„…dann find ich das schade.“

„we‘ll reach for the sky“

Auf einer Autofahrt in eine Diskussion über Drogen (ein Begriff, der in der Diskussion nicht näher definiert wurde, sich aber auf chemisch psychotrop wirkende Substanzen bezog) verwickelt worden, kristallierten sich bald zwei Positionen heraus. Ihren Ausgangspunkt nahm die Diskussion bei konkretem, kritikwürdigem Verhalten von Menschen unter Einfluss von Drogen, schwenkte jedoch bald zu einer Diskussion über den Konsum von Drogen an sich. Während eine der beiden Diskussionsparteien die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln, unabhängig ob unter dem Einfluss von Drogen oder ohne diese, im Zentrum ihrer Positionen hatte, bezog die andere Diskussionspartei eine Position, die den Konsum von Drogen als solche beurteilte. Hierbei fielen mehrfach Aussagen, die ein bestimmtes Menschenbild offenbarten.

„no valley to deep, no mountain to high“

Zwar wurden Drogen als Methode der Verbesserung des eigenen Empfindens anerkannt, aber es wurde als (moralisch) besser bewertet, einen angenehmen Gemütszustand ohne Drogen zu erreichen. Es wurde als „schade“ abgewertet, wenn jemand Drogen benutze, um einen bestimmten Gemütszustand zu erreichen, anstatt es zu versuchen, ohne sie zu benutzen.
Auch wurde behauptet, unter Drogeneinfluss sei ein Mensch „weniger er selbst“, als frei von diesem Einfluss. Unter diesem Argument wurde besonders herausgestellt, das der Drogenkonsum zur Enthemmung, sprich zur Überwindung ansozialisierter, als Hindernis empfundener Verhaltensnormierungen, „unehrlich“ sei.
Schließlich wurde der Konsum von Drogen zur Ermöglichung von Handlungsspielräumen oder Stimmungen als „mechanischer“ Umgang mit dem eigenen Selbst kritisiert.

Das die einzelnen Argumente weit über Drogen hinausreichen, ist leicht aufzuzeigen. Auch Bekleidung, Körpermodifikationen wie Piercings oder Tätowierungen, Schminke etc. dienen unter anderem der Beeinflussung seiner eigenen Gemütslage, dazu, sich mit der eigenen Körperlichkeit wohler zu fühlen. Auch das Essen gegen Hunger oder das Trinken gegen Durst offenbart jenen angeblich mechanischen Umgang mit sich selbst usw.
Entscheidender ist, das im Kern dieser Argumentation die Vorstellung einer festliegenden menschlichen Existenz liegt, die durch die menschliche Freiheit nicht zu überwinden ist – also die Vorstellung eines natürlichen oder authentischen Kerns. Dieser Kern, das authentische Ich-Sein, ist äußerlichen Einflüssen ausgesetzt, die unauthentisches, unehrliches Verhalten bewirken. Ein Mensch verhält sich dann authentisch und damit moralisch hochwertiger, wenn er sich von diesen Außeneinflüssen frei macht und in Identität mit seinem Ich-Sein ist.
Wie schon diese sprachlichen Verdrehungen offenbaren, hat diese Konzeption entscheidene Schwächen. Sie negiert die menschliche Freiheit über das eigene Verhalten. Die eigene Entscheidung, Drogen zu nehmen, damit ein bestimmter Mangel beseitigt wird, wird zu einer unauthentischen Entscheidung gegen das eigene Sein gewendet. Die menschliche Freiheit reduziert sich damit auf ein Verwirklichen eines feststehenden und unabänderlichen, authentischen Seins. Entwicklung, Über-Sich-Hinausgehen, wird dem menschlichen Sein nicht mehr zugestanden.

„we do what we want and we do it with pride“

Ein solches Menschenbild bietet keine Grundlage für eine Analyse der Auswirkungen des Kapitalismus als alle durchdringende Totalität – in ihm ist statt dessen die Opposition von schlecht/böse und wahr/gut, von bösem Kapitalismus und unterdrückten Arbeiter_innen oder Völkern angelegt. Der postulierte authentische Kern bietet direkten Anknüpfungspunkt für eine moralisierende Beurteilung von Personen, anstatt das er gesellschaftliche Verhältnisse in den Fokus nimmt. Auch bietet er die Konstitution eines Selbstbildes als authentisch und damit gut, das einen Blick auf die eigene Verstricktheit in die Totalität des Kapitalismus mit all ihren regressiven, diskriminatorischen Aspekten verstellt. Es verstellt damit auch die differenzierte Analyse der Frage nach den Bedingungen und Grenzen der menschlichen Freiheit innerhalb des Kapitalismus.
Zudem ist das Konzept eines feststehenden Menschseins Grundlage für alle Diskriminierung und Verfolgung von von dieser Norm abweichenden Verhalten. Darüber hinaus zeugt es – speziell im Bereich der Drogen – von einer entsolidarisierenden Arroganz gegenüber Menschen, die weniger erfolgreich mit dem Umgang mit der Beschädigung durch das Leben im Kapitalismus sind.


19 Antworten auf „„…dann find ich das schade.““


  1. 1 cartman,erik 03. Juni 2010 um 16:22 Uhr

    erbärmlich. wie kann der mensch nur?

    @ reisegruppe ,,drogen-discussion“

    wie wäre es denn, dass nächste mal, einfach zu hause zu bleiben? war doch schon im vornherein alles klar…

  2. 2 Frutti 07. Juni 2010 um 10:33 Uhr

    Von höchster Stelle wurde es durchdacht,
    das Teufelszeug unters Volk gebracht –
    alle sind blau oder auf Entzug:
    PFEFFI MACHT DEN PUNK KAPUTT!

    Interessanter Artikel, nur irgendwie wird die Gegenseite nicht so dargestellt, wie sie sich gern dargestellt sehen würde. Ich werd die Tage mal einen Artikel erstellen (aber nicht unbedingt als spezielle Antwort auf deinen), der in die selbe Kerbe schlägt.

    @cartman,erik:
    Diese Option sollte, zumindest für mich, gar nicht zur Debatte stehen – denn irgendwie ging es darum nicht!

  3. 3 spiegelschrift 07. Juni 2010 um 13:14 Uhr

    In der Tat werden die Argumente und Positionen der „Purist_innen“ nicht in angemessener Weise dargestellt. Ich empfand es weder als meine Aufgabe, noch wäre es aus meiner Position heraus sonderlich gelungen geworden. Falls also jemand gute Texte dazu hat, gerne verlinken oder sonstwie andeuten, wo sie zu finden sind.

  4. 4 Frutti 07. Juni 2010 um 14:55 Uhr

    So, hab jetzt mal ’nen Artikel bei uns angefügt, der in meinem Kopf schon während der Diskussion ein wenig Argumentationsgrundlage war…

  5. 5 Besserscheitern 07. Juni 2010 um 18:28 Uhr

    Es ist doch umgekehrt, das was da bei auf Drogen abdrehenden Menschen zu Tage kommt, ist nicht durch die konsumierten Substanzen zugefügt worden. Enthemmung sollte hier richtig gedeutet werden, als sukzessives Ausschalten der Filtermechanismen, die wir durch die Sozialisation und Enkulturation gelernt haben.

    Sprich: Aggressionen kommen nicht vom Koks oder vom Suff in die Leute, aber auf Koks oder im Suff gibt es nichts mehr was aggressive Menschen (wer oder was das genau ist, wäre noch zu klären ;) ) noch bremsen kann.

    Aber grundsätzlich ist die Debatte sehr zu begrüßen und zu hoffen dass die MV Szene beginnt, den ungebrochenen Hype ums Ballern doch noch zu reflektieren. Damit Drogen gebraucht werden, ohne missbraucht zu werden.

  6. 6 defekt 07. Juni 2010 um 21:58 Uhr

    Ein Artikel, den ich nur uneingeschränkt empfehlen kann.

    Eine Diskussion über Drogenmissbrauch kann sich doch auch gar nicht so sehr um Drogen selbst drehen, [sondern vielmehr]* um die Ursachen der Dinge, die dann ungefiltert ausströmen.
    Dafür sind Drogen weder ein Grund noch eine Entschuldigung, aber kaum eine Debatte berücksichtigt das.

    *) Korrektur auf Wunsch des/der Autor_in. vorher stand da „als“ – spiegelschrift

  7. 7 Besserscheitern 08. Juni 2010 um 15:12 Uhr

    Von mir aus auch: „[…] den ungebrochenen Hype ums Kiffen doch noch zu reflektieren.“

    Wobei ich darauf bestehen würde, dass Kiffer sich vor allem selbst irgendwann im Weg stehen, während manche Menschen auf Koks für andere Menschen beängstigend wirken und gerade, wenn es sich dabei um Freundinnen und Freunde handelt ist das sehr schade.

  8. 8 [-----] vom Kiez 09. Juni 2010 um 11:27 Uhr

    Ich sehe das Problem nicht in den Drogen selbst, sondern bei den Konsumenten. Die meistens Menschen sind von der Psyche her nicht dazu geeignet Drogen zunehmen. Einige Bekannte von mir haben sich so verändert, dass sich ihre Persönlichkeiten durch Drogen schon stark verändert haben. Sie haben nicht mehr diese natürliche Herzlichkeit oder menschliche Wärme. Das ist echt bedauernswert. Ich weiß nicht ob dass Konsumenten auch so empfinden wie ich.

  9. 9 spiegelschrift 09. Juni 2010 um 12:57 Uhr

    Wie vielleicht schon aus dem obigen Beitrag erkennbar, halte ich nichts davon, menschliche Bewusstseinszustände (wie „Herzlichkeit“) mit adjektiven wie „natürlich“ zu belegen. Dazu frage ich mich, was du mit „nicht geeignet“ meinst. Es liest sich so, als wenn du Menschen, die sich in dem Zeitraum, in dem sie Drogen nehmen, für dich unangenehm verändern, als pathologisch „nicht geeignet“ für den Drogenkonsum abstempelst.
    Für mich sind daher weder die Drogen noch die Konsument_innen „das Problem“, statt dessen ist die Frage, ob die von dir beschriebene Verhaltensänderung als bewusste Wahl oder als unerwünschter, aber für die gewünschte Wirkung der Droge akzeptierter Außeneinfluss einer Nebenwirkung oder garnicht erlebt wird – und sich dann dazu verhalten. Deine Formulierung weißt den Drogen wieder als die Quelle (hier des Verlustes an „natürlicher Herzlichkeit und menschlicher Wärme“) aus.

    Ach, und da Schwensen selbst diese Fremdbenennung ablehnt, halte ich einen Bezug/eine Übernahme (hier: als Eigenbezeichnung für einen Blog-Kommentar) für falsch und eben jene rassistische Diskriminierung forttragend und hab da mal interveniert.

  10. 10 Besserscheitern 09. Juni 2010 um 12:59 Uhr

    Zugegeben wenn der Körper ständig mit der Verarbeitung des Substanzen-Konsums beschäftigt ist, fügt die Droge dem Mensch doch in gewisser Hinsicht etwas zu.

    Wenn die Glücks-Botenstoffe des Körpers alle verbraucht sind, sieht es halt traurig aus.

  11. 11 Megatherium 01. Juli 2010 um 19:38 Uhr

    Platitüden yay. Drogen sind so n wunderbares Thema, wo jeder ne Meinung zu meinen haben müssen, aber im Prinzip null Ahnung wie die Realität sieht.

    Portugal macht n Schritt in die richtige Richtung und es OMFG funktioniert!

    2 Buchtipps:
    Günther Amendt – Sucht Profit Sucht
    Ronald K. Siegel – Rauschdrogen

    Aber in einer Diskussion über Drogen fliegen die Emotionen meist wie bei pädophilie: jegliches Denken und wisssenschaftliche Daten wegwerfen und anfangen zu schreien.

  12. 12 spiegelschrift 01. Juli 2010 um 21:31 Uhr

    @M.:

    Der Link funktioniert nicht. Abseits davon wäre es vermutlich zielführender, wenn die Kritik so formuliert wird, das andere wissen, worauf sie sich bezieht.

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