Beitrag „Gemächliches Aufstehen“

Folgend ein Text, der als Beitrag zu einer Aus- und Bewertung der Studierendenproteste im November und Dezember in Kiel geplant wurde. Im Fokus der Betrachtung steht die Darstellung und Selbst-Symbolisierung der Besetzung.

Immer wieder war das Wort der Besetzung als ‚symbolische Aktion’ zu hören, sowohl vor Ort, als auch in der Berichterstattung über die Besetzung, in den Kieler Nachrichten, der Schleswig-Holstein Zeitung und auch der tageszeitung. Dieses Selbst- und Außenverständnis als Symbol lässt es naheliegend erscheinen, zum einen die Besetzung als Zeichen, zum anderen Berichterstattung über die Besetzung zu betrachten, um aufzuzeigen, was symbolisiert wurde.

Im taz-Artikel „Gemächlicher Aufstand“ vom 22.11. erscheint die Besetzung als eine Wohlfühlgemeinschaft. Das gemeinsame Kochen – das in der Besetzungspraxis eher die Dienstleistung einer VoKü-Gruppe für die übrigen Beteiligten war – Gitarrenspiel, Gesellschaftsspiele, Glühwein im Wasserkocher. Ein Zitat fasst die im Artikel entfaltete Stimmung in einem kurzen Satz zusammen: „’Wir sind grad eine große WG.’“ Der Protest findet nur marginale Erwähnung, die Betonung liegt hier darauf, dass sich für die Diskussion viel Zeit genommen wird.

Die Erst-Lektüre während der Besetzung erzeugte zwei Empfindungen, zum einen, das Nicht-Wiedergegeben-Sehen der eigenen Besetzungserfahrung, die die Besetzung durchaus weniger harmonisch und kitschig erleben lies, zum anderen, die Freude eines Berichts, der bei den, als grünalternative Bürger_innen antizipierten, taz-Leser_innen auf hohe Sympathie stoßen müsste. Im Nachhinein betrachtet bietet der Artikel dennoch eine recht treffende Wiedergabe des Symbols Besetzung.

„In den besetzten Räumen wollen die Studenten Lösungsansätze erarbeiten, um das Bildungssystem zu verbessern und sich dann mit dem Präsidium zusammensetzen.“ heißt es bei der taz. Und in der Tat war die Besetzung als Symbol – nicht identisch mit der Absicht aller Besetzer_innen – eine an die Verantwortlichen appellierende und äußerte gleichzeitig das Bedürfnis, sich selbst konstruktiv als Berater_innen in die Verwaltung und Regierung der Universität einzubringen. Es gab einen – direkt auf die Außenwahrnehmung der Besetzung zielenden – Beschluss über das Nicht-Zeigen politischer Symbole, das weniger dazu diente, die Konstruktion einer gruppengelenkten Bewegung in der Wahrnehmung dieser zu verhindern. Er zielte vielmehr vornehmlich auf das Unterbinden von Symbolen, die als konfrontativ verstanden werden könnten, etwa, indem sie mit gesellschaftskritischen Inhalten in Verbindung zu bringen seien. Mit ähnlichem Impetus gab es die Zensur von Transparenten, die gänzlich abgehangen wurden oder aus denen die Parole „Kapitalismus abschaffen“ per Schere entfernt wurde.

Auch in der Form der Besetzung selbst äußerte sich das aktive und bewusste Verbleiben innerhalb des gesellschaftlich gewünschten Politikbereichs. Die Besetzung setzte sich nicht in eine Aneignung der Alten Mensa um, sondern in ihr Bespielen. Zwar boten das öffentliche Kochen im Flur und die – erst recht spät und zögerlich eingerichtete – Sitzecke im Foyer erste Ansätze der Umnutzung, Graffiti wurden jedoch als Sachbeschädigung abgelehnt und auch Aufkleber wurden immer wieder von Beteiligten entfernt. Der immer wieder neu diskutierte und inkonsequente Umgang mit dem Universitätssicherheitsdienst bildete ebenso das Verständnis der Besetzer_innen als Gäste des Präsidiums ab.
Der obige Satz in der taz, die Besetzung als „große WG“ trifft also durchaus zu; Wohngemeinschaft, und eben nicht Kommune. Die Besetzer_innen verstanden sich weitgehend nicht als gesellschaftskritisch, sondern formulierten mit ihrer Besetzung einen Appell an die – scheinbar oder tatsächlich – Verantwortlichen des Bildungssystems, in dem sie darum baten, Fehler auszubessern und die Funktionsfähigkeit zu optimieren. In einem solchen Verständnis konstituierte sich die Besetzung nicht als Raum der Wiederaneignung tatsächlicher Politikfähigkeit sondern eben als rein appellatives, unkritisches Symbol – und wurde als solches in der Presse zutreffend wiedergegeben.