„Nur Fremdheit ist das Gegengift gegen Entfremdung.“

Der nachfolgende Text ist nicht als Rezension zu verstehen. Vielmehr habe [ich] Stimmen gehört, die mir geeignet erscheinen, einen Gedankengang mit Wörtern zu versehen – auch wenn sie explizit nicht einem Wörterbuch entstammen. Ich versuche also nicht zu, sondern mit Architektur zu tanzen, um von hier aus [zu] scheitern.

Wie bereits anhand der Kategorie Ästhetik beschrieben, ist der Mensch in seiner gegenwärtigen Verfasstheit nicht als autonomes Subjekt zu denken, sondern als von den Verhältnissen durchdrungende Existenz, versteht sich selbst aber in vielen Bereichen als solches.

Diese Selbstinterpretation als autonomes Subjekt zu überwinden und damit die Aufhebung der Identifikation mit der eigenen handlungsanleitenden Kategorien ist ebenso Aufgabe wie ihre Ent-Naturalisierung. Zu Beginn dieser Aufhebung steht als erster (logischer) Schritt das Eingeständnis der eigenen Nicht-Autonomie. Mein Ruin das ist mein Ziel, denn im Bewusstsein der eigenen Druchdrungenheit bleibt zunächst und scheinbar wenig, an was sich zu klammern ist, nur mein Ruin ist was mir bleibt.
Diese scheinbare Selbstentmachtung trägt in ihrem Zentrum die Verweigerung nach innen und außen. Sag alles ab und frag nicht nach dem Zweck. Der Entzug und Müßiggang – Ja, ich habe heute nichts gemacht. Ja, meine Arbeit ist vollbracht – ist aber nicht bloße Verweigerung gegenüber einem Außen, sondern eben und vor allem Verweigerung gegenüber den eigenen Handlungskategorien, der Fetischisierung der Arbeit, des Schaffens. Ihr entgegen ist der Ruf: Mach es nicht selbst zu setzen. Dieses Nicht-Tun verhindert zugleich die Entfremdung vom Geschaffenen, denn was wir niemals zu Ende bringen, kann kein Moloch je verschlingen.

Im Zentrum der eigenen Handlungskategorien steht die Pure Vernunft, die derzeit als moderne, instrumentelle Vernunft zu verstehen ist. Sie darf niemals siegen, das Nutzlose – und damit im Sinne instrumenteller Vernunft Irrationale – wird [d.h. soll] siegen. Und da schwerlich ein anderes Vernunft-Verständnis sicher abgrenzbar ist, bleibt nur ihre Negation, wir brauchen dringend neue Lügen, die gegenüber der falschen Vernunft als wahre Lügen, als Mythos, fungieren.
Ihre Aufgaben sind, uns vor stumpfer Wahrheit [zu] warnen und uns den Schatz des Wahnsinns zeigen, vor allem aber, die die uns helfen wollen, [zu] bekriegen“ – wobei das ‚helfen‘ in diesem Sinne zu verstehen ist – und (zentral) uns [zu] fragmentieren.

Diese Selbst-Fragmentierung, die Absage an das identische Subjekt, führt naheliegend zu einem Stohhalm, an dem dieser Versuch sich festklammern kann. Wir sind viele, jede_r einzelne von uns offenbart nicht nur die Nicht-Identität mich sich selbst, sondern auch die gesellschaftlichen und damit kollektiven Bezüge der Subjektivitäten. Damit ist nicht auf eine Aufhebung in ein identisches Kollektiv zu zielen, das dann selbst wieder eine Reproduktion des autonomen Subjekts darstellt, sondern vielmehr das Erkennen der Gesellschaftlichkeit unseres Seins. Wer „Ich“ sagt, hat noch nichts gesagt und doch sind wir kein Wir, sondern uns einander ewig fremd. Diese Fremdheit ist das, was aneinander für sich selbst erlernbar ist. Denn die Distanz zum eigenen entfremdeten Selbst ist zunächst schwer zu gewinnen. Der Blick auf die Fremdheit gegenüber anderen ist möglich, aus meiner Festung [kann] ich nach draußen [sehen], aber bisher bleibt nur der Appell an die Fremden, Kommt alle rein und holt mich hier raus.

Um die eigene Identität zu überwinden bietet sich also als (logisch) nächster Schritt die Internalisierung Anderer ins Ich an, die die Fremde im Ich denkbar macht. Dazu naheliegend ist das Gefühl der Liebe. Ungeachtet der teilweise berechtigten, an dieser Stelle nicht diskutierten, Kritik am Begriff und Konzept der (romantischen) Liebe erscheint die Liebe als emotionale Praxis der einzige – nicht selbstzerstörerische – Weg, die Fremdheit intern zu prozessieren. Küss mich bis ich nicht mehr kann, führ mich in Treibsand ist der Aufruf, ich geb soviel bis nichts mehr von mir übrig ist der Fluchtpunkt der Emotion, ich bin wehrlos ohne dich ihr Zentrum. Diese Selbstaufgabe im inneren Anderen, in der Liebe (nicht zu verwechseln mit der/den geliebten Person/en), in und mit den Imitationen von dir ermöglicht schließlich eine Fremdheit, die das als autonom verstandene Subjekt anzweifeln lassen. Wie eine Festung bestürme ich mich.

Im Denken in dieser Fremdheit von sich selbst ist es dann möglich, zu rufen: Verschwör dich gegen dich, eine Handlung, die das entfremdete Subjekt verweigert und damit die Entfremdung emotional ähnlich wie Liebe überwinden könnte: Nah dem wilden Herzen wirst du sein. Die Selbst-Aufforderung zur Kapitulation wird also vom hilflosen Prozessieren des Ohnmachtsgefühls zu einem Tun, das – sofern nicht durch ökonomische Zwänge die Rückkopplung an die Notwendigkeit des Überlebens derart stark ist – die Verweigerung der Aufforderung die Aufforderung selbst negiert.

Doch welche Perspektiven bleiben, die Negation des scheinautonomen Subjekts und dessen Identität in ein Tun über die Verweigerung hinaus zu entwickeln. Zum einen ist die eigene Fremdheit nachzuleben, indem sie ausgelebt wird. Schall und Wahn, ich bin euch untertan … ich bin ein Teil des Teils, das Détournement der Entfremdung – das Scheitern muss, wenn es dauerhaft gedacht wird, aber als zeitweise Fremd-Setzung des Ichs lebbar ist. Das bewusste Leben der Nicht-Identität über die Zeit, das oszillieren zwischen Nicht-Festgelegtem schlägt eine ähnliche Richtung ein.
Darüber hinaus bleibt die Orientierung an notwendigen, wenn auch utopisch erscheienden Forderungen (wie Keine Angst für niemand und Alles für alle) die die umfassende Negation der herrschenden Verhältnisse anrufen und, parallel dazu, die Notwendigkeit des Bewusstseins, dass keine Befreiung zu erreichen ist, wir also von diesen Verhältnissen durchdrungen bleiben – die Folter endet nie. Dies macht die beschriebene Mühe nicht sinnlos, sondern betont die Notwendigkeit der Nicht-Identität und das ständige Reflektieren statt einer scheinsicheren Gegenidentität, im Zweifel [also] für den Zweifel, für Zwischenstufen, für die äußerste Zerbrechlichkeit usw.

Alle kursiven Textelemente sind Zitate von:
Tocotronic (2005) – Pure Vernunft darf niemals siegen.
Tocotronic (2007) – Kapitulation.
Tocotronic (2010) – Schall & Wahn.

Post scriptum: So steht es geschrieben, oder auch nicht.


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