„so fest wie eine Eiche“

Scheinbar klar auf einer Links-Rechts-Achse zu platzieren sind die Begriffe Treue und Solidarität. Während Treue eindeutig gen rechts zu verorten ist, als Begriff sog. ehelicher Pflicht zumindest bürgerlich, sicher militaristisch oder feudalistisch, als Ehre-Äquivalent aus dem Nationalsozialismus bekannt, ist Solidarität von der Gewerkschaftsbewegung über Bert Brecht und Ernesto Guevara diffus links angesiedelt. Was aber ist das Rechte an Treue, was das Linke an Solidarität.

„ich bin auf die Berge gegangen, hab’ in die Täler geschaut“

Der Etymologie nachgespürt wird die Nähe der Begriffe deutlich. Solidarität von solidus: gediegen, massiv, fest, hart; unerschütterlich, echt, wahrhaft; ganz voll(ständig), ununterbrochen. Treue über das altnordische tryggr: vertrauensvoll, wahr; und verwandt mit dem Stamm treu- der für Baum steht (vgl. das gotische triu oder das englische tree) – eine Nähe, die auf Baumeigenschaften wie Festigkeit, Stabilität und ähnlichem basiert. Kurzum, in der Wortherkunft ist die Differenzierung der Bedeutung nicht zu finden, ein Nachspüren des Unterschieds führt auf andere Wege.

„ich wusste bald ich brauche das nicht“

Treue zunächst scheint einfach fassbar zu sein. In bürgerlicher Ehevorstellung, Militär und Feudalstruktur wird sie entweder durch formell Gleichberechtigte wechselseitig gewährt, oder, bei hierarchischen Relationen, zumindest vom Untergeordneten dem oder der Übergeordneten eingeräumt. In beiden Möglichkeiten ist sie unwideruflich und wird ob der formellen Positionen der Beteiligten zugesichert und gewährt.

„ich dachte lieber kümmert man sich selbst um sein Geschick“

Solidarität bezeichnet eine ähnliche Haltung. Anders als Treue aber beruht sie nicht auf einer zugesicherten, unverbrüchlichen Loyalität, sondern aus einem Verbundenheitsgefühl. Sie wird nicht versprochen, sondern situativ ausgeübt. Auf Solidarität wird sich, zumindest formell, nicht verpflichtet – wobei Einbettung in ein entsprechendes soziales Umfeld und die Selbstkonstruktion als solidarische Person eine nur begrenzte Freiwilligkeit der Solidarität bestehen lassen. Auch Solidarität kann erwartet werden, sowohl von denen, mit denen sich solidarisiert wird, als auch von der oder dem Solidarisierenden und deren/dessen Umfeld selbst.

„nicht nur was Religion betrifft“

Dennoch bleibt die Nicht-Formalisierung der Solidarität, das nicht-stattfindene Solidaritätsversprechen, dass die Solidarität in der Verantwortung des Sich-Solidarisierenden belässt. Anders als Treue, die Pflicht und damit blind einer inhaltlichen Positionierung ist, verlangt Solidarität eine Entscheidung, die auf dem Objekt der Solidarisierung fußt – es ist zu entscheiden, ob Solidarität angebracht ist. Hierbei ergibt sich ein Spannungsverhältnis über die Grenzen der Solidarität. Die Solidarität wird gelebt, ohne die Positionen und Inhalte derer, mit denen mensch sich solidarisiert, gänzlich oder auch nur weitgehend zu teilen – ein Mindestmaß an Übereinstimmung aber bedingt der Begriff; Nibelungensolidarität gibt es nicht. Solidarisch sein ist also auch immer eine Selbstpositionierung sowohl im Spannungsfeld der Enge oder Weite der Grenzen der Solidarität als auch gegenüber der Position, mit der mensch sich solidarisiert. Eine Selbstpositionierung, die zwischen vereinzelndem Dogmatismus und Beliebigkeit, bei der ein gemeinsamer Gegner als Verbundenheit genügt, einen Platz findet und stark von situativer Aufladung, Selbstkonstruktion und Informationslage bestimmt ist.

„ich nicht, du nicht, ihr nicht – also wir nicht“

Eine bedingungslose oder unverbrüchliche Solidarität hingegen, die damit ein Versprechen der Solidarität ausspricht und diese von Inhalten oder Positionen loslöst, meint Treue. Inwiefern sie sich dann von Solidarität, die, extern oder internalisiert, erwartet wird, unterscheidet, ist damit nicht beantwortet. Kritisiert ist sie, und das gesamte Treue-Konstrukt, aber, sowohl, weil es ein häufig unerfüllbares Versprechen ist, dass durch seine Internalisierung als Ideal der Lebensführung ein Ausleben der Wünsche und Bedürfnisse erschwert, als auch weil es, als die Treue leistendes Handeln, einen Rechtfertigungsgrund vor anderen und vor sich selbst liefert, seine Handlungen formell als abhängig von anderen Quellen als dem eigenen Wertesystem zu machen und sich somit aus der persönlichen Verantwortung für das Handeln zu nehmen.