Zum Begriff der „Multitude“

Auf der Suche nach einem revolutionären Subjekt schöpften Hardt/Negri in ihrem Buch Empire die „Multitude“ als scheinbaren Bezugspunkt für emanzipatorische Politik. Ihre Konzeption ist aber derart konstruiert, dass sie einen Bezug auf regressive Bewegungen denken lässt – ein Bezug, der von Hardt und Negri selbst auch gedacht und ausgesprochen wird, wenn die Kämpfe palästinensischer Gruppen gegen Israel oder allen bewaffneten Kampf gegen die Truppen der USA und ihrer Alliierten im Irak als Kampf der „Multitude“ gegen das „Empire“ verstanden werden (vgl. Beitrag „Krise und so“).

„Wenn die Nacht am tiefsten ist,…“

Dieser Fehler in der Konzeption eines der (beiden) zentralen Begriffe der Arbeit von Hardt/Negri ruht in dem grundlegenden Konzept der „Multitude“. Die „Multitude“ wird als gut und an der Immanenz, dem Leben selbst, orientiert gedacht, die ohne anderen Einfluss den Kommunismus realisieren würde. Ihr gegenüber wird eine Vermittlungsdistanz positioniert, die eine transzendente Legitimation von Herrschaft stellt. Hardt/Negri zählen, in historischer Abfolge vom Mittelalter zur Moderne, dafür „Gott“, den „König“ und schließlich die „Nation“ auf. (vgl. Empire S. 92) Aktuell wird nach Hardt/Negri die Moderne zum „Empire“ hin überwunden, das selbst keinerlei derartige transzendente Legitimation mehr benötigt, aber dennoch der Immanenz der „Multitude“ gegenüber stehe.
Ungeachtet der Frage nach der Analysekraft der „Empire“-Konzeption und der Frage nach der plumpen Dialektik der dezidiert antidialektischen Autoren, führt das Konzept, dass die „Multitude“ selbst als nur durch den Einfluss transzendenter Legitimationskonzepte oder des „Empires“ vom Kommunismus abgehaltene Kraft zu einigen Problemen. Eine ist die Bewertung subalternen Nationalismus:

Grob gesagt: Es hat den Anschein, als ob der Begriff der Nation in Händen der Herrschenden Stillstand und Restauration befördert, während er in den Händen der Unterworfenen zu einer Waffe im Kampf um Veränderung und Revolution wird. (S. 119)

Ein Anschein, der sich für Hardt/Negri bestätigt und darüber hinaus positiv ist, da „Kampf um Veränderung und Revolution“ rein positiv, als automatisch progressiver Kampf, gedacht wird. Subalterner Nationalismus wird als Waffe gegen Besatzungsmacht, internationales Kapital, Abwertung der Identität und als einigendes Moment positiv gesehen. Die – durchaus benannten – negativen Seiten, wie die Repression und Normierung nach Innen, werden als bedauerlicher, aber ertragbarer Preis gesehen, zumal „…die Nation mitunter der einzige zur Verfügung stehende Begriff zu sein [scheint], um eine imaginäre Gemeinschaft der subalternen Gruppe zu schaffen.“ (S. 120) Der Nationalismus ist ein notwendiges, wenn auch „zweischneidiges Schwert.“ (ebenda) Die Idee, das auch subalterner Nationalismus die als „Empire“ kritisierte Herrschaft (re)produziert wird – trotz des Bezugs auf die Foucaultsche Biomacht – nicht gedacht, da diese anscheinend in der Konzeption von Hardt/Negri von dem freien Zugang zum Weltmarkt und einer formellen Staatlichkeit abhängt. Damit bleiben Angstzonen, sogenannte rechtsfreie Räume, Gebiete gescheiterter Staatlichkeit und Racket-artige Herrschaftsstrukturen unbetrachtbar, und eine „Institutionalisierung“ der Herrschaft findet erst mit der Staatlichkeit statt – mit der dann jedoch der positive Bezug auf den Nationalismus endet, da mit „…der Nationalen ‚Befreiung’ und der Errichtung eines Nationalstaats … [unweigerlich] die repressiven Funktionen moderner Souveränität … die Oberhand…“ (S. 122) gewinnen.
Der Nationalismus selbst ist also bei Hardt/Negri ein Konzept mit ambivalenten Folgen, dass erst in der Hand eines Nationalstaates eindeutig repressiv wird.

„…ist die Nacht am tiefsten.“

Eine Analyse, die nationalistische Bewegungen als positiv in die „Multitude“ verortet, solange sie nur gegen vorherrschende Staatlichkeit ankämpfen und deren Repressionsleistungen weitestgehend verleugnet. Dies hängt nicht zuletzt mit der grundlegenden Geschichtskonzeption bei Hardt/Negri zusammen: Das revolutionäre Subjekt ist die „Multitude“, weil sie das Subjekt der Geschichte ist. Aller Fortschritt, auch aller Fortschritt in den Produktionsverhältnissen, ist Folge der Kämpfe der „Multitude“. Diese „Multitude“ wird als ein „Wir“ gedacht, ein „Wir“, das „…Herren dieser Welt [ist], weil unser Begehren und unsere Arbeit sie fortwährend neu erschaff[t].“ (S. 394) Letzterem „Wir“ wird dann eine parasitär dargestellte Herrschaft des „Empires“ gegenübergestellt – die sich in den Begriffen der „Generation“ und „Korruption“ fasst, übersetzbar auch als „schaffend“ und „raffend“. Formulierungen, die zum einen ein linear-teleologisches Geschichtsverständnis, zum anderen einen simplen Dualismus offenbaren: Aller Fortschritt der Multitude, aller Stillstand der Herrschaft (des Königs/Nationalstaats/Kapitals/Empires).
Sowohl das positive Denken vom (subalternen) Nationalismus als auch und vor allem das lineare, auf Fortschritt ausgerichtete Geschichtsbild, in dem das einzige Hindernis zum spontanen Auftreten des Kommunismus das „Empire“ ist, begründen sich in einer fatalen, absichtlichen (!) Ausblendung:

Doch dieser Übergang ist ebenso bekannt wie der Gewaltausbruch im Zuge dieser Machtübertragung, der beispielhafte Gehorsam des deutschen Volkes, dessen militärischer und ziviler Einsatz im Dienste der Nation die Folgen, die sich chiffrenhaft verkürzt auf die Begriffe Auschwitz (als Symbol für die Vernichtung der Juden) und Buchenwald (als Symbol für die Vernichtung der Kommunisten, Homosexuellen, ‚Zigeunern’ und anderen) bringen lassen. Doch diese Geschichte wollen wir anderen Gelehrten und der Schande der Geschichte überlassen.(S. 124)

Mit der Ausblendung der Shoah als auch der aktiven Selbstkonstituierung der Deutschen als Täter_innenvolk bleibt ein solches Bild der „Multitude“ möglich, verliert aber zugleich jeglichen politischen Nutzen für emanzipatorische Konzepte – zumal die absichtsvolle Ausblendung an den angeblich progressiven politischen Konzepten und Zielen der Autoren zweifeln lassen.

„Habt keine Furcht, tragt eure Schuld“

In der Konsequenz dieser Ausblendungen steht auch das Verständnis, dass Hardt/Negri vom Faschismus haben. Die faschistische Herrschaft in Deutschland und Italien wird als „Projekt der kapitalistischen Restrukturierung“ (S. 253) verstanden, beide Staaten im Konflikt mit der Sowjetunion „Stellvertreter der konfligierenden Klassen“ (S. 123) – und schließt damit an die Dimitroff-These an. Generell wird unter Faschismus nur eine Form staatlicher Herrschaft verstanden, eine Betrachtung faschistischer Bewegungen findet nicht statt – und würde ohne Aufgabe grundlegender Konzepte ja auch zu einer Einordnung in der „Multitude“ gleich subalternen Nationalismus führen.

Ähnlich wie beim Faschismus, bleibt auch beim Fundamentalismus Hardt/Negri bei Beibehaltung ihres ungebrochen positiven Bezugs auf ihre „Multitude“ nur eine Fehlanalyse übrig. Fundamentalismus ist bei ihnen eine Reaktion auf den Prozess des Übergangs zum Empire, als „postmodernes Unternehmen“ (S. 161), ohne erklären zu können, warum es schon in der Moderne Fundamentalismen gab. Durchaus richtig zeigen sie zwar auf, dass der Fundamentalismus keineswegs eine Rekonstruktion tatsächlich in der Vergangenheit vorhandener Verhältnisse darstellt, deuten den Kampf der Fundamentalismen aber nur als Kampf der Globalisierungsverlierer_innen gegen den Weltmarkt (vgl. S. 162) und suggerieren so, dass Fundamentalismen einen rein negativen Abwehrkampf gegen das sich konstituierende Empire führen, der die regressiven Ordnungsvorstellungen der Fundamentalismen leugnet. Gleichzeitig – in der dem gesamten Werk eigenen verschleiernden Undeutlichkeit – stellen sie die Fundamentalismen als Herrschaftsistrument des „Empires“ da, das „…seine Macht dazu nutzt, um die verschiedenen Mächte des Nationalismus und Fundamentalismus zu organisieren und zu orchestrieren.“ (S. 405)

„Tot, tot, tot, tot“

All diese Aspekte des falschen Verständnisses eines revolutionären/geschichtlichen Subjekts „Multitude“ durchzieht die Begrifflichkeit der Transzendenz und Immanenz. Bei Hardt/Negri sind tranzendent begründete Ordnungsvorstellungen immer regressive Herrschaftsinstrumente die gegen die Immanenz der „Multitude“ gerichtet ist. Eine rein immanente Politikvorstellung ist bei ihnen erstrebenswert. Das jede Ordnungsvorstellung, auch die des Kommunismus, ihr politisches Handeln an einem Soll ausrichtet, das wertgeleitet auf nicht belegbaren Erkenntnissen beruht (wie z.B. dem Satz, das es Ziel sein müsse, „…alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (K. Marx)) , sie also letztlich ebenso wenig immanent sind, wie die Konzeption eines Gottes oder einer Nation, wird ausgeblendet. Das sich damit keinesfalls eine Politik ohne transzendente Bezüge möglich wird, sondern eine völlig beliebige Solidarität ermöglicht und die eigene Wertgeleitetheit – bei Hardt/Negris Empire z.B. in einem Ideal der schöpferischen Tätigkeit, des Lebens, der Auflösung des Subjekts in einem „Wir“ der „Multitude“ und einer manichäistischen Weltvorstellung eines „Wir“ (Multitude) gegen das Böse (Empire) besteht – verschleiert. Gerade letzteres ist nicht nur erstaunlich, da sich Hardt/Negri mehrfach deutlich gegen Strukturierungen in Dualismen oder dialektische Formen aussprechen, sondern auch bedenklich, da – wie schon weiter oben in den Begriffen „Generation“ und „Korruption“ aufgezeigt – diese zentrales Denkmuster von Faschismus und Fundamentalismen sind.

Empire als .pdf (englisch)

Weiterführende Kritiken:
Alles vermengt,
Das Imperium schlägt zurück,
und insbesondere how to strike back the „Empire“

Alle Zitate mit Seitenverweis aus Hardt/Negri (2002): Empire. Die Neue Weltordnung.Campus Verlag: Frankfurt/Main. 1. Auflage.


1 Antwort auf „Zum Begriff der „Multitude““


  1. 1 „Die Verhältnisse überwinden in denen…“ – ja wer eigentlich? « spiegelschrift Pingback am 31. März 2010 um 19:11 Uhr
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