„…oder euch Einschnitte am Körper … machen.“

Folgend ein Rückblick auf selbstverletztendes Verhalten. Wie jeder Rückblick ist es keine Repräsentation eines Erlebnisses in der Schrift, sondern die verschriftlichten Rekonstruktion einer Repräsentation in der Erinnerung und ist somit also einer mehrfachen Verarbeitung innerhalb des jeweilig aktuellen kognitiven Zustands ausgesetzt. Dieser subjektive Zugriff auf ein tabuisiertes Thema soll und kann nur erster Ansatzpunkt für eine politische Bearbeitung von SVV sein.

„greeting the monster in our easter dresses“

Die vorherrschende Emotion war der Selbsthass, in seiner Form ausdruckslos. Gerade diese Ausdruckslosigkeit, oder genauer, das Nichtfinden einer Form des Ausdrucks, bildeten den Rahmen für die Situation. Da das Objekt des Hasses zugleich Subjekt ebendieses war, entfiel unter anderem die verbale Ausdrucksform und ein Ohnmachtsgefühl entstand. Dieses Ohnmachtsgefühl – in der Abwesenheit anhaltender Repression bei Ausdruck des Hasses, wie es in vergleichbaren Gefühlslagen vielleicht vorhanden ist – verstärkte die Antipathie gegenüber dem Selbst, welches unfähig war, diese Ohnmacht zu überwinden.

„I think the good book is missing some pages“

Der Selbsthass fußte auf dem Empfinden einer Kritik des Selbst und seinen Verhaltensweisen, benötigte aber zu seiner Konstituierung noch die Wahrnehmung der Unabänderlichkeit der negativ wahrgenommenen Teile des Selbst. Die Arbeit an der positiven Veränderung des Selbst als Ausweg aus der emotionalen Situation wurde als Möglichkeit negiert und somit die Zusammenführung oder Annährung des Soll- und Ist-Selbst gar undenkbar. Die Nicht-Übereinstimmung des normativen Selbstbildes entfremdete vom momentan konstruierten Selbstbild. Diese Entfremdung übertrug sich auf die Wahrnehmung des eigenen Lebens, dass in Gestalt des eigenen Verhaltens als fremdbestimmt wahrgenommen wurde und setzte schließlich ein Empfinden absoluter Ohnmacht.

„I can finally rest my head“

Bruch mit dieser absoluten Ohnmacht versprach die Rückeroberung der eigenen Gestaltungsfähigkeit durch das Ansetzen eines Messers auf dem eigenen Körper. Der Akt der Selbstverletzung formte in mehrerer Hinsicht Ausweg aus der Empfindungs-Situation:

Zum einen bot er Ausdruck des Selbsthasses. Ähnlich dem Tagebuchschreiben vergewisserte er das Vorhandensein der aktuellen Emotion und übertrug sie – lyrisch gesprochen – von der Wahrheit zur Wirklichkeit, machte sie fass- und wiederauffindbar, indem sie räumlich – auf dem Körper – und zeitlich – als zu verheilende Spur – verortet wurde.

Sie bot Rückerhalt der Gestaltungskraft des Selbst über eine basale Kategorie: den Körper. Im Kontext sozialisierter Körpernormen (wie den vorherrschenden Schönheits- oder Männlichkeitsidealen), die als internalisierte Fremdbestimmtheit über den Körper wirken, wird der Akt einer – zumal tabuisierten – Inbesitznahme des Körpers als mit einer befreienden Komponente versehen verstanden.

Das akute Entfremdungsempfinden wurde durch die Rückbindung des Körpers an das Selbst durch den empfundenen Schmerz überbrückt und verdrängt.

Zudem trat als vierter Effekt die Wahrnehmung ein, dass keinesfalls eine großartig neue Empfindung einsetzte und dass statt einer zu empfindenden größeren Befreiung oder eines Empfinden des Lebendig-Seins vor allen anderen Empfindungen Schmerz vorherrschte, gepaart mit einer – aus der gesellschaftlichen Tabuisierung abgeleiteten – Wut über den Unsinn des Aktes der Selbstverletzung. Diese Wut aber – anders als der vorhergegangene Selbsthass, war eindeutig situativ gerahmt und bot damit die Perspektive in ein zukünftiges Anders-Sein.

„I didn‘t go“

Artverwandt scheint mir das selbstverletztende Verhalten mit dem Vandalismus oder einer rein negativ motivierten Revolte. Auch bei diesen beiden Ausdrucksformen wird eine Ohnmacht, die Selbstgestaltung des eigenen Lebens betreffend, durch einen negativen Akt zeitweise überwunden, ebenso wie ein Hass ausgedrückt wird. Unterschiede sind entscheidend, dass diese Formen gesellschaftlich wahrnehm- und messbare Spuren hinterlassen und Anknüpfungspunkte kollektiver Praxis bieten, gleichzeitig aber regressives Potenzial durch die Zielauswahl und die Eingriffe in die Freiheit anderer bieten.


4 Antworten auf „„…oder euch Einschnitte am Körper … machen.““


  1. 1 amIspecial 01. September 2009 um 11:11 Uhr

    lesenswerte aufbereitung zu dem thema, danke. ich hab nicht wirklich das gefühl, selbstverletzung zu verstehen, aber hiermit vielleicht ein bisschen mehr.

    interessant finde ich die parallele, die du zur „negativ motivierten revolte“ ziehst. das thema hat nämlich noch mehr sprengkraft.

  2. 2 jdm 04. September 2009 um 23:11 Uhr

    „Diese Wut aber – anders als der vorhergegangene Selbsthass, war eindeutig situativ gerahmt und bot damit die Perspektive in ein zukünftiges Anders-Sein.“

    So wie: „So kann das nicht weiter gehen!“ Die Situation scheint mir schon irgendwie besser zu sein, um einen Ausweg zu finden als die Ausgangslage des Selbsthasses. Intuitiv jedenfalls. Denn ich verstehe nicht richtig, wodurch die Wut wirklich anders empfunden wird als der Selbsthass…? Kann sie nicht genauso gut als Beweis davon verstanden werden, dass man selbst nicht liebenswert ist? Gerade dann, wenn die Selbstverletzung schon eine gewisse Routine haben.

  3. 3 spiegelschrift 05. September 2009 um 12:34 Uhr

    Die Wut wurde anders empfunden, da sie auf einer anderen Ebene ihren Platz fand, sie war Wut über das konkrete Verhalten und nicht über das Selbst, dass es ausübt. Hierfür entscheidend war sicherlich die Spannungsänderung durch den Schmerz.
    Ich stimme dir in dem Zweifel zu, ob dieses Empfinden bei routinisiertem SVV noch greift.

  1. 1 „Nur Fremdheit ist das Gegengift gegen Entfremdung.“ « spiegelschrift Pingback am 28. Januar 2010 um 18:27 Uhr
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