Flugblatt „Für eine ganz andere Bildung!“

Folgend dokumentiert ein Flugblatt zur Information und Denkrichtungsanregung, dass im Zuge des sog. „Bildungsstreik 2009″ für mehrheitlich studentische Teilnehmer_innen einer Demonstration konzipiert war, die sich gegen verschiedene Entwicklungen im Bildungssystem richtete. Nicht zuletzt dokumentiert, um auch einmal einer von tausend Gründen zur Krawall zu sein.

Für eine ganz andere Bildung!

Viele der Reformen im Schul- und Hochschulwesen der letzten Jahre lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Achtstufiges Gymnasium, Profiloberstufe, die Umstellung auf Bachelor und Master, die Modularisierung der Studiengänge usw. Stets ging und geht es um Beschleunigung und Vergleichbarkeit des Lernens. Beides lässt sich zusammenfassen als zunehmende Anpassung an Markterfordernisse. Die/der AbsolventIn sollte jünger auf dem Arbeitsmarkt landen und es sollte sichergestellt sein, das sogenannte Schlüsselqualifikationen bei der zukünftigen Arbeitskraft vorhanden sind.

Dagegen?

Diese Veränderungen stoßen an vielen Stellen auf Kritik. Denn Beschleunigung des Lernens bei Sicherstellung bestimmter Inhalte kann nur auf Kosten der Freiheit des Lernens gehen. Vergleichbarkeit und Einheitlichkeit des Erwerbs bestimmter sog. Qualifikationen nur auf Kosten der Selbstbestimmtheit der Lerninhalte und -methoden. Eine Orientierung auf den Erwerb arbeitsmarktrelevanter Fähigkeiten nur auf Kosten solcher Fähigkeiten, die nicht oder schwieriger zu verwerten sind.

Die zwei Seiten der Bildung

In diesem Widerspruch drückt sich ein Widerspruch aus, der im Bildungsbegriff selbst angelegt ist. Bildung war stets Ausbildung und Heranbildung. Ausbildung im Sinne des Erwerbs von Fähigkeiten die in einer Praxis umsetzbar waren und die Gestalt in Form einer Ware, etwa auf dem Arbeitsmarkt, nehmen konnten. Heranbildung im Sinne des Entwickelns und Auslebens einer Persönlichkeit.
Dass diese Trennung eine künstliche und vereinfachende ist, ein Mensch sich auch in seiner Erwerbstätigkeit verwirklichen und entwickeln und seine Persönlichkeit auch „Humankapital“ sein kann, ist ersichtlich. Auch ist sie keinesfalls wertend. Dennoch lässt sich feststellen, dass derzeit bestimmte Bildungsinhalte und -praktiken als marktrelevant angesehen und befördert werden und vor allem den Lernenden zunehmend die Möglichkeit zum selbstbestimmten Lernen verweigert wird. Dies geschieht durch die Verkürzung des Lernens, Modularisierung, Erhöhung des Prüfungsdrucks (und damit verbunden: Einer Erhöhung des ökonomischen Drucks auf BaFöG-EmpfängerInnen), aber auch mit diffuseren Formen des Drucks, z.B. die moralische Abwertung von sog. Langzeitstudierenden, also Menschen, die mehr und länger lernen wollen, als sie für einen Abschluss, also die reine Verwertbarkeitsanerkennung, müssen.

Was Geld kostet, muss auch Geld bringen?

Ein Argument für die Marktorientierung der Bildung ist ihre Finanzierung. Da Bildung etwas kostet, müsse sie auch etwas abwerfen. Mit dieser Rechnung, Bildung als Ausbildungsagentur, die für Steuergelder „Humankapital“ schafft, wird eine Hierarchie geschaffen, die marktfähige, sozusagen anrechenbare Bildungsergebnisse über solche stellt, die nicht in Geld quantifizierbar sind – eine Logik, die nicht nur bei Bildung, sondern z.B. auch im Gesundheitswesen scheitert. Nicht quantifizierbar sind neben Wohlbefinden und Entfaltung der einzelnen Person und vielem kulturellem Schaffen, dass Menschen in das Zusammenleben einbringen, auch das kritische und widersprüchliche Denken, dass neben der Grundlage vieler wissenschaftlicher Erkenntnis auch Grundlage für eine aufgeklärte und selbstbestimmte Gesellschaft ist.

Erziehung zum Widerstand

Theodor W. Adorno formulierte einmal treffend, „…daß also die einzige wirkliche Konkretisierung der Mündigkeit darin besteht … mit aller Energie darauf hinzuwirken, daß die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand ist.“1 Mündigkeit einzufordern wiederum „…scheint in einer Demokratie selbstverständlich.“ Adornos Überlegungen zur Erziehung sind geprägt von den Erfahrungen mit dem Verhalten der Menschen im Dritten Reich, insbesondere durch Auschwitz, die die grundlegende Frage aufwarfen, wie Barbarei zu verhindern und so Demokratie, wie ein emanzipiertes Zusammenleben möglich ist. In Zeiten, in denen Politik- oder Demokratieverdrossenheit Themen im öffentlichen Diskurs sind, die Jugend als unpolitisch und unengagiert beschrieben wird, eine Desintregration der Gesellschaft festgestellt wird und die extreme Rechte an Zuspruch gewinnt, hat diese Frage aktuelle Relevanz.

Ja, dagegen!

Um diese Erziehung zum „Widerspruch und Widerstand“ zu ermöglichen, die so notwendig für mündige Mitglieder einer Gesellschaft ist, ist es nötig, in Schule und Studium – und darüber hinaus im Leben – den Raum zum selbstbestimmten Wissenserwerb zu schaffen. Mündigkeit lässt sich nicht quantifizieren, vergleichbar gestalten oder in Musterstundenpläne zwängen, aber Schule und Studium können so gestaltet sein, dass Lernende und Lehrende den Raum haben, ohne Leistungs- oder Verwertungsdruck zu lernen, zu denken und zu diskutieren. Achtstufiges Gymnasium, Zentralabitur, Modularisierung, Bachelor und Master und Verwertungslogik („soft skills“, „Schlüsselkompetenzen“ und „Berufsqualifizierung“) weisen jedoch den gegenteiligen Weg – ihre Rücknahme oder grundlegende Umgestaltung kann nur ein erster Schritt sein, das Ziel muss eine Bildung sein, die ohne Mechanismen der Kontrolle und des Drucks auskommt, und deren Ziel kritische, mündige Menschen, und nicht warenförmige potenzielle Arbeitskräfte sind.

  1. Alle Zitate: Adorno, Theodor W. (1971): Erziehung zur Mündigkeit [zurück]

2 Antworten auf „Flugblatt „Für eine ganz andere Bildung!““


  1. 1 mein bescheidener beitrag teil 1 bildungsstreik « lebewesen Pingback am 16. Juni 2009 um 21:26 Uhr
  2. 2 „Die Universität ist ein hässliches Gebäude“ « spiegelschrift Pingback am 12. April 2011 um 15:58 Uhr
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