Die Spur eines kontraintuitiven Verdachts

Ein Kommentar zu einem Beitrag bei The falling eland

„reiß‘ den Verstärker auf, leg‘ die Gitarre an“

Schon im lateinischen colo sind zwei Definitionsstränge des Kulturbegriffs angelegt, die Weltgestaltung und die Sinnstiftung. Und zwischen diesen beiden ordnen sich Versuche der Definition dessen, was Kultur ist, an.

„du bist müde vom Reden, dem Versuch zu verstehen“

Im Widerspruch zur Natur, die der Kultur begrifflich gegenübergestellt ist, dient Kultur als Kategorie für alles, was nicht natürlich ist. Eine Gegenüberstellung, die die Kulturschaffenden aus der Natur selbst herauslöst, ihn ihr gegenüberstellt und sie damit autonom von der Natur und ihren Bedingungen darstellt – eine Ansicht, die nicht haltbar ist. In dieser Gegenüberstellung ist die Kultur als Gestaltung der Welt, die als Natur vorgefunden wird, gedacht. Unbedacht bleibt dabei, dass Natur nie als ursprüngliche Natur vorgefunden wurde, sondern stets schon gestaltet ist – und auch sog. unberührte Natur ist heutzutage Folge bewussten Nicht-Berührens – ebenso, wie dass jedes Verhalten in der Umwelt Auswirkungen auf diese hat, somit Verhalten immer Weltgestaltung ist.

„selten das Gefühl, du tust was du willst“

Ein anderes Verständnis von Weltgestaltung bieten Ansätze, die diese nur dann als Kultur verstehen, wenn sie konstruktiv oder schöpfend vor sich geht. Nicht bloßes Einwirken auf die Umwelt ist Kultur, sondern ihre Umgestaltung zu etwas Neuem. Nestbau würde damit zweifelsfrei Kulturarbeit sein, vor allem aber suggiert diese Definiton eine objektive Existenz von Dingen in der Natur – und eröffnet damit die Frage, wo sich der trennende Unterschied zwischen einer Straße und einem Wildpfad als Kulturleistung findet.

„ich hör’ sie, ich seh‘ sie, im Radio, im Fernsehen. Wen können sie damit betrügen?“

Hilfreicher scheinen die Ansätze des Lehren/Lernens, setzten sie doch an der Vermittlung, also einer Relation zwischen den Subjektiven, die als kulturschaffend verstanden werden, an. Der Prozess der Kulturschaffung ist hier der Prozess der Weltgestaltung, der vermittelt werden kann, oder genauer, vermittelt wurde. Diese Sichtweise denkt Kultur immer noch als Objektve, fasst aber schon die Relationen und symbolische Prozesse in den Blick.

„zuviel schon verstanden, drehst du dich um zu gehen“

Die zweite Bedeutungskomponente, die oben aufgezeigt wurde, die Sinnstiftung, bietet die Möglichkeit den Kulturbegriff enger zu fassen. Kultur wird verstanden als (erfolgreiche oder versuchte) Zuschreibung von Sinn oder das Mittel der Zuschreibung von Sinn. Damit ist entscheidenes Kriterium von Kultur ihre Bewusstheit, Kultur ist aber auch kein Objekt mehr, sondern eine zugeschriebene Relation zu einem Objekt. Damit ist der Begriff sowohl eng mit den – nicht klarer gefassten – Begriffen Sinn und sozial verknüpft. Kultur findet aber nicht als das bewusste In-Bezug-Setzen von Subjekten statt, sondern ebenso konstituieren sich Subjekte erst durch und in Kultur als Subjekte.

„brüllen, zertrümmern und weg.“

Damit ist die Schwierigkeit der Verwendung des Kulturbegriffs zur Bestimmung des Menschseins aufgedeckt. Nicht wird der Mensch Mensch, und schafft als solcher Kultur, sondern im Prozess Kultur wird der Mensch als Mensch geschaffen – ohne das damit beantwortet ist, ob nur der Mensch Kultur schafft. Der Begriff der Kultur dient also nicht dem Aufspüren des Menschseins, sondern ist mit ihm äquivalent.


1 Antwort auf „Die Spur eines kontraintuitiven Verdachts“


  1. 1 Der Mensch als Kunstwerk « spiegelschrift Pingback am 18. Oktober 2009 um 13:46 Uhr
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