„Wo man singt, da lass dich nieder…“?

Studierendenproteste – und schon ist er da, der Zwiespalt: Mitmachen, mit vollen Engagement, in der Hoffnung, dass das gelebte Beispiel spontan entstandener, basisdemokratischer Strukturen bei einigen der Beteiligten die Motivation schafft, sich auch nachdem diese Welle der Proteste, spätestens am Tannenbaum, verebbt ist, politisch jenseits von Parteistrukturen einzubringen. Oder am Rand stehen, kommentieren und sich bestätigt sehen, dass es in den aktuellen Protesten nur um Jugendverbandsprofilierung und bestenfalls noch den Verteidigungskampf eines bürgerlichen Bildungsideals durch Bürger_innenkinder geht.

Die eigene, durchaus zweifelhafte, Sehnsucht auf ein bisschen Bewegungserleben, vor allem aber die spontane, dezentrale Struktur der diesmaligen Proteste führte mich dann doch in ein besetztes Universitätsgebäude und auf ein dortiges Plenum. Dort kam es – der Inhalt dieses Beitrags – als auflockernd gemeinte Unterbrechung zwischen zwei Themen, zum Vorführen eines Video-Einspielers, der in München entstanden ist, und der mit einem wohl in Wien entstandenen Protestsong unterlegt war.

Das Video selbst war unterhaltsam, wenn auch durchaus kritikwürdig ob seiner Konnotation des Unterordnens der Einzelnen unter die Masse, die gleichzeitig Symbol für die Inhalte der Proteste wurde, und somit zumindest als kollektivistisch lesbar war. Ich zumindest hätte das Video unterhaltsam und unproblematisch gefunden, wäre es nicht derart musikalisch unterlegt gewesen.

„Komm was da kommen mag – Sei was da seien mag/von hier wird uns niemand vertreiben“
Gleich die erste Zeilen generierten ein leichtes Unbehagen, das doppelt begründet war: Zum einen die offensichtliche Lüge, da keine der derzeitigen Besetzungen gegen eine Räumung zu halten wäre, noch die meisten der Studierenden bereit wären, eine der Besetzungen gegen eine Räumung zu verteidigen. Zum anderen die Wir-Konstruktion, die zumindest ich so nicht erlebte. Die Menschen, die sich in die Besetzung einbrachten, waren höchst unterschiedlich und von unterschiedlichsten Interessen geleitet, ein „Wir“ konnte ich nicht ausmachen.

Weite ging es mit „Kein Vorwurf kann treffen – Kein Urteil uns schaden/was wir besetzt – hat uns schon gehört“
Erneut eine Lüge, Strafverfolgung war und ist möglich und zu erwarten, und Strafverfolgung schadet den Betroffenen, ökonomisch wie psychisch. Schlimmer wiegte in dem Moment jedoch die zweite Zeile, sie war das erste ernstlich Unangenehme an dem Lied. In der Idee, dass jenes, „was wir besetzt“ – Hörsäle, gemeint wohl die Universität in Gänze – „uns“ schon gehört habe erschien (und erscheint) mir als Idealismus, der an den realen Verhältnissen vorbeigeht und zudem das Eintreten für bessere Lehr- und Lernbedingungen an der Universität von einem progressiven Einsatz zu einer Rekonstruktion der als wahr suggerierten, zur Zeit bloß nicht wirklichen Zustände mit reaktionärem Selbstverständnis umkehrte.

„Wir bleiben ewig, das Plenum/ist unsere Festung – Die Basis sind wir“ ging es weiter, Militarismus, kritikwürdig und darüber hinaus unangebracht, Wir-Konstruktion, die die Individuen in eine gemeinsame Entität auflöste ohne Platz für abweichende Positionierungen und Selbstverständnisse zu lassen. Dazu ein Ewigkeitsgedanke, in dem erneut der transportierte Idealismus durchschimmerte.

„Hoch nun, die Schultern geschlossen/zusammen statt kleingeist – beflügelt und frei!“, mir klang „Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen“ in den Ohren, dazu das Beiseitewischen aller Bedenkenträger_innen, die das „Zusammen“ stören.

„Wir sind das Netz, die Stimme, das Megaphon/Schließt euch der Sache an, der Raum bleibt besetzt“ Auch hier wieder unangenehmes Assoziieren, erinnerte ich mich doch reflexartig daran, dass ich weder Baum, noch sonst irgendetwas sei, was ich nicht bin.
Das Lied ging relativ lang, ich fühlte mich unwohl, zum Abschluss gab es lauten Applaus für das Video, das wohl mehrheitlich als lustige Idee empfunden wurde, im Plenum, und ich fragte mich, auf welcher Textbasis das Lied geschrieben wurde. Das Bedürfnis nach einem Wir-Gefühl schien im Raum relativ groß – inwiefern das auf die derzeitigen Studierendenproteste im allgemeinen übertragbar ist, kann ich nicht beurteilen. Ich mag der/dem Texter_in/Texter_innen des Liedes auch gar keine finstere Absicht unterstellen, bedienten sie sich doch bloß in dieser Gesellschaft vorhandenen Bildern und Formulierungen. Ob sie deren regressiven Gehalt ignorierten, nicht erkannten oder bewusst anstrebten, ist mir unbekannt und auch nicht wichtig. Die Fragestellung, die ich mit diesem Lied verknüpfe, ist die, wie eine größere Reflektion über politische Konstruktionen in scheinbar vorpolitischen, künstlerischen Produkten und Begleiterscheinungen erreicht werden kann; und zum anderen die sorgevolle Frage, wie viele der aktuell Protestierenden eben genau dieses Wir-Gefühl und die moralische Berechtigung zum Protestieren, den eine solche idealistische Fundierung ermöglicht, anstreben.


1 Antwort auf „„Wo man singt, da lass dich nieder…“?“


  1. 1 „…ist die Nacht am tiefsten.“ « spiegelschrift Pingback am 29. Juli 2011 um 14:44 Uhr
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