Kritische Kunst ist Kunst ohne Publikum

Angeregt durch die Podiumsdiskussion Ohne Gegen Für der Gruppe Kritikmaximierung und ungeachtet dessen, dass hier eine Klärung des Kunstbegriffes aussteht, ein Versuch über kritische bzw. emanzipatorische Kunst. Die Frage, ob Kunst überhaupt einen emanzipatorischen Gehalt haben kann, wird dabei hier nicht gestellt, sondern auf der Basis das jede derart basale Kategorie – auch wenn hier statt einer analytischen Kategorie ein unreflektierter, gleichsam ansozialisierter Vorbegriff Verwendung findet – des Handelns emanzipatorischen Gehalt haben kann, da sie dem Axiom, das alles politisch sei, folgend, politisch ist. Frage ist also, wie eine solche kritische Kunst gestaltet sein müsse.

Wie bereits an anderer Stelle thematisiert, ist auf der Seite der Produktion der Kunst eine emanzipatorische Vorstellung die der sog. Demokratisierung der Kunst durch Ausweitung des Kunstschaffens auf möglichst weite Teile der daran interessierten Bevölkerung und – durch schulische und außerschulische praktische Kunsterziehung (die häufig genug auf ökonomisch bestimmte Teile der Bevölkerung begrenzt bleibt) – Schaffung eines Interesses an Kunstschaffung. Ebenfalls dort thematisiert ist, dass dieser bürgerliche Versuch seinen emanzipatorischen Gehalt darin verliert, dass die Sphäre der Produktion von jener der Rezeption getrennt und der Zugang zu letzterer reguliert wird, so dass das potenziell erlangte Interesse und die Fähigkeit ohne Verwirklichung in Kunst im Sinne eines Produktions-Rezeptions-Prozesses bleiben. An dieser Stelle soll es nun also vornehmlich um die Rezeption und ihren kritischen Gehalt für die Rezipient_innen gehen.
Mit dem kritischen Gehalt für die Rezipierenden geht es um die Frage des Wirkungsverlustes kritischer Inhalte in der Kunst, sei es in einem vormals emanzipatorischen Konkretum oder in der von abstrakten Inhalten in Gänze. Damit ist die Frage der kritischen Kunst eine Frage der Form – ein weiterer Vorbegriff, der hier als Begriffskategorie dienen soll, obwohl die Dichotomisierung in Form und Inhalt zu kritisieren ist. Ohne kritischen Inhalt keine kritische Kunst, mit ihm aber ist sie augenscheinlich ebenfalls nicht sichergestellt, da auch das Musikstück revolutionärsten Inhaltes als Begleitklang zur Büroarbeit taugt und auch ein Gemälde ebensolchen Inhaltes auf Kunstauktionen kommodifiziert oder musealisiert in der Bedeutungslosigkeit enden kann.

Mit dem Hegemoniebegriff lässt sich diese These zurecht angreifen, da auch musealisierte oder als die Zurichtung per Lohnarbeit begleitende Kunst auf gesellschaftliche Verhältnisse wirkt und mehr noch gerade sie wohl gesellschaftliche sog. Normalitäten prägt. Über eine reformistische Funktion durch ihre Rekuperation, die durchaus auch eine Verbesserung konkreter Lebensituationen bedeuten kann, kommt diese Kunst dann aber nicht mehr hinaus, ihre formulierte Utopie verliert ihren utopischen Anspruch gesamtgesellschaftlicher Relevanz und wird individuelles Glücksversprechen.

Aber auch die Form ist vor rekuperierter Friedhofsruhe nicht sicher – an dieser Stelle sei nur auf das Paradebeispiel Punk verwiesen.

Ein erster Schritt für eine kritische oder emanzipatorische Form der Kunst muss es sein, die spektakuläre Vermitteltheit der Kunst zu durchbrechen. Hierzu entscheidend scheint die Aufhebung der individualisierten Rezeption der Kunst, die in ihrer Bündelung im Spektakel betrachenden Publikum prozessiert wird, durch die Form der Kunst. Als Arbeitsthese mag hier der Satz dienen:
Kritische Kunst ist Kunst ohne Publikum, d.h. eine Kunst, die das Publikum in kollektive und damit aktive Rezipient_innen aufhebt. In dieser Form ist der kritische Inhalt der Emanzipation – notwendigerweise als kollektive Praxis – zum Inhalt hat, im Einklang mit der Form und hat damit Potenzial.

Was diese Forderung an Kunst und damit Kunstschaffende – ein Begriff der sich in dem Verständnis einer Verschränktheit von Produktion und Rezeption auch auf jene ausweitet, die die Rezeptionskomponente der Kunst erst ermöglichen, also z. B. Galerist_innen oder Radiomachende – in konkrete Praktiken der Form kritischer Kunst bedeutet, wäre weiterführend zu betrachten. Erste Gedanken wären hierzu das am den Inhalt rückgebundene Verwenden von Pausen in Theaterinszenierungen oder Kinofilmen und die Intervention in diese Pausen, oder das Eintreten in diskursive Prozesse zwischen Musikschaffenden und den Besucher_innen auf Konzerten. Auch verlangt diese These einer Auseinandersetzung mit der Eventisierung von Kulturrezeption, die scheinkollektive Praktiken der Rezeption anbietet, um ihre Endwendbar- oder Brechbarkeit zu prüfen und ebenso die Gefahr der eigenen Eventisierung der kollektiven Rezeptionspraxis zu reflektieren.


7 Antworten auf „Kritische Kunst ist Kunst ohne Publikum“


  1. 1 besserscheitern 21. September 2009 um 13:23 Uhr

    Alle Schnörkelein und die Begriffsjonglage außen vor gelassen belibt hier die Idee die Stakemeier und Behrens bereits einmal in der Phase2 ausgeführt hatten, nach bzw. unter den Bedingungen von Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“(die sich mit der Digitalisierung ja noch mal verschärft) könne das Kunstwerk, das nur für die Zwecke des Kommunismus taugt(siehe Benjamin im Aufsatz) auch nur noch ein arbeitsteilig hergestelltes sein und wäre die Revolution, die von den Menschen gemacht wird. Richtig?

    Diese Schwierigkeit hab ich immer mit diesem Weblog: Es könnte alles ein Stück einfacher formuliert werden. ;)

  2. 2 besserscheitern 21. September 2009 um 14:07 Uhr

    Ähhem. Die Gruppe Kritikmaximierung verwendet im Jingle DJ Kozes Brutalga Square. Die [a.hro], also die echte Antifa Rostock hatte in ihrer popkulturellen Avanciertheit einen für Rostocker Verhältnisse damals bahnbrechenden Jingle mit ebendiesem Stück zum 1. Mai 2006 gebaut. :D

  3. 3 spiegelschrift 21. September 2009 um 15:20 Uhr

    Ja, der Beitrag hätte einmal wieder einfacher formuliert werden können, und möglicher Effekt dieses Blogs ist es vielleicht auch einmal, dass es mir gelingt, das Gleiche in einfacheren Wörtern und Konstruktionen auszudrücken.

    Magst du mir kurz sagen, welche Phase 2-Ausgaben das sind, damit ich das bei Gelegenheit nochmal nachlesen kann? Und es ging weniger, bzw. hier garnicht, um die arbeitsteilige Herstellung, sondern um kollektive Rezeption als Bedingung für die Wirksamkeit kritischer Kunst.

  4. 4 besserscheitern 21. September 2009 um 15:43 Uhr

    …und das sagen sie, wenn ich sie da recht verstehe, kann nur geschehen, wenn sie in den Przess der Produktion miteinbezogen sind.

    Phase 2.19 – Frühjahr 2006
    Völkerball – Team und Nation in der Globalisierung

    http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=368&print=

  5. 5 spiegelschrift 22. September 2009 um 8:26 Uhr

    Die Problemanalyse ist eine recht ähnliche, im Kern das Gleiche beschreibende. Die hier angedeutete Veränderung und die Forderung nach einem arbeitsteiligen Produktionsprozesses der Kunst sind aber zunächst zwei verschiedene. Auch durch ein einzelnes Künstler_innensubjekt, nicht-arbeitsteilig, produzierte Kunst kann so gestaltet sein, dass eine kollektive Rezeption (im obigen Sinne) möglich ist. Ich zweifle allerdings an, dass mit einem prozessualen Kunstbegriff und mit Produzent_innen und Rezipient_innen, die nicht losgelöst von gesellschaftlichen Diskursen existieren, überhaupt noch ein „einzelnes Künstler_innensubjekt“ existiert.

  6. 6 goldene 22. September 2009 um 16:25 Uhr

    „Kritische Kunst ist Kunst ohne Publikum“
    Hatte denn wenigstens die Veranstaltung und das Toco-Konzert Publikum?

  7. 7 Hella 17. April 2012 um 23:24 Uhr

    An den Author des Artikels:

    Lern erst mal Schreiben.
    Und klar, strukturiert Denken.
    Dann wirst Du von allein merken, daß Deine Sätze zu gedrechselt sind, um leicht verstanden zu werden (wie meine vor zwanzig Jahren – will sagen, man KANN es lernen! Wenn ich das geschafft habe, dann schaffst Du es spielend!)

    Solche Sätze taugen nur für Gesetzestexte oder Gerichtsurteiule – oder das Kleingedruckte von Banken und Versicherungen – kurz, für überall dort, wo es darum geht, Menschen über den Tisch zu ziehen, in einer Weise, daß sie noch glauben, sie selbst wären an ihrem Elend schuld.

    Will sagen: Ohne gutes Handwerk (und Einfühlungsvermögen in den Leser/Zuhörer) ist alles andere nichts, wenn man es ehrlich meint!

    Um sich durch so wirre formuliertes, mit Blähstil angereichertes Zeug zu quälen – und wären die Ideen im Kopfe auch noch so gut und klar – hat heute niemand mehr Zeit und Muse, dazu ist die Lage zu ernst – für alle!
    Frisch ans Werk!
    „… die schlechtsten Früchte sind es nicht, an denen die Wespen nagen …“ ;-)

    Hella

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