„…er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen.“

„one day she found the message“

Nicht um den Kunstbegriff oder die Frage: Was ist Kunst? Geht es an dieser Stelle, dennoch sei gesagt dass er hier als bewusst undefiniert und offen verstanden wird als Kunst ist, was Kunst ist – und damit das Spannungsverhältnis zwischen als legitimiert auftretenden Beurteiler_innen von Kunst und der unanerkannten, aber als Kunst gemeinten Kunst andeutet. Wohl aber ist Kunst als kommunikativer Prozess verstanden, eine Kunstrezeption ist für den hier angelegten Kunstbegriff notwendig. An dieser Stelle geht es um die Aneignung des Kunstschaffens jenseits des Zentrums des Kunstbegriffs.

„mums and dads will die, but smile“

Eine, wenn nicht die klassische Kunstform die sich zwar nicht einem Zentrum verweigert, wohl aber eine umfassende Praxis jenseits dieses Zentrums aufweist ist die Musik. Über sog. Volkslieder und religiöses Singen war die Tätigkeit des Selbst-Singens und damit Musizierens mit einer Basis versehen, auf die im 20. Jahrhundert mit der Gitarre, insbesondere in jugenddominierten Subkulturen, das klassische Instrument des verbreiteten Musikschaffens aufbaute. Rekombination und Umtextung sind Allen offene Möglichkeiten des Kunst-Schaffens, die sog. Populärmusik bietet durch ihre Strukturen und die geringer gewordenen Anschaffungskosten der Instrumente aber auch einfach erreichbare Möglichkeiten der Neuschaffung. Entscheidend für die breite Aneignung des Musik-Schaffens ist aber die Möglichkeit der Distribution. Vor Radio und Tonträgern war das Selbst-Spielen einzige Möglichkeit, doch auch nach ihrem Aufkommen ersetzten sie nicht das Konzert als Darbietungsform von Musik – und mit ihr die Auftrittsmöglichkeit für zahllose Bands, also den Raum für die Kunstvermittlung.

„changes will come or not at all“

Wie sich am Beispiel Musik aufzeigt, bilden zwei Bereiche wesentlich Hürden zum Kunst-Schaffen. Die ökonomischen und technischen Hürden beim Schaffen, sowie die Distribution des Erschafften. Ein Kunstbereich der ähnlich geringe ökonomische Hürden aufweißt, ist Kunst mit dem Wort. Das Internet ermöglicht hier eine Distribution losgelöst von gedruckten, über Verlage im Zugang regulierten Medien. Zwar ist auch der Zugang zu Servern ökonomisch reguliert, weißt aber z.Z. recht geringe Hürden auf. Diese Tatsache kann zunächst einmal allen digitalisierbaren Kunstformen dienbar sein, aber das Internet als textdominiertes Medium – oder genauer, als Komplex mehrheitlich textdominierter Medien – bietet zumindest scheinbar eine große Nähe zu textbasierten Kunstformen. Die Kunstformen, die im Internet vorherrschend sind, sind anscheinend Musik und insbesondere die Rekombination von Musik, kurze Videoclips, die auch erst mit entsprechenden Distributionsplattformen entstanden, Fotographie und mehr oder minder dem Bereich Kunst zuzuordnenden kurzen Texterzeugnisse in Blogs – letzteres bei unkultur im Vergleich mit Street Art behandelt.

„but try to keep your illusion of fusion“

An den Videoclips, insbesondere aber am Blog, und auch an den als Vorläufern zu verstehenden Fanzines, zeigt sich auf, dass die strukturellen Bedingungen des Mediums derer sich zur Kunst bedient wird, die Struktur der Kunst entscheiden mitbestimmt – ein Phänomen, dass sich auch bei Street Art aufzeigt, deren entscheidene Bedingung die Illegalisierung ist. Vermutlich nicht zuletzt durch die Tatsache der Illegalisierung ist Street Art wohl die Kunstform, an der die Aneignung und weitestgehende Entwindung der Kunstform aus einem zentristisch organisierten Kunstfelds am besten sichtbar ist – wie im obig angegebenen Beitrag auch gut ersichtlich.

„dreams will crush, the pain will stay“

Weitab von einer so breiten Aneignung und Distribution finden sich die übrigen analog-bildenen Künste. Sie weisen die größte Tradition der Hierarchisierung der Anerkennung an und sind gleichzeitig aufgrund ihrer höheren Produktionskosten stärker von einer über Anerkennung sicherstellbaren Kommodifizierung des Kunstwerks abhängig. Aber auch jenseits der Produktionskosten ist die Distributionsmöglichkeit stark reguliert und zusätzlich durch die Funktionsrestriktion – die durch Street Art konfliktisiert wird – der meisten kollektiv genutzten Räume beschränkt. Ihre Aneignung ist also nur unter grundsätzlich verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen möglich.


2 Antworten auf „„…er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen.““


  1. 1 Sinn oder Zweck dieser Übung « spiegelschrift Pingback am 26. Juli 2009 um 21:36 Uhr
  2. 2 Kritische Kunst ist Kunst ohne Publikum « spiegelschrift Pingback am 20. September 2009 um 20:53 Uhr
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