Der Mensch als Kunstwerk

„I was thrown out of drama school“

Wenn heutzutage gerade unberührte Natur als Kulturprodukt zu verstehen ist, da ihre Unberührtheit bewusste Entscheidung der Nicht-Berührung durch Menschen ist, ist – eindeutiger noch – menschliches Auftreten als Kulturprodukt und der Mensch somit als Kunstwerk zu verstehen. Dem Menschen ist in seinem Verhalten und Erscheinen keine Natürlichkeit mehr zuzuschreiben, da selbst angebliche Natürlichkeit als Distanzierung von gesellschaftlichen Normen und Vorstellungen Kulturleistung ist. Anders ausgedrückt findet menschliches Verhalten immer im Kontext der sozialen Normen seines Umfeldes und menschliche Selbstgestaltung oder angebliche Nicht-Gestaltung immer in Bezug auf die herrschende Ästhetik statt. Diese kann angenommen oder abgelehnt werden, eine Bezugsetzung zu ihr ist aber nicht umgehbar.

„For giving the finger to the teacher“

Ästhetik scheint dem Menschsein – in Sinne keiner angeborenen, gleichsam natürlichen Kategorie des Menschen, sondern dem Sein des Menschen in seiner kultürlichen Verfasstheit und damit als Veränderliches und Plurales gedacht – eine ähnlich basale Kategorie wie Geschlecht und Biographie, zweiterer näher, da ebenso wie diese schein-individuell und mit schwer fassbaren, dennoch engen Rahmungen versehen. Eine schwerere Fassbarkeit, die wohl auch die seltenere Thematisierung der Ästhetik in linksradikalen Kontexten und die geringere Verbreitung von Konzepten wie dem Lookism bedingt. Dennoch ist die Beurteilung unser selbst, anderer und unserer Umwelt immer auch an einer ästhetischen Kategorie ausgerichtet, die häufig Grundlage bewusster oder unbewusster Entscheidungen wird, ohne reflektiert zu werden.
Eine solche Reflektion der Repräsentationen von Ästhetik, die diese aus ihrer Schein-Individualität und damit ihr Verorten im Unpolitischen hervorholt, ohne einen schlichten Gegensatz zwischen herrschender Ästhetik und befreiter Natürlichkeit zu eröffnen, bietet Bourdieu. Hier soll aber nicht die Analyse der Ästhetiken im Vordergrund stehen, sondern die Frage des Umgangs mit der Kategorie Ästhetik.

„It was a different road that I chose“

Die Analyse der Ästhetik als basaler Kategorie der Idenität wirft die Frage auf, inwiefern eine Ausgestaltung jenseits der herrschenden Ästhetiken oder ihrer reinen Negation möglich ist; zumindest gesetzt der Annahme, dass es erwünscht ist, zu einer freieren Ausgestaltung des Selbst durch einen Abbau ästhetikgebundener Diskriminierungen zu gelangen. Die Arbeiten zur Kategorie Geschlecht bieten hier eine verwendbare Grundlage, da es in ihnen um eine Dekonstruktion von Identität und Körperlichkeit, wie sie in der Gesellschaft vermittelt werden, geht und somit auch direkt an der Frage der Ästhetik ansetzen.

„Call me kind of shadowy not easy to be caught“

In Hinblick auf die Ästhetik ist also die Reflektion über sie und ihr Erkennen als kulturelle und damit gesellschaftliche Kategorie notwendig. Ästhetik ist nicht einfach so und somit ist auch etwas nicht einfach so schön oder hässlich. Im – logisch nicht chronologisch – zweiten Schritt ist eine Selbstermächtigung durch bewusste (Teil-)Konstruktion einer Ästhetik/Identität und ihre Annahme nicht als gesetzte, scheinbar konstante Tatsache, sondern als ergreifbare Handlungsmöglichkeit, als an- und ablegbare Performance, ein Weg zu dem Ausweiten der möglichen und sichtbaren Ästhetiken, um so eine Ausweitung der Ästhetiken als ihre Auflösung zu betreiben. Daraus zu folgen hat aber auch eine Loslösung von der einfachen Negation herrschender ästhetischer Normen zugunsten einer scheinbaren Natürlichkeit zugunsten eines bewussten Spiels mit Ästhetiken und ihrer Brechung.


5 Antworten auf „Der Mensch als Kunstwerk“


  1. 1 jurij 20. Oktober 2009 um 23:14 Uhr

    Alles nicht so zuende gedacht, aber vielleicht ja was angedacht:

    Was ist zu betreiben? Dies: „eine Selbstermächtigung durch bewusste (Teil-)Konstruktion einer Ästhetik/Identität und ihre Annahme nicht als gesetzte, scheinbar konstante Tatsache, sondern als ergreifbare Handlungsmöglichkeit, als an- und ablegbare Performance, ein Weg zu dem Ausweiten der möglichen und sichtbaren Ästhetiken“.

    Wie wichtig ist hierbei, dass es immer nur ein Teilkonstrukt ist? Es geht darum, uns selbst zu gestalten. Aber unser Geschmack und unsere Identität ist nie etwas frei gewähltes. Er ist gebunden an unsere Sozialisation und irgendwie vermittelt wohl auch an die herrschenden Verhältnisse. Wir sind kein leeres Blatt, auf dem wir uns entwerfen können. Das ist zu bedenken, wenn wir davon sprechen uns selbst zu entwerfen. Denn müsste unserer Bedingkeit nicht auch einen starken Einfluss darauf haben, wie wir uns überhaupt nur entwerfen können? Und zwar in Auseinandersetzung mit bestehenden Entwürfen… [Gedanke verläuft sich]
    Heute habe ich, wenn ich ihn richtig verstanden habe, Bourdieus anspruchsvollen Vorschlag gelesen: Die Menschen sollten die gleichen Ressourchen zur Beteiligung in den versch. Feldern (wie u.a. dem der Ästhetik) haben bzw. eine Politik sollte dieses Ziel verfolgen. Aber ich weiß nicht, ob er für deine Ideen zu gebrauchen ist, denn mir scheinen Bourdieus Felder so gedacht zu sein, dass sie per se hierarchisch sind, mit etwas das umkämpft ist.

    Auch anknüpfend an das Problem davon, was es heißt, sich selbst zu entwerfen/gestalten: Dass die Menschen keine weißen Blätter sind, stimmt auch von seiten der Natur. So es eine Frage der Kultur ist, was wir daraus machen, es gibt doch noch eine biologische Seite an uns. Es kann sein, dass sie bei Geschmacksfragen nahezu oder ganz irrelevant ist. Daher kann ich nicht sagen, inwiefern unsere Natürlichkeit hier eine Rolle spielt. Aber, wie wir an der Krise unseres Öko-Systems sehen, wird sie nur all zu oft überhaupt vergessen. Andererseits ist klar, dass Geschmack nicht naturgegeben ist.

    Und ich wollte nochmal ein Argument von Bourdieu zitieren, dass mir gerade bei der „Negation der herrschenden Ästhetik“ eingefallen ist und das mich daran erinnert, dass du in einem anderen Blog-Eintrag Vereinnahmung thematisiert. Gegen diese Vereinnahmung, die Formen erhöht, die der herrschenden Ästhetik entgegengesetzt sind, setzt Bourdieu die „Verallgemeinerung der Bedingungen der Möglichkeit“ auf den Feldern mitzukämpfen, in denen es z.B. um Geschmacksfragen geht.

    Er nimmt Bezug auf den „politischen Ästhetizismus“ von Menschen, die sich bereits in den Feldern befinden, in denen gekämpft wird und die sich Formen annehmen, die der herrschenden Ästhetik einfach gegengesetzt sind:
    „Verschafft er [der politische Ästhetizismus] einem doch die Profite aus der demonstrativen Subversion, dem radical chic, während zugleich alles beim alten bleibt, die einen bei ihrer wirklich gebildeten und noch zu Vereinnahmung ihrer eigenen Infragestellung fähigen Kultur, die anderen bei ihrer willkürlich und fiktiv rehabilitierten Kultur.“

  2. 2 spiegelschrift 23. Oktober 2009 um 18:45 Uhr

    Die Grenzen die biologisch-technische Bedingungen des Körpers, ansozialisierte Ausgangspunkte und auch sozial erfolgende Grenzziehungen zwischen akzeptierter und (mehr oder minder offen) sanktionierte Ästhetik sind zu relevant. Der aufrufhafte Abschluss des obigen Textes sollte auch keine umfassende Freiheit behaupten, sondern nur auffordern, sich diese Grenzen bewusst zu machen und das, was Möglich ist, nicht als fest, sondern als verschiebbar/erweiterbar zu verstehen – was mit, trotz oder gegen bestehende Verhältnisse erfolgen kann.
    Von einer „biologischen Seite“ an uns würde ich so nicht sprechen wollen. Selbstverständlich sind Körper materiell vorhanden und wir nicht ohne Körper, aber auch der Körper ist ein Kulturprodukt. Training, Ernährung und Diät, Medikamente, Operationen, Frisuren usw. Das Kultur immer naturgebunden ist, widerspricht dem meiner Meinung nach nicht, sondern bestätigt die Kritik des Dualismus Natur – Kultur.
    Das eine Anti-Ästhetik rekuperiert werden kann und wird, ist bekannt (ich benannte das in entprechendem Artikel auch). Diese Rekuperation ist aber bei der eingeforderten Performance (im Butlerschen Sinne) durchaus gewünscht, da es bei ihr ja darum geht, das Feld der Möglichkeiten zu erweitern. Gleichzeitig besteht die Hoffnung, durch das An- und Ablegen von Ästhetiken ihre Naturalisierung aufzulösen und so die Selbstermächtigung zu erleichtern.

  3. 3 jurij 24. Oktober 2009 um 17:25 Uhr

    zu dem bourdieu-zitat: ich glaube es ging ziemlich vorbei an der sache, von der dein blog-eintrag handelt + ich habe ihn falsch zitiert, was ich nicht so stehen lassen möchte: es heißt „populistischer ästhetizismus“.

    ich habe noch mal den versuch gemacht, deine idee zu verstehen. ganz ist es mir noch nicht gelungen.

    einen vorteil sehe ich tatsächlich daran, aussehen als kunst zu verstehen. wenn es als kunst aufgefasst wird, ist es keine einfache naturtatsache, ob ein mensch gut oder schlecht aussieht. es verhindert noch nicht, dass bestimmte aussehensweisen diskriminiert werden. aber es schwächt das urteil über aussehen insofern ab, als ihm die absolutheit eines urteils der natur genommen wird.

    was ich aber nicht verstehe: sagst du, aussehen lässt sich im grunde an- und ablegen? dass es also alleine vom willen des menschen abhängt, wie er/sie aussieht. was sich aber höchstens auf diese weise an- und ablegen lässt ist doch sowas wie ein kleidungsstil (und wahrscheinlich stimmt es nicht mal bei diesem). aber aussehen, zB dick oder dünn zu sein, kann nicht einfach an- und abgelegt werden. beim lookism geht es ja gerade um dinge, die sich nicht einfach mal ablegen lassen.

    im gegenteil kann es sogar gefährlich sein, das aussehen als kunst zu verstehen. es könnte dazu führen, dass natürliche zu leugnen und im zusammenspiel mit den herrschenden normen zum noch stärkeren imperativ werden, sich den normen zu unterwerfen, sich ihnen anzupassen.

  4. 4 spiegelschrift 26. Oktober 2009 um 15:13 Uhr

    Als an- und ablegbar wird nicht das Aussehen an sich gefordert – und ich denke auch, dass dies nur in begrenztem Maße möglich ist – sondern seine eigene Ästhetik (umgesetzt eigenen Aussehen und Verhalten, z. B. ist Bekleidung da ein rein technisch sehr variables, wenig durch den Körper bestimmtes Feld, aber auch in Haltungen, Reden und Beurteilung von Ästhetiken) nicht als stabil und einheitlich und vor allem nicht als naturgegeben unabänderlich zu verstehen, sondern einen bewussten und durchaus spielerischen Umgang damit zu finden.
    Damit sollte keinesfalls gegen die Wirkmächtigkeit des Lookism oder die Notwendigkeit einer Anti-Lookism-Praxis sprechen. Vielmehr verband ich mit dem bewussteren Umgang mit der eigenen Ästhetik eine stärkere Reflektion über das auf ihr beruhendem Verhalten.

  1. 1 „Nur Fremdheit ist das Gegengift gegen Entfremdung.“ « spiegelschrift Pingback am 28. Januar 2010 um 18:14 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.