„…ein bergendes Zelt, mit dem Fenster zum Himmel, und der Türe zur Welt“

„and we can’t deliver salvation on our own“

Auf der Suche nach einer Fassbarkeit des Kulturbegriffs auf Max Fuchs „Kultur Macht Sinn“ gestoßen, fand sich dort ein Zitat über das Wesen des Menschen.

„Der Mensch wird so zu dem, was er ist. Als Naturwesen ist er den Regeln der Natur immer noch unterworfen. Als Kulturwesen ist er der Gestalter seines Lebens. Der Mensch ist also Bewohner zweier Reiche, und eine entscheidende Gestaltungsaufgabe be-steht in der Vermittlung seiner Natur- und Kulturseite.”

Diese Zweiteilung scheint auf der Annahme eines Gegensatzes von Natur und Kultur sinnvoll, da die Naturgebundenheit des Menschen ebenso wenig zu verleugnen ist wie sein kulturschaffendes (und kulturgebundenes) Dasein. Das gegenüberstellende Verständnis von Kultur und Natur wurde schon kritisiert, da Natur auch Kultur ist ebenso wie Kultur naturgebunden ist.
Das Konzept aber, das der Mensch der Mittler zwischen diesen zwei Sphären zwischen ihnen steht, findet sich nicht bloß bei Soziolog_innen.

Jacob Taubes formuliert die gleiche Zweiteilung in seiner Dissertationsschrift wie folgt:

“Der Mensch als Mitte von Gott und Welt ist so Träger der Geschichte. Offenbahrung der Welt und Offenbahrung Gottes ist in ihrer strengen Zuordnung nur eine Geschichte, als Funkensprung von Pol zu Pol: die Enthüllung des Menschen.”

Womit sich die gleiche Zweiteilung findet, auf der einen Seite das Weltlich-Natürliche, das Greifbare, auf der anderen Seite Kultur bzw. Gott, Verfahren der Sinnstiftung, die erst durch und in den Menschen Ausdruck finden. Eine dritte Formulierung findet sich in der Dialektik der Aufklärung, die diese Trennung als Erscheinung und Bedingung der Aufklärung beschreibt:

„Sein zerfällt von nun an in den Logos, der sich mit dem Fortschritt der Philosophie zur Monade, zum bloßen Bezugspunkt zusammenzieht, und in der Masse aller Dinge und Kreaturen draußen. Der eine Unterschied zwischen eigenem Dasein und Realität verschlingt alle anderen.“

Logos – analog zu Gott in der Perspektive des Theologen, Kultur in der des Kultursoziologen – auf der einen, die Welt auf der anderen Seite – und diese Dichotomie als der zentrale Prozess des Menschseins – nicht des Menschen, da zumindest Adorno und Horkheimer, und auch andere anderswo, eine Zeit mit Menschen vor diesem Zerfall postuliert

„but we’ll take it and turn it into something more“

Folge dieser grundlegenden Gegenüberstellung ist die oben aufgeführte absolutierte Gegenüberstellung von Kultur und Natur, die nicht selten in einer Ideen- und Kulturwissenschaft, die losgelöst materieller Grundlagen arbeitet, ihre Folge findet. Folge ist aber auch, dass eine Hierarchisierung der beiden Seiten des Menschseins scheinbar naheliegt. Jacob Taubes schreibt in Anschluss an obigen Satz: „Die Geschichte zielt auf Einigung in Gott“, und auch die Aufklärung führte die Vernunft (in einem engeren Sinne als die klassische Vernunft) gegen naturgebundene Seiten des Menschseins als Ideal ins Feld.
Auch bietet sie Anknüpfungspunkte verschiedene Formen der Diskriminierung, sei es bei der Zuschreibung unterschiedlicher Anteile von Natur und Kultur/Vernunft/Gott an unterschiedliche, auf rassifizierten Merkmalen gebildeten, Gruppen, sei es – und da im besonderen Maße – bei der Behauptung eines Korrespondierens zwischen dieser Dichotomie und einer Zweigeschlechtlichkeit. Im Hebräischen werden Sikaron (Gedächnis) und sakar (männlich) aus dem gleichen Stamm gebildet, nakab (durchlöchern – im Sinne des Vergessens) und nkeba (weiblich) aus einem anderen – und das Gedächnis mit Gott vereint. Analog fanden und finden sich vielfach Zuschreibung von logischem Denken als männlich, die Behauptung einer besonderen weiblichen Intuition, die Naturverbundenheit der Frauen, die bessere Eignung von Männern für religiöse oder politische Ämter und vieles mehr.
Andererseits waren Versuche der Aufhebung dieser Dichotomie davon geprägt, den Menschen ganz ins natürlich-weltlich-materielle aufzuheben und so eine Trennung zwischen Mensch und Nicht-Mensch zu verwischen. Die Frage nach Kultur/Gott/Vernunft bleibt die Frage nach dem Menschlichen des Menschen, dass ihn vom Tier, dem er in seiner Natürlichkeit dem Gleichsein nahe ähnelt, scheidet.

„I’m just a reflection of everything that we are“

Die Frage nach dem Menschlichen am Menschen hebt die Frage nach dem Wesen des Menschseins auf die Ebene aktueller Debatten, bei denen sie meistens als unausgesprochenes und unreflektiertes Axiom ruht, aber auch, z. B. beim Komplex des Antispeziesmus oder biologisierter Diskriminierung von Menschen offen zutage tritt und diskutiert werden muss.