„…dann macht Verräterei, dass ich mich zu einem Bettler wünsche…“

Unerwartet, dank geschenkter Karte, im Thalia-Theater. Aufgeführt wurde „Richard II. Solo eins Königs“ – eine Shakespeare-Bearbeitung. Aufgeführt wurde es als Monolog-Stück mit Originaltext verschiedener Rollen, der jedoch neu angeordnet und teilweise mehrfach an verschiedenen Stellen des Stückes gesprochen wurde. Ohne Vorbereitung machte ich mich daran, das Stück zu entschlüsseln und fand schließlich einen Zugang im erlebten Widerspruch Richards II. als König. Eingängig wurde dargestellt, wie der König vor seiner Absetzung an seinem Königsein leidet, dass ihm zu Handlungen führt, die seiner als persönlich konstruierten Moral widerspricht, da das Königtum sie verlangt, und hin und her geworfen ist zwischen jenem Leid und dem übersteigertem Wurf in die Rolle des willkürlichen Herrschers. Nach der Absetzung – im Stück die gesamte Inszenierung über verschränkt mit den Textelementen die vor der Absetzung spielen – verschiebt und verdoppelt sich der Zwiespalt. Das Ringen um die Anerkennung der Absetzung, die einerseits faktisch stattfand – Richard II. ist im Kerker – und der Darstellung zufolge auch in Adel und Volk begrüßt wurde, andererseits aber der Gottgegebenheit der Königswürde widerspricht. Dieser Zwiespalt ist gedoppelt darin, dass der von der Königswürde befreite Richard II. feststellt, dass er als Bettler (der er vor der Absetzung lieber sein wollte als König) soziale Not leidet, so das das Königtum nun attraktiv wird, andererseits darin, das der ‚unabsetzbare’ König keine Königsmacht hat, und auch Gott nicht zu seinen Gunsten eingreift. Im (rekonstruiert chronologischen) Verlauf steigert sich das Problem des abgesetzten unabsetzbaren Königs dahin, dass sich Richards Identität ihm völlig verliert. Er war König und nichts als König, so ist er nun nichts. Selbst sein Name – der ja Herrschaftsname ist – ist verloren.

Derart inszeniert bietet sich das Stück für zwei Parallelisierungen an. Zum einen im Hinblick auf die Bedeutung der Werktätigkeit in der Gesellschaft – inbesondere der deutschen. Das Ideal der Arbeit, als unbefristete Werktätigkeit bei einem einzelnen Betrieb, setzt die Rolle als Werktätige_r in eine besondere Position, die von dort für Nicht-Werktätige äquivalente Formen prägt. Gleich nach Name, Geschlecht und Alter folgt die Antwort auf die Frage „Was machst du?“ (die z. B. wenn das Studieren schon vermuten wird „Was studierst du?“ lautet) – und eine Antwort, die nicht auf die Werktätigkeit (oder eben ihr Äquivalent wie „Student_in“, „Hausfrau & Mutter“, „Renter_in“) abzielt, wird nicht als gültige Antwort gesehen. Hieraus resultiert – wie in jenem Theaterstück dargestellt – eine Identitätskrise bei Verlust der Werktätigkeit. Vor ihrem Verlust war sie/er jemand – eine Straßenbahnfahrerin, ein Krankenpfleger, was auch immer – hinterher ist sie/er niemand, und dann, weil es psychisch zu prozessieren ist, anders als das Niemand-Sein, „Hartz-IV-Empfänger_in“, mit allen gesellschaftlich hegemonialen, negativen Attributierungen. Eine Befreiung durch die Befreiung von der Lohnarbeit ist somit nicht bloß durch den Hungersatz des ALG-II und den Kontrollmechanismen der sog. Arbeitsgemeinschaften verhindert, sondern die Verhinderung ideologisch abgesichert.

Die zweite Parallelisierung – die zugleich dienlich ist, die erste nicht als Kritik einer bestimmten Form der Identität zu verstehen, sondern den Blick auf das Identitätskonzept generell aufzuwerfen – ist der Bezug auf den Begriff der Rolle bei Sartre. Sartres Anthropologie entwirft den Menschen als Sein, das nicht ist, was es ist, also als Sein, das die Bedingungen und Grenzen seines eigenen Seins stets zu überschreiten sucht, seine eigene Negation beinhaltet. Die Rolle taucht somit als etwas angenommenes auf, das niemals ganz erreicht werden kann, hinter dem aber auch Nichts steht. Ich ist nicht gleich Rolle, aber ich bin die Rolle, ohne sie ganz sein zu können. Das Problem Richard II. ist also eines, das in allen Menschen ständig prozessiert wird, da die Erfüllung einer Rolle immer im Widerspruch zum Menschsein steht und somit auch immer im Scheitern begriffen ist – der Mensch sich somit im Spannungsfeld zwischen nicht-gelingen-könnender Rollenerfüllung und Identitätslosigkeit bewegt.