„Ich will ich sein, anders will ich nicht sein.“

Exemplarisch am Beispiel einer Diskussion über Drogen wurde in einem Beitrag aufgezeigt, welches Konzept von authentischem Ich-Sein einigen der Argumente zu Grunde lag. Ebenfalls dort wurde festgestellt, welche Probleme dieses Konzept in sich trägt und – zugegebenermaßen knapp – angedeutet, welche politischen Probleme daraus entspringen können. Diesem soll nun etwas ausführlicher nachgespürt werden.

Der zu kritisierende Selbst- und Fremdentwurf konzipiert den Menschen als ein von sich selbst entfremdetes Wesen. Je nach Wunsch sind es moderne Dekadenz, Werteverfall, (neue) Medien, Drogen, Disco oder der Kapitalismus, der den Menschen von seinem eigentlichen Sein entfremdet, falsche Bedürfnisse generiert und ähnliches. Persönliches und gegebenenfalls politisches Ziel ist also eine Befreiung von der Entfremdung, um sein authentisches Ich-Sein zu erlangen.
Freiheit ist also die Einsicht in sein eigentliches Sein und Freiheit von falschem Wollen, oder, frei nach Kant: Ich bin frei, wenn ich will, was ich bin.

Die Freiheit, die angestrebt wird, ist somit keine Freiheit das zu tun, was dem eigenen Wollen entspricht – denn die falschen Bedürfnisse führen zu einem falschen Wollen – sondern die Aufhebung des Wollens in die Identität mit sich selbst. Eine Freiheit also, die gegen die eigenen Bedürfnisse steht, und die, mit der Abwertung der eigenen Bedürfnisse als falsche, von außen generierte, potenziell lustfeindlich ist. Aber vielleicht entscheidender ist sie auch eine Freiheit, die von weiterer Veränderung befreien will. Ist das authentische Ich-Sein erst einmal erkannt, ist jedes Nicht-Entsprechen dieser Identität Abfall an die Entfremdung; Ziel ist eine totale Identität, von der es keine Abweichung mehr gibt.

Keine Abweichung meint auch: kein Scheitern und keinen Zweifel. Im Einklang mit seinem befreitem Selbst ist jedes Handeln vorgegeben, und auch im Kampf um die Befreiung von der Entfremdung ist die Zielrichtung durch den Entwurf vorgegeben. Jede Handlung ist klar, entweder fremdbestimmt, also schlecht, oder authentisch, also gut. Das Konzept eines eigentlichen Ich-Seins, das freizulegen ist, zielt also auf die Beseitigung des Gefühls des Ausgeliefert-Seins, des Nicht-Wissens.
Dieses Ausgeliefert-Sein ist jedoch das Ausgeliefert-Sein seiner eigenen Freiheit gegenüber, die gerade die Freiheit ist, sich entgegen seiner Identität zu verhalten, sich gegen sein bisheriges Sein zu verhalten, sich zu ändern. Mit diesem authentischem Ich wird ein Sein entworfen, das von den Schwierigkeiten, frei zu sein, befreit ist. Damit wird das Mensch-Sein aber von seinem wesentlichen Kern, sich anders verhalten zu können, sich dagegen entscheiden zu können, befreit. Der Mensch wird auf ein festgelegtes Bild von sich reduziert.

Damit ist diese Befreiung keineswegs der Versuch, von einem entfremdenden Kapitalismus zu befreien. Stattdessen ist er dessen Totalisierungshoffnung. Ausgehend von einem spektakulären Kapitalismus, in dem die Beziehungen zwischen Menschen in Beziehungen zwischen Bildern verschleiert sind, in dem der Gebrauchswert von Waren nicht nur hinter seinen Tauschwert zurücktritt, der als verschleierte, gesellschaftliche Inbezugsetzung der Menschen funktioniert, sondern auch hinter einer identitätsstiftenden ‚Brand’. Einem Kapitalismus, in dem wir uns als Konsument_innen im Konsum identitär selbst, aber eng an gesellschaftlich hegemonialen Bildern entlang, als Bild von uns entwerfen, ist das Konzept eines authentischen Ichs die Totalisierung dieses Spektakels. Anstatt die Freiheit von identitären Zwängen zu fordern, die tagtäglich einfordern, Frau, Student, Christ oder Bäckerin zu sein, auch wenn uns überhaupt nicht danach ist, entwirft das Konzept des Authentisch-Seins eine totale Identität, der nicht einmal mehr im Rollenwechsel, im Spiel mit den Identitäten oder in Verschiebungen zu entkommen ist, da all diese ja entfremdende, nichtauthentische Seinsformen wären.

Weitere Probleme wirft dieses Konzept im zwischenmenschlichen Umgang auf. Die Festlegung, was authentisch ist, erfolgt zumindest implizit von außen, wie die Diskussion über Drogen ebenso belegte wie die Entwürfe, die zur Geschlechtlichkeit und sexuellen Orientierung in unserer Gesellschaft vorhanden sind. Ist also jemand unglücklich mit seinem/ihrem derzeitigen Wesen, liegt das entweder an noch nicht abgelegter Entfremdung, oder es ist selbst ein entfremdetes Gefühl, dass das eigene authentische Ich ablehnt. Beides wertet das eigenen Fühlen ab, da es entweder als von außen kommend, oder schlicht als falsch dargestellt wird, und bietet keine Perspektive auf die dialektische Verschränktheit von Freiheit in Situation, in der ein Mensch sich zu seiner gesellschaftlichen und biographischen Einbettung verhalten muss, sondern schiebt die Verantwortung für das Unglück schlicht dem jeweiligen Menschen zu.

Auch politisch ist das Konzept problematisch. Sind die Menschen von ihrem authentischen Sein entfremdet, stellt sich die Frage nach dem Ursprung der Entfremdung. Wird zumindest der regressive Trugschluss vermieden, diese dem absichtlichen Handeln einer Gruppe von Menschen zuzuschreiben – die sich kaum selbst entfremden würden und damit dann selbst authentisch und dabei böse wären, also Antimenschen, kurzum: die Jud_innen der Antisemit_innen – bleibt eine Zweiteilung bestehen: Zwischen denen, die ihr authentisches Sein erkannt haben und sich darum bemühen, und jenen, die unwissend ihre falschen Bedürfnisse ausleben: Die alte gnostische Teilung zwischen Träger_innen des Lichts und den Unerleuchteten. Eine Dichotomie, die entweder verlangt, die ‚Unerleuchteten’ beiseite zu lassen – Befreiung ist dann kein gesellschaftliches Projekt mehr, sondern ein individuell-spirituelles – oder sie erleuchten zu wollen. Die Gruppe der ‚Erleuchteten’ wird zur Avantgarde, die die Masse der ‚Unerleuchteten’ auch gegen ihren Willen – denn dieser ist ja ein entfremdeter, der nach falschen Bedürfnissen giert – aufzuklären und zu befreien. Diese willensbrechende Befreiung hat zumindest das Potenzial, gewaltförmig gedacht zu werden, zudem beide Formen, die der Antisemit_innen und die der Gnostiker_innen, nah beieinander liegen und leicht ineinander übergehen, wenn die zu Befreienden sich etwa gegen die Befreiung wehren und bewusst ihre falschen Bedürfnisse verteidigen.


4 Antworten auf „„Ich will ich sein, anders will ich nicht sein.““


  1. 1 defekt 21. Juli 2010 um 18:14 Uhr

    »Beides wertet das eigenen Fühlen ab, da es entweder als von außen kommend, oder schlicht als falsch dargestellt wird, und bietet keine Perspektive auf die dialektische Verschränktheit von Freiheit in Situation, in der ein Mensch sich zu seiner gesellschaftlichen und biographischen Einbettung verhalten muss, sondern schiebt die Verantwortung für das Unglück schlicht dem jeweiligen Menschen zu.«

    Wobei man Verantwortung und Unglück auch nicht zwingend außerhalb des eigenen Ich ansiedeln sollte, finde ich. Denn so eine Zuordnung schafft ein Muster, nach dem menschliche Beschaffenheiten ebenso als »von außen generiert« definiert werden können, wodurch der Mensch auch reduziert wird — ähnlich, wie du es sehr treffend bezüglich des Wollens aufgezeigt hast.

  2. 2 spiegelschrift 21. Juli 2010 um 18:53 Uhr

    Die Verantwortung für das Unglück sollte keinesfalls nur im Außen angesiedelt werden. Die Formel von der „…dialektische[n] Verschränktheit von Freiheit in Situation, in der ein Mensch sich zu seiner gesellschaftlichen und biographischen Einbettung verhalten muss…“ sollte eben darauf hindeuten, dass der Mensch frei ist, sich zu seiner Situation zu verhalten (also Anteil an der Verantwortung trägt), aber nicht frei, seine Situation beliebig zu wählen/zu verstehen. Was – beiläufig gesagt – nicht nur für Wollen oder Unglück gilt, sondern schlicht für jede (Nicht-)Regung.

  3. 3 defekt 21. Juli 2010 um 20:07 Uhr

    »Was – beiläufig gesagt – nicht nur für Wollen oder Unglück gilt, sondern schlicht für jede (Nicht-)Regung.«

    Ja, das sehe ich genauso. Deswegen stieß mir der letzte Teilsatz beim ersten Lesen auch etwas auf. Wobei das in Verbindung mit dem Verweis auf die »dialektische Verschränktheit« wohl nicht nötig gewesen wäre.

  4. 4 besserscheitern 07. September 2010 um 10:36 Uhr

    Du bist also doch nicht der einzige der das Wort kuperieren benutzt: http://onlyaabutxxx.tumblr.com/post/1076921953/marxism#disqus_thread :D ;)

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