für mich für andere für mich – Warum Drogen?

Nachdem im letzten Beitrag aufgezeigt werden sollte, inwieweit die Entscheidung, Drogen zu nehmen, keine moralisch zu beurteilende ist, da Drogenkonsum eine freie Wahl und damit nicht Entfremdung von einem gedachten natürlichen Menschsein, sondern eben Entfaltung des Menschseins in seiner Freiheit ist, sollen nun ein möglicher Motivkomplex, diese freie Wahl zu treffen, problematisiert werden.

Im Fokus dieses Beitrages steht der Drogenkonsum in Gesellschaft, zur Party oder ähnlichem, nicht, um die Ausblendung und Tabuisierung des vereinzelten Drogenkonsums zu reproduzieren (auch wenn dies wohl dabei nicht verhindert wird), sondern, weil die kollektive Situation bestimmte spezifische Motive schafft. Ausgangspunkt ist hierbei keine angenommene gesellschaftliche Normalität, sondern die eigenen Erfahrungen im eigenen Umfeld.

„die Freude deiner Tage“

An erster Stelle ist die vermittelte, kollektive Erwartungshaltung von Extrovertiertheit, Aktivität, „guter Laune“ und ähnlichem zu sehen. Wer schon einmal versucht hat, schlecht gelaunt und in-sich-gekehrt feiern zu gehen, kann vermutlich erahnen, was gemeint ist. Stilles Am-Rand-Sitzen führt mehr oder weniger schnell dazu, angesprochen zu werden. In der freundlicheren Variante des „Ist alles ok mit dir?“, in der unfreundlicheren „Hey, komm tanzen“ mit gleichzeitigem Am-Arm-Gezogen-Werden. Während das erstere Gesprächsangebot durchaus positiv zu bewerten ist, sofern es tatsächlich ein solches ist, und nicht nur ein Selbstversichern, gefragt zu haben, ist zweiteres gerade bei eigener schlechter Laune ein anstrengendes Eindringen in den persönlichen Raum. Wird die Ansprache – ob nun freundlich oder unfreundlich geschehen – verneint, vermittelt sich meist eine gewissen Unzufriedenheit der Antwort durch den/die Fragende_n. Mal wird sie alle fünf oder zehn Minuten wiederholt, mal projeziert die/der Fragende die Ablehnung auf sich als Person, mal ist es nur die offensichtliche Schwierigkeit mit einem „Nein, ich möchte aber auch nicht darüber reden.“/“Nein, ich möchte nicht tanzen.“ zurechtzukommen – alles vermittelt den Eindruck, störende und für die Feier-Laune anderer negative Komponente zu sein. Die erhoffte Stimmungsaufhellung durch das Bei-der-Party-Sein verkehrt sich in das Selbstempfinden als Störfaktor das zwei Auswege lässt, das Fortbleiben von der Party – das seinerseits als negative Ablehnung eventueller Einladender verstanden werden kann – oder der Konsum stimmungsaufhellender Substanzen, um sich unauffällig-angepasst-gutgelaunt zu verhalten.

„nimm mich mit nach Hause, zeig mir den Weg“

Eine andere kollektive Erwartungshaltung, gerade innerhalb eines politisch aktiven Umfelds, ist die der Stärke und Leistungsbereitschaft. Szenekulturell wird vielfach das Bild eines furchlosen Kämpfers idealisiert, das nicht nur aus antisexistischer Perspektive problematisch ist. Auch erschwert es den kommunikativen Umgang mit eigenen Problemen. Die Reproduktion des Bildes findet dabei nicht nur in szeneeigenen Medienformen statt. Gern wird sich von der letzten Aktion erzählt, Fokus hierbei liegt üblicherweise nicht auf der Wirkmächtigkeit oder anderem, sondern meist auf brenzligen Situationen, Repressionserfahrungen und dererlei. Dieses Reden stellt häufig eine Verarbeitungsform dieser Erfahrungen dar und soll damit nicht als regressiv abgestempelt werden. Es beinhaltet nur das Problem, dass dieser scheinbar souveräne Umgang mit den erfahrenen, unangenehmen Situationen in der kollektiven Gesprächssituation präsent ist und Aufmerksamkeit, häufig sogar Bewunderung, erhält, während Menschen, die nicht derart über unangenehme Erfahrungen sprechen können oder wollen, unbeachtete Randpositionen einnehmen und mit ihren Empfindungen alleine bleiben.

Auch jenseits konkreter Erfahrungen wird ein gesellschaftliches Stärkeideal reproduziert. Etwa, wenn ein gruppeninterner Druck zur Leistung(sbereitschaft) vorhanden ist, da die leistungsfähigeren Menschen es als unangebracht empfinden, dass sie mehr für die gemeinsamen Ziele beitragen als andere – die in ihrem Augen vielleicht angenehme Beschäftigungen vorziehen – und durch die Äußerung dieses empfundenen Missverhältnisses einen Leistungsdruck aufbauen. Gruppenextern findet diese Abwertung häufig von politisch aktiven Menschen gegenüber scheinbar oder tatsächlich nicht politisch aktiven statt, denen ohne Kenntnis ihrer Situation unterstellt wird, dass sie „mehr machen könnten“, sich aber in ihrer Situation wohlfühlen. (Häufig in diesem Kontext abwertend und verletztend gebraucht z. B. der Begriff des „Hippies“ für jemanden, der scheinbar nur genussorientiert-individualistisch seine politischen – häufig als emotional-unreflektiert denunzierten – Positionen auslebt.)
Um diesen Leistungsideal nachzukommen, ist es naheliegend, leistungssteigernde Drogen zu sich zu nehmen.

„es ist der Lohn der Angst“

Diese Problematisierung zielt, wie schon ersichtlich, nicht auf die individuelle Entscheidung, Drogen zu nehmen, die auch bei dem genannten Motivkomplex der Entscheidung entspringt, sich besser fühlen zu wollen, indem das eigene Verhalten so verändert wird, das es mehr positive Außenresonanz bekommt. Sie zielt auf die situationsmitbestimmenden Gegebenheiten in den kollektiven Erwartungshaltungen nach Guter Laune, Stärke, Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit. Sie appelliert also an einen Umgang miteinander, der den individuellen Bedürfnissen mehr Raum verschafft und weniger die eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse als allgemeingültig und leistbar setzt. Gleichzeitig appelliert sie aber auch an die Reflexion über die eigenen Motive, Drogen zu nehmen, in der Hoffnung – sofern sie oben genannte oder andere, ebenso von (internalisierten) Erwartungshaltungen der Anderen abhängige sind – diese Motive kollektiv zu diskutieren und ggf. zu überwinden.

„dieses Gift kennt keine Gnade wenn es nach uns verlangt“


13 Antworten auf „für mich für andere für mich – Warum Drogen?“


  1. 1 defekt 10. Juni 2010 um 16:19 Uhr

    Ich glaube, zu diesem Druck aus dem Kollektiv, den du beschreibst, kommt auch noch die eigene Erwartungshaltung an sich selbst und seine eigene Situation, was du ja mit dem »Selbstempfinden als Störfaktor« kurz anreißt.

    Man erwartet ja zu einem gewissen Teil auch von sich selbst, seine eigenen Probleme lösen oder akzeptieren zu können, wobei letzteres durch die Einnahme von Drogen um ein Vielfaches erleichtert wird.

    Und nicht zuletzt kann die Auseinandersetzung mit dem Problem schon daran scheitern, dass man es nicht verbalisieren kann. Dann liegt die Möglichkeit nahe, die Widersprüche ungefiltert nach außen zu tragen, was ebenfalls durch die Einnahme von Drogen massiv erleichtert wird.

  2. 2 spiegelschrift 10. Juni 2010 um 16:30 Uhr

    Uneingeschränkt: ja. Danke für die Ergänzung.
    Der Beitrag fordert ein, zu reflektieren, welche Wege Probleme* zu lösen, zu akzeptieren (oder beiseite zu schieben) durch bestimmte kollektive Ideale verstellt werden. Hoffnung ist also eine Situation, in der neben Drogen noch andere Wahlmöglichkeiten offenstehen, insbesondere solche, in denen Menschen nicht mit ihren Problemen vereinzelt werden. Das ganze aber nicht mit dem Ziel, Drogenkonsum zu reduzieren (ob das dann passiert oder nicht, ist davon losgelöst), sondern um den Freiheitsgrad zu erhöhen.

    Dieses Reflektieren erfordert aber zumindest die interne Verbalisierung. Wobei es ja durchaus verschiedene Formen gibt, diese inneren Widersprüche auf weniger abstrakt vermittelte Art auszudrücken.

    *) wobei ebenso zu klären ist, wieso sie überhaupt Probleme sind (wie die geringere Leistungsbereitschaft etwa, die nicht zwingend als Problem verstanden werden muss und wird) und woraus das Bewertungsverständnis für Problem oder Nicht-Problem geschöpft wird.

  3. 3 Frutti 11. Juni 2010 um 0:38 Uhr

    Auch hier muss ich dir widersprechen:

    „Stilles Am-Rand-Sitzen“

    Ich kann auch still am Rand sitzen, wenn es mir gut geht. Ich sehe mich nicht gezwungen, meine gute Laune „plakativ“ nach außen zu projizieren. Vielleicht bereitet mir gerade das Beobachten der Anderen beim Tanzen Freude. Vielleicht stehe ich am Rand, lausche mit ernster Miene der Musik und bin dennoch glücklich. Da sehe ich keinen äußerlichen Zwang und das kann ich den fragenden Menschen klar machen.
    Geht es mir jedoch schlecht, kann ich natürlich auch zur Party gehen um „besser drauf“ zu kommen, aber da würde ich dann nicht still am Rand sitzen, soll doch die Party mich ablenken.
    Suche ich eher Leute zum Reden, finden sich sicher welche (meistens übrigens Menschen, die in dem Moment keine Drogen nehmen). Auch hier kein Grund Drogen zur Ablenkung oder zum hip und gut drauf sein zu verwenden.

    „während Menschen, die nicht derart über unangenehme Erfahrungen sprechen können oder wollen“

    Weil die Leute kein Bock auf Riot haben, nehmen sie Drogen? Oder um sich mehr zu trauen? Auch wenn mensch nicht dabei war, muss eine Beteiligung durch theoretische Reflexion des Geschehenen doch nicht ausgeschlossen werden.

    „da die leistungsfähigeren Menschen es als unangebracht empfinden“

    Auch kein Grund für Drogen, da sollten sich eben (wie du auch treffend erwähnst) diese leistungsbereiten/-fähigen Menschen ein wenig reflektieren. JedeR sollte sich nach eigenem Ermessen, Wohlbefinden, Interesse etc. in die Gruppe einbringen können. Drogen währen hierbei erneut nur der Weg des geringsten Widerstandes. Grade eine „szeneinterne Hochleistungsgesellschaft“ sollte kritisiert und in Frage gestellt werden (können), ist es doch das (häufige) Ziel (vieler linker Gruppierungen) diese abzuschaffen.

    Durch deinen letzten Denkanstoß führst du, meiner Meinung nach, sowieso alles vorher gesagte ad absurdum. Grade in einer „emanzipierten Szene“ sollte mensch doch frei von allen Zwängen sein und diese gegebenenfalls mit Hilfe anderer aus den Weg schaffen. Aber wie schon gesagt, ist die „Betäubung“ durch Drogeneinnahme oft der einfachere, schnellere und komfortablere Weg für die meisten.
    Ich für meinen Teil kann und will das nicht verstehen!

  4. 4 Frutti 11. Juni 2010 um 0:43 Uhr

    Und noch was kurzes zum Thema „Verbalisierung“:

    Ich für meinen Teil hatte noch kein Problem, welches ich nicht mit mir klären konnte oder wo ich jemanden gefunden hab, der/die mir (einfach nur) zuhören konnte.
    Vielleicht hab ich überdurchschnittlich gute FreundInnen, eine niedrige Hemmschwelle, einen hohen Mitteilungsgrad oder meine „Probleme“ sind einfach zu banal. ;)

  5. 5 spiegelschrift 11. Juni 2010 um 12:11 Uhr

    Durch deinen letzten Denkanstoß führst du, meiner Meinung nach, sowieso alles vorher gesagte ad absurdum. Grade in einer „emanzipierten Szene“ sollte mensch doch frei von allen Zwängen sein.

    Zunächst einmal habe ich es nicht als „Zwänge“ geschildert, es geht also nicht darum, zu erklären, wann Drogenkonsum die einfache Lösung ist, sondern der Beitrag versuchte einen Anfang zu machen (teilnahmebedingungen setzt mit einem sehr guten Artikel diesen Versuch fort) zu klären, wie sich die Situationen ergeben, die Drogenkonsum als Entscheidung attraktiv machen.

    Was die emanzipatorische Szene betrifft, stimmte ich dir zu, was das „sollte“ angeht. Meine Erfahrungen nach entspricht dieses Soll aber nicht dem Ist innerhalb der Szene.

    Zum „Stillen-Am-Rand-Sitzen“: Selbstverständlich kann auch gut gelaunt am Rand gesessen werden und schlecht gelaunt getanzt. Das du dann „kein Grund Drogen zur Ablenkung oder zum hip und gut drauf sein zu verwenden“ hast und das , freut mich für dich, auch das es dir gelingt, Leuten deine Situation verbal klar zu machen. Warum du diese Fähigkeit jetzt aber auf andere verallgemeinerst, weiß ich nicht, anderen kann dies schwerer fallen, und so können Drogen ein attraktiver erscheinendes Mittel sein. (Um Gründe, Drogen zu nehmen, ging es hier nicht, sondern um eine bestimmte Art von Gegebenheiten, die die Entscheidung zu Drogen begünstigen.)

    Weil die Leute kein Bock auf Riot haben, nehmen sie Drogen? Oder um sich mehr zu trauen?

    Mir ging es in dem Abschnitt, auf den du dich beziehst, mehr um Menschen, die Repressionserfahrungen oder andere potenziell traumatisierende Dinge erlebt haben, diese aber nicht derart offen verbalisieren können. Also verstehe ich nicht ganz, wie du auf die Frage des „Bocks auf Riot“ kommst.

    Grade eine „szeneinterne Hochleistungsgesellschaft“ sollte kritisiert und in Frage gestellt werden (können), ist es doch das (häufige) Ziel (vieler linker Gruppierungen) diese abzuschaffen.

    Und hier, Zustimmung. Oder, um in den Worten des Beitrags zu bleiben: „Gleichzeitig appelliert sie aber auch an die Reflexion über die eigenen Motive, Drogen zu nehmen, in der Hoffnung … diese Motive kollektiv zu diskutieren und ggf. zu überwinden.“

    Zur Verbalisierung: Freut mich für dich, vllt. hast du tatsächlich „überdurchschnittlich gute FreundInnen, eine niedrige Hemmschwelle [und/oder] einen hohen Mitteilungsgrad“. Ich jedenfalls kenne Menschen, bei denen das anders ist.

  6. 6 hickey 26. August 2010 um 16:35 Uhr

    Ich hab mal wieder hier vorbeigeschaut und finde, ein gelungenes Fazit hast Du dem Artikel gegeben. Zum letzten Appell an die Reflexion über die Motive möchte ich aber etwas anmerken, was mir bei mehreren Artikeln, die Du hier schreibst, fragwürdig erscheint.
    Du scheinst generell alle Motive kritisieren zu wollen, für die gilt, dass sie „von (internalisierten) Erwartungshaltungen der Anderen abhängige sind“. Angenommen Du meinst das genau so: dann basiert diese Kritik auf der falschen Annahme, dass es Motive (Ziele, Wünsche, Hoffnungen, etc.) gäbe, die unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen und Strukturen wären, und die bloß auf so etwas wie einer individuellen Freiheit beruhten. Bei dieser Freiheit, wüsste ich aber nicht, worin sie bestehen sollte. Gegen sie spricht diese Auffassung: „Nicht das Subjekt ist ein Resevoir von möglichen Willensakten, sondern der Raum der Welt. Unabhängig von den Strukturen der Welt kann das Subjekt keinen Willen und keine Absichten haben.“ (G. Gebauer: Wittgensteins Anthropologisches Denken, S. 61.) Insofern sind die Erwartungen von der Welt da draußen nicht per se schlecht, sondern sind konstitutiv für jegliches Leben ist. (Sagen sowas nicht auch Maturana etc.?)
    Das tut aber dem aufklärerischen Impetus keinen Abbruch, über unsere Wünsche zu reflektieren und zusammen mit den unser Leben frei zu gestalten, was eben nicht ohne die Veränderung gesellschaftlicher Erwartungen geht.

  7. 7 spiegelschrift 26. August 2010 um 20:36 Uhr

    Insofern ja, als das ich alle Motive einer Kritik unterziehen will – nein insofern, als das ich sie alle als überwindenswert betrachte.

    Woher du daraus folgerst, das ich von gesellschaftsfreien Motiven ausgehe, sehe ich nicht. Denn jenseits der Übernahme gesellschaftlicher Erwartungen gibt es weit mehr: Etwa die Negation gesellschaftlicher Erwartungen im bewussten Nicht-Entsprechen, von der (gesellschaftlich präformierten) Körperlichkeit ausgehende Motivlagen (etwa die Befriedigung von Hunger) oder deren (gesellschaftskonforme oder gesellschaftsunkonforme) Negation (das absichtsvolle Hungern). Was es aber meines Erachtens nicht gibt, ist gesellschaftslose Freiheit, da Freiheit immer Freiheit in Situation ist, und jede Situation gesellschaftlich durchdrungen.
    Ich zitiere dazu einen meiner Kommentare unter „Ich will ich sein…“: „Die Formel von der „…dialektische[n] Verschränktheit von Freiheit in Situation, in der ein Mensch sich zu seiner gesellschaftlichen und biographischen Einbettung verhalten muss…“ sollte eben darauf hindeuten, dass der Mensch frei ist, sich zu seiner Situation zu verhalten (also Anteil an der Verantwortung trägt), aber nicht frei, seine Situation beliebig zu wählen/zu verstehen.“

    Ebenso wenig formulierte ich, dass die Erwartungen „der Welt da draußen“ per se schlecht sind. Die Forderung sie „zu diskutieren und ggf. zu überwinden“ impliziert ja genau, dass eine Überwindung nicht immer angebracht ist. Vielmehr ging es darum spezifische Erwartungshaltungen darauf zu überprüfen, welche Folgen sie haben.

  8. 8 hickey 28. August 2010 um 14:17 Uhr

    „Insofern ja, als das ich alle Motive einer Kritik unterziehen will – nein insofern, als das ich sie alle als überwindenswert betrachte.“ Diese Sätze und worauf sie sich beziehen verstehe ich nicht so richtig? Alle Motive sind überwindenswert? Ich kriege das nicht zusammen?

    Meine Kritik geht gegen eine Dichotomie, die ungefähr so geht: „Gesellschaft als Gefahr totalitärer Durchdringung“ vs. „Individuum als zu schützendes Reservoir von Freiheit“. Aber es kann gut sein, dass ich sie Dir in so schlichter Art und Weise fälschlicherweise unterstellt habe. Wahrscheinlich also habe ich meine eigenen Sachen im Kopf und es geht Dir um eine andere Fragestellung.

    Aber um meine eigenen Sachen noch etwas weiter auszuführen: Für das Problem halte ich, Freiheit als individuelle Wahlmöglichkeit zu konzipieren und die gesellschaftlichen Voraussetzungen von (Wahl-)Möglichkeiten nicht mitzudenken. Ich würde daher nicht von Freiheit als Möglichkeit etwas zu tun oder zu lassen sprechen, aus der sich Verantwortung für die gewählte Handlung ergibt, sondern dafür nicht mehr als das Wort Möglichkeit benutzen.
    Möglichkeiten (zu handeln) wären dann immer konkret, ergeben sich aus den Strukturen unserer sozialen Welt, beziehen sich produktiv auf sie und setzen bestimmte Ressourcen bei den AkteurInnen voraus, für die diese Handlungen innerhalb bestimmter sozialer Strukturen halt möglich sind. Damit wären die individuellen Möglichkeiten (noch sehr vage) zusammengedacht mit ihren gesellschaftlichen Voraussetzungen.
    Insofern wären auch die Beispiele, die Du für Handlungen aufzählst, erstmal keine Handlungen aus Freiheit, sondern bloß mögliche Handlungen. Mit Freiheit (und Gleichheit) dagegen würde ich (politische) Handlungszusammenhänge bezeichnen, die auf (immer zukünftige) gleiche Freiheit (Balibar) gerichtet sind, also auf die Überwindung ungleicher und unfreier, herrschaftlicher Verhältnisse.
    Die (Nicht-)Handlungen, die Du aufzählst, wären also keine Handlungen aus Freiheit, sondern einfach mögliche Handlungen und die Verantwortung, die die handelnde Person mit der Wahl einer Möglichkeit auf sich nimmt, zollt sie auch bloß gesellschaftlichen Erwartungen, die berechtigt oder unberechtigt sein können. Mit Überwindung von Herrschaft haben sie aber wenig zu tun, solange sie nicht auf gleiche Freiheit ausgerichtet sind.

    Der Gedankengang ist sicherlich noch etwas unausgereift, jedenfalls aber dem Versuch geschuldet, diese Dichotomie zu überwinden, an die ja gerade auch die anknüpfen, denen es das wichtigste ist, den den freien Marktes und so zu verteidigen.

  9. 9 spiegelschrift 28. August 2010 um 17:58 Uhr

    Alle Motive sind zu kritisieren, aus dieser Kritik folgt aber nicht bei allen die Notwendigkeit zu überwinden.

    Die Dichotomie, deren Überwindung ich für notwendig halte, ist die in „Autonomes Subjekt, frei zu handeln“ vs. „Mensch als willensunfreies Objekt“, hin zu der Konzeption des Menschen als „in Situation frei“, also frei in der Entscheidung, sich zu seiner Situation zu verhalten, aber nicht frei, sein Gegebenes zu wählen (oder auch nur wählen wollen zu können). Ich denke, genau damit „…die gesellschaftlichen Voraussetzungen von (Wahl-)Möglichkeiten…“ mitzudenken.
    Warum Freiheit als Begriff nur auf Handeln anzuwenden sei, das auf die freie Entfaltung aller abzielt, ist mir nicht klar. Was macht ein nicht auf die Überwindung der Herrschaft (im allgemeinen) abzielendes Handeln davon derart unterschiedlich, das es nicht „frei“ genannt werden kann?
    Ansonsten scheint den Begriff der Möglichkeit dem Konzept, das ich denke, recht nahe zu kommen. Ich halte den Begriff der „Strukturen unserer sozialen Welt“ jedoch für ungenau. Gegebenes, aus dem wir uns in Situation setzen, ist ja auch unsere Biographie, unsere Körperlichkeit usw., die zwar untrennbar verwoben mit der „sozialen Welt“ sind, aber nicht identisch mit ihr. Warum sich Möglichkeietn „produktiv“ auf die „Strukturen der sozialen Welt“ beziehen müssen, ist mir auch unklar. Das jegliches menschliches Sein einen Welt-Bezug hat ist, klar, warum dieser aber „produktiv“ sein muss…

    Insofern löst sich die von dir problematisierte Dichotomie auch auf: Die Gesellschaft durchdringt total, und der Mensch ist frei – sogar zur Freiheit verurteilt. Insofern kann es nicht um „Gefahr“ oder „zu schützendes“ gehen, sondern darum, die Entfaltung dieser Freiheit als Überwindung des Gegebenen durch sein Handeln zu befördern.

  10. 10 hickey 29. August 2010 um 12:51 Uhr

    Ich, als guter Bourdieuaner oder wie das genannt werden könnte ;-), würde die Habitus samt ihrer Körperlichkeit als wesentliches Moment sozialer Strukturen ausmachen. – Und produktiv beziehen wir uns auf die sozialen Strukturen, indem wir sie/uns im Handeln anpassen, verstetigen oder verändern und immer wieder an ihrer neuen Ausrichtung arbeiten. – So ungefähr.
    Bei gesellschaftlichen Voraussetzungen des Möglichen denke ich vor allem an zweierlei ineinander Verwobenes: erstens die objektiven Voraussetzungen: die in der Lage und der Situation sedimentierte Geschichte, die einerseits das vorgibt womit wir uns auseinandersetzen müssen und es damit ermöglicht und andererseits einschränkt, was allgemein überhaupt als Handlung an/erkannt wird; zweitens die subjektiven Voraussetzungen: die Ressourcen, die ein/e Akteur/in für eine Handlung benötigt (Handlungskompetenz und Ressourcen, die als soziales und ökonomisches, etc. Kapital beschrieben werden können).

    Ich denke, es geht nicht um die Überwindung der Herrschaft im Allgemeinen, sondern immer um konkrete Herrschaftsverhältnisse.

    Ein Unterschied zwischen unseren beiden Begriffen („Freiheit“ und gleiche Freiheit) könnte folgender sein. Die Möglichkeit etwas zu tun existiert innerhalb eines gegebenen Verhältnisses, in der sie als mehr oder weniger normal anerkannt wird und mögliches wird normalerweise unbewusst vollzogen – insofern ist dieser Begriff von Möglichkeit noch schwächer als Dein Begriff von „Freiheit“, der gerade auch anormale und subversive Verhaltensweisen einschließt. Gleiche Freiheit verweist dagegen, wie letztendlich Dein Begriff von „Freiheit“ auch, auf zukünftige erst noch zu erkämpfende Verhältnisse, in denen es einen veränderten Raum des Möglichen gibt (z. B. wird es für Menschen mit einer nicht-heterosexuellen Lebensweise möglich, sich mit nicht weniger und nicht mehr Einschränkungen im öffentlichen Raum zu bewegen). Gleiche Freiheit setzt die Möglichkeit „widerständigen“ Handelns voraus, die – wie mir scheint – Dein Begriff von „Freiheit“ ausmacht. Allerdings kann eine/r (im Sinne einer selbst gewählten Verhaltensweise gegenüber der eigenen Situation) auch „frei“ handeln („die Gedanken sind frei“), sich dabei aber völlig gleichgültig gegen herrschende Ordnung, also konform verhalten. Das würde ich nicht frei nennen, sondern dem den emphatischen Klang nehmen und es schlicht möglich nennen. Eine Handlung, die auf gleiche Freiheit gerichtet ist, hingegen verweist schon konzeptuell auf wünschenswerte, zu erkämpfende Verhältnisse. Ich glaube, das ist der Unterschied.

  11. 11 spiegelschrift 31. August 2010 um 12:27 Uhr

    Vor weg und am Rande:
    Dem „wesentlichen Moment“ widerspreche ich nicht, ich wollte nur einem Identisch-Setzen widersprechen. Der Begriff des „produktiv“ ist verstanden, mir scheint aber jede menschliche Regung in diesem Sinne produktiv.
    Deine „objektiven Vorraussetzungen“ werden aber auch erst in ihrer subjektiven Interpretation Vorraussetzungen des Möglichen; Geschichte etwa ist ja ein Entwurf der Vergangenheit von der Gegenwart aus. Ebenso sind die „subjektiven Vorraussetzungen“ ja mit der Gesellschaft verschränkt (gerade erwähnte Ressourcen funktionieren ja nur, sofern anerkannt etc.)

    Zum Begriff der „Freiheit“, „gleicher Freiheit“ und „Möglichkeit“:
    Mein Begriff von Freiheit setzt nicht die widerständige Handlung vorraus, impliziert aber immer die Wahl der Widerständigkeit – wie dein Begriff des Möglichen aus, bei Wahl der Widerständigkeit schlägt diese ja in gleiche Freiheit um. Wobei ich darauf hinweisen möchte, das nicht jede „anormale“ oder widerständige Handlung deinem Begriff der gleichen Freiheit entspricht, also den Raum des Möglichen erweitert. Regress gegenüber den derzeitigen Verhältnissen ist häufig ebenfalls „anormal“ und widertändig. Insofern scheint mir in deinem Begriffsfundus eine Lücke.

    Was den normativen Anteil angeht, den emphatischen Klang des Begriffs „Freiheit“. Ich würde dagegen argumentieren, dass der Begriff Freiheit auch dem gegenüber, was du das Mögliche denkst, die Verantwortung für das Handeln einfordert – wobei die Gefahr besteht, an liberale Freiheitsdiskurse zu erinnern, die die (gesellschaftliche) Situation ausblenden.

    Ich denke also, der Unterschied ist auf diese Benennungskomponente reduziert, auch wenn mir scheint, dass die Zweiteilung in „Mögliches“ und „gleiche Freiheit“ kenzeptionelle Lücken aufweist.

  12. 12 hickey 31. August 2010 um 19:03 Uhr

    Ich habe ein Lösungsangebot ;-)

    Mein Begriff bezeichnet keinen Zustand, sondern eher ein herrschaftskritisches politisches Projekt. Angesichts meines Begriffs ist der Satz („der Mensch ist frei – sogar zur Freiheit verurteilt“) verwirrend. Denn gerade angesichts der Annahme, dass wir von einer herrschaftlichen Totälität durchdrungen sind bzw. ein Teil von ihr sind, liegt es doch nahe zu sagen, dass der Mensch nicht frei ist.
    Also bezieht sich mein Begriff von Freiheit zwar auf die herrschaftliche Einschränkung von Möglichkeiten, aber nicht die grundsätzliche Möglichkeit zu wählen. Mein Begriff von Freiheit beschreibt also eigentlich nicht einen Zustand, in dem wir uns befinden, sondern die Aufgabe oder das Projekt, gegen herrschaftliche Praktiken zu kämpfen. Diese Aufgabe müssen wir uns aber erst geben, wir sind nicht zu ihr verurteilt (jedenfalls nicht in dem Sinne, dass wir nicht anders können als Freiheit zu wählen). Insofern entspricht es nicht meinem Begriff von Freiheit, dass wir frei [i]sind[/i]. Im glücklichen Fall sind wir dabei, frei zu werden.

    Dein Begriff von Freiheit bezeichnet den Zustand, in dem ein Mensch so oder anders handeln kann und betont, dass es keine natürlichen Verhaltensweisen gibt. Wenn wir von Verantwortung sprechen, liegt dieser Begriff auch näher an der Umgamgssprache. So sind wir nur verantwortlich, wenn wir frei sind, d. h. wenn wir auch anders hätten handeln können. Dann, wenn unsere Handlungen mit gesellschaftlichen Erwartungen brechen, und nur dann müssen wir uns verantworten, d. h. die gewählte Handlungsweise rechtfertigen. Wie die Handlung sanktioniert wird, hängt davon ab, wie die Begründung dann eingeschätzt wird.

    Beide Freiheitsbegriffe stehen auch in einem wechselseiten Verhältnis. Das kriege ich aber gerade nicht auf die Reihe. Ich hoffe übrigens, nicht zu weit vom Blogeintrag hinwegzuführen. Die Diskussion nützt mir jedenfalls, um meine Begriffe genauer zu fassen! :-)

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