Krise und so

„Jetzt wollt ihr wieder Klarheit“

Seit Marx und den Marxismen ist das Wissen um die Bedingtheit des Bewusstseins des Menschen durch seine gesellschaftlichen und damit ökonomischen Verhältnisse zur Basis revolutionärer Praxis geworden. Der Mensch, der ob der Produktionsverhältnisse, in denen er sich befindet, zum revolutionären Subjekt auserkoren findet unter Verschärfung der ökonomischen Gegensätze zu seinem Bewusstsein, die Aufgabe revolutionärer Praxis ist es gewesen, diesen Findungsprozess zu beschleunigen und zu organisieren sowie für die Zeit nach einem eventuellen Umsturz des Bestehenden Konzepte für die Organisation des Zusammenlebens bereit zu halten.

„’Ganz sicher’, ‚wirklich’, ‚wahr’ und ‚echt’ sind Projektionen“

Schon durch die Kriegsbegeisterung zu Anfang des ersten Weltkriegs in Zweifel gezogen ist spätestens seit dem Faschismus, spätestens seit Auschwitz die Theorie, dass das revolutionäre Subjekt zu seinem Bewusstsein findet, obsolet, und damit auch die Theorie des Proletariats als revolutionäres Subjekt in Zweifel gezogen, so dass sich ab den 70ern radikal-linke Praxis (im marktkapitalistischen Europa) weitestgehend von ihm verabschiedete. Der Geist des revolutionären Subjekts waberte weiter in den Theorien und fand – in den letzten Jahren am wirkmächtigsten – Ausdrucks in Negris/Hardts Multitude. Hier verformt sich das Konzept der geschlossenen Klasse (an und dann für sich) zu einem gemeinsamen Widerspruch gegen das Herrschende (Empire) und in diesem kleinsten gemeinsamen Nenner wird das Potenzial verortet, dass Herrschende zu überwinden.

„Weil man überhaupt nichts aushält muss man immer ganz und gar sein“

Diese rein negative Konzeption spielt sich letztendlich zwischen den beiden Klassenbegriffen ab. Ein gemeinsames Bewusstsein der Widerstands wird zumindest postuliert, ein Für-Sich-Sein, verstanden als gemeinsame positiv formulierte Zielsetzung findet sich nicht. Auf diese Art ziellos ermöglicht die Multitude eine Konstruktion von Gemeinsamkeit weit über den Bezug auf emanzipatorische Formationen hinaus und verliert somit das Potenzial eines positiven Bezugspunkt. Durchaus richtig aber analysiert der Begriff aber, dass sich an einer Vielzahl von gesellschaftlichen Positionen rebellisches Potenzial vorfinden lässt – und fordert die Verknüpfung der Kämpfe und das Aufzeigen einer, angeblichen oder tatsächlichen, Gemeinsamkeit auf, die eine gemeinsame Gegnerschaft ist.

„Hier kommt eine Lüge mehr“

Im Gegensatz zu verschiedenen Marxismen bis hin zum Postoperaismus konzipieren einige Anarchismen, meist begründet in ihrer Ausblendung einer fundierten Analyse der bestehenden Verhältnisse, ein Vorhergehen der Bewusstseinsänderung vor einem revolutionären Akt. Ihnen entgegengehalten werden neben der marxschen Analyse Befunde zeitgenössischer Sozialwissenschaften – ihnen zugute halten ist an dieser Stelle eindeutig, dass augenscheinlich in der Situation der Rebellion oder Revolte regressive Bestrebungen nicht durch – plötzlich emittierende – emanzipatorische Praxis überwunden werden.

„Ich mag den Gedanken an etwas zu glauben, nur“

Die Frage einer revolutionären Theorie und Praxis ist es also, wie unter herrschenden Verhältnissen emanzipatorisches Bewusstsein zu schaffen ist, insbesondere bei potenziell Rebellierenden. Diese Frage stellt sich aus doppeltem Anlass, zum einen um in der Situation der Rebellion oder Revolte – deren Aufkommen in der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus erwartbar ist – regressive Aktionen zu verhindern oder zumindest einzudämmen, zum anderen um die Möglichkeit einer emanzipatorischen Entwicklung der Revolte zu liefern. Die Frage stellt sich aber im Bewusstsein der bewusstseinsprägenden Verhältnisse, der (logisch, nicht chronolgisch gemeinte) erste Schritt zu ihrer Beantwortung liegt also in einer Analyse der Verhältnisse und ihrer Auswirkungen auf – bewusstes wie unbewusstes – Bewusstsein des Menschen; ein zweiter Schritt wäre eine Intervention in potenziell der Multitude zuzuschreibenden Formationen.


2 Antworten auf „Krise und so“


  1. 1 hky 18. Juni 2009 um 23:29 Uhr

    hey – schöner text. ohne hardt/negri gelesen zu haben (schande!)…: wenn ich dich richtig verstehe und dann schließe ich mich dir an, bleibt dir der geist bei hardt/negri zu sehr am wabern und sie kümmern sich zu wenig darum, wie er denn jetzt mal wirklich politik macht. bin gespannt auf fortsetzungen.

    btw: die links funktionieren nicht. weder hardt/negri, multitude, noch postoperaismus.

    Danke für den Hinweis mit den Links, ist korrigiert, sind aber sowieso nur Verweise auf wikipedia – spiegelschrift

  1. 1 Zum Begriff der „Multitude“ « spiegelschrift Pingback am 26. Dezember 2009 um 19:25 Uhr
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