Ich sehe Fackelschein in euren Augen

„wir fahren weiter durch den Nebel“

Immer wieder finden sich auch heutzutage unter Studierenden gemeinsame Veranstaltungen, spiel- oder sporthaltig, seltener als Trink- oder Badeveranstaltungen angelegt, die in lokaler Tradierung regelmäßig für – oder besser: mit – Erstsemester-Studierenden durchgeführt werden. Manchmal weisen schon Namen wie „Ersti-Taufe“ oder „Biermesse“ auf einen ritualhaften Charakter und die Aufnahmefunktion der Veranstaltung hin, vorhanden ist sie aber auch dort, wo der Name es nicht offen anzeigt.

„wir sind alle gleichgestellt“

Welchen positiven Effekt diese Veranstaltungen zugesprochen bekommen, ist einfach zu erfahren. Die meist aus verschiedenen regionalen Hintergründen kommenden Erstsemester sollen sich kennenlernen und Hürden oder Hemmungen sollen überwunden werden, unverholen wird ausgesprochen, dass eine Gemeinschaft geschaffen werden soll. Ganz jenseits der Frage, aus welchem Grund es zu einem gleichzeitig und –ortig stattfindenden Wissens- oder Wissensanerkennungserwerb eine Gemeinschaft benötigt, ein Blick auf die negativen Folgen solcher Rituale.

„hinter allen Grenzen die uns von der Zukunft trennen“

Die Gemeinschaft, die versucht wird zu schaffen, baut als gemeinschaftsbildenden Moment auf das Ritual auf. Teilnahme an der Gemeinschaft wird über die Teilnahme am Ritual gewährt, dass Ritual wird zur Gründungsgeschichte dieser Gemeinschaft. Damit wird die Teilnahme am Ritual auch zum Kriterium der Inklusion/Exklusion. Ein Nicht-Teilnehmen schießt die oder den Nicht-Teilnehmende_n zukünftig aus der Gemeinschaft aus. Mehr noch, da die bestehende Gemeinschaft einläd, am Ritual teilzunehmen, wird die Ablehnung dieser Einladung zur Ablehnung der gesamten Gemeinschaft, die sich auf dieses Ritual begründet, das Ritual abzulehnen, wird nicht als Akt selbstbestimmter Entscheidung wahrgenommen, sondern als Ablehnung der Basis der Gemeinschaft.
Da die Bedeutung der Ablehnung zumindest halbbewusst vorhanden ist, ist der wahrgenommene Druck, teilzunehmen, hoch. Die Angst, dauerhaft aus einer Gemeinschaft von Menschen ausgeschlossen zu sein, mit denen noch jahrelang Umgang zu pflegen ist, und das diffuse Wissen, dass diese eigene Entscheidung als Angriff auf das Gemeinschaftsgefüge und damit auch die Identität der einzelnen Gemeinschaftsmitglieder angesehen wird, erhöhen den Beteiligungsdruck.

„wir haben gerade erst begonnen, die alten Regeln zu verlieren“

Hinzu kommt, dass die meisten dieser Aufnahmerituale einen Überwindungscharakter haben. Anders als bei Verbindungen mit ihren Aufnahmeritualen ist er meist nicht mehr derart ausgesetzt, eine scheinbar milde Grenzüberschreitung ist aber auch hier Regelfall – sei es gemeinsames Alkoholkonsumieren mit Wettbewerbscharakter, sportlicher Wettkampf, gemeinsames Nacktbaden oder spielerisches, Sozialnormen überschreitendes Verhalten.
Diese Grenzüberschreitung hat mehrfache Funktion. Sie ist ein Opfer, dass für die Gemeinschaft gebracht werden soll, um die Gemeinschaft und ihren Wert zu bestätigen, ebenso wie sie die Ernsthaftigkeit des Aufgenommen-Werden-Wollens zeigen soll. Beides führt dazu, dass die Gemeinschaft als positiver empfunden wird, da der eigene Aufwand bzw. das eigene Opfer eine Belohung erwarten lassen, die in der Gemeinschaft konstruiert wird.
Der Fall, dass die Grenzüberschreitung tatsächlich als befreiendes Erlebnis empfunden wird, ist denkbar und häufig wird eine solche Selbsterfahrung als positives Argument für das Ritual herangeführt, und fordert anscheinend eine komplexere Auseinandersetzung, da die Befreiung insbesondere von ansozialisierten Verhaltensnormierungen in positivem Licht erscheint.

„morgen sind wir raus“

Der Haken dieser scheinbaren Befreiung liegt im Charakter des Aufnahmerituals. Durch seine Verknüpfung eines Angebots grenzüberschreitender Erfahrungen mit sozialer Sanktion bei Nichtwahrnehmung erschwert sich die Ablehnung wie oben beschrieben. Vorgehalten werden kann hier, dass ein milder Druck hilfreich für die Selbstüberwindung sein könne. Dem zu entgegnen ist aber, dass wir in gesellschaftlichen Verhältnissen leben, die nicht nur freiheitsbeengende Normierungen ansozialisieren, deren Überwindung freiere Entfaltung der Identitäten ermöglicht, sondern dass ebendiese Verhältnisse auch, dauerhafte oder zeitweise, psychische Verletzungen erzeugen. Wo die Überwindung der Normierungen nun als Freiwerdung wahrgenommen werden kann, können die eben dazu verwendeten Praktiken für andere schmerzhaft bis verletztend sein, ohne das dies vorher absehbar ist. Ob dies bei einem zwiespältigem oder negativem Eigenkörperempfinden ist, dass in scheinbar harmlosen Sportspielen oder Nacktbaden betroffen ist, oder ein Triggern eines Traumas in verschiedenesten Situationen.
Auch jenseits davon ist die Ritual-Situation ungeeignet für Überwindungserfahrungen. Die Einmaligkeit und Aufnahmerelevanz der Situation lässt ein Scheitern der Überwindung doppelt schwer wiegen. Zum einen die gescheiterte Aufnahme bzw. die Teilnahme am Ritual, um aufgenommen zu sein, ohne dabei einen positiven Bezug zur (erzwungenen) Grenzüberschreitung zu entwickeln, so dass die Grenze eventuell zukünftig noch schwieriger zu überwinden ist. Zum anderen wird das Scheitern als individuelles Scheitern wahrgenommen. Die gemeinsame Situation und das Nicht-Scheitern anderer lässt wenig Platz für die Wahrnehmung unterschiedlicher Schwierigkeiten bei gleichen Rahmenbedingungen oder für die generelle Ablehnung dieser (Form der) Selbstüberwindung – zumal zahlreiche Selbstüberwindungen nicht befreiend sind. Ziel ist im Ritual nicht die Befreiung für eine_n Selbst, sondern die Überwindung für die Gruppe.


3 Antworten auf „Ich sehe Fackelschein in euren Augen“


  1. 1 hky 03. Juli 2009 um 18:34 Uhr

    du sagst nicht viel darüber, was für eine art gemeinschaft es ist. ich schätze mal du beschreibst weniger eine konstituierte gemeinschaft als ein spiel, in dem die leute sich profilieren können – und du zeigst, was für negative auswirkungen in solchen spielen angelegt sein können.

    ich schließe mal einen gedanken an: ich lese den text als plädoyer für eine gemeinschaft, welche die gefahr reflektiert, dass die einzelnen möglicherweise einem zwang unterliegen. um dem rechnung zu tragen, kann ein raum geschaffen werden, in dem jede_r die gemeinschaft infrage stellen kann.
    in den ritualen, die du beschrieben hast, kann es den einzelnen passieren, dass mit den anforderungen des rituals nicht zurechtkommen + einen schaden davon tragen. auch diesbezüglich rituale können rituale grundsätzlich infrage gestellt werden.

    ich werde die tage auch mal wieder elektronische post senden ;-)
    saludos

  2. 2 spiegelschrift 04. Juli 2009 um 8:47 Uhr

    Der Beitrag sollte nur das (Aufnahme-)Ritual und dessen mögliche Folgen beschreiben, nicht irgendeine Art der sich daraus (re)produzierenden Gemeinschaft. Ebenso war es nicht die Intention, ein Plädoyer abzugeben. Inwiefern eine Gemeinschaft möglich ist, die ihre eigene Infragestellung tatsächlich beinhalten kann und inwiefern diese Gemeinschaft dann erstrebenswert ist – und nicht die gleichen Probleme wie andere Gemeinschaften hat (negative Folgen der Grenzziehung durch Inklusion/Exklusion), sollte hier nicht erörtert werden. Dafür bedürfte er zunächst auch eine generellere Betrachtung, wie sich menschliches Zusammensein konstituieren und ordnen kann.

  3. 3 głupia małpa 08. Juli 2009 um 9:01 Uhr

    is aber auch manchma ein recht schönes gefühl, nicht dazu zu gehören :)

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.