende Instanz ist. Ist dem so, würde eine Betrachtung seiner Formen eine Sicht auf die gesellschaftlichen Normierungen dieses Bildungsprozesses ermöglichen. Ich sollte mehr Freud lesen.

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