„Einige Rollen sind bereits zweifelhaft, mehrdeutig; sie tragen in sich ihre eigene Kritik“

Folgend eine Notiz zum Thema Psychotherapie. Sie haben eher den Charakter eines Entwurfs als eines ausgearbeiteten Textes und stehen ausdrücklich als Ausgangspunkt einer Überlegung.

Ist im folgenden von einem (psychischem) Problem die Rede, ist damit ein von der betroffenen Person selbst als Problem definierter Aspekt ihrer Psyche gemeint. Ist von Norm oder Anormalität die Rede, erfolgt dies in dem Bewusstsein, das gesellschaftliche Normen in Wechselwirkung zueinander stehen, aber selbst gebrochen und widersprüchlich zueinander sind. Ebenso ist bewusst, dass die gängige psychotherapeutische Praxis selbst ohne kritischen Anspruch sowohl auf Anpassung als auch auf Selbstentfaltung bezogene Perspektiven entwickelt – letztere dann durchaus auch gespalten in ungerichtete und solche auf das bürgerliche Ideal orientierte. Das Konzept der ‚psychischen Krankheit’ soll hier auch nicht verworfen, sondern (nur) problematisiert werden.

„wir wissen wie’s dir geht, wir haben was du brauchst“

Will eine Psychotherapie im Kapitalismus nicht rein affirmativ sein, hat sie zwei zentral zu bearbeitende Punkte:
Der erste Punkt ist, dass ihre gesellschaftliche Aufgabe die (Wieder-)Herstellung der Funktionsfähigkeit des Individuums im Kapitalismus ist, sie also eine Herrschaftspraxis ist, die die Verhältnisse stabilisiert. Entweder, indem sie die Kosten, die aus dem Nichtzurechtkommen mit der Verdinglichung entstehen, reduziert, Produktivität und Konsumfähigkeit erzeugt oder wiederherstellt, oder, indem sie zumindest das beschädigte Subjekt soweit auf bestimmten Verhaltensweisen zurichtet, das seine Beschädigung unsichtbar wird. Die Arbeitskraft der/des Klient_in soll gesichert werden und vor allem soll das anorme Verhalten getilgt werden, damit die gesellschaftlichen Prozesse durch dieses Verhalten nicht behindert werden.
Der zweite Punkt ist die Unmöglichkeit, mittels einer Therapie, die das Subjekt und seine Möglichkeiten zentriert und die zu therapierenden Probleme in dieses Subjekt hineinverlegt, diese zu lösen. Gesellschaftliche Zustände werden als individuell zu lösende psychische Probleme interpretiert, um den Lösungsversuch per individueller Therapie zu begründen. Oder es wird, so sich die Nicht-Lösbarkeit zu deutlich abzeichnet, die Möglichkeit des individuellen Umgangs mit dem nicht-auflösbaren Problem versprochen, die eine Verhaltensänderung zu normhaften Verhalten ohne tiefgreifende Veränderung im Selbstentwurf anstrebt – und hierbei häufig darauf hofft, dass eine Anpassung des Selbstentwurfs an das eigene, angepasste Verhalten das Problem (zumindest zeitweise) verdrängt.
Für diese Individualisierung wird das psychische Problem vom Ich abgespalten und als Krankheit nach außen gestellt. Das autonome Subjekt scheint also nur von äußeren Einschränkungen in seiner Entfaltung behindert, und diese Einschränkungen sind entweder heilbar oder zumindest ist ein Umgang mit ihren Symptomen zu finden.

„Wieso weiter fliehen?“

Im Angesicht dieser Verstrickungen scheint es naheliegend, die Psychotherapie generell abzulehnen – dagegen steht jedoch eindeutig das Leid der hilfesuchenden möglichen Klient_innen ebenso wie die tatsächliche Leidverringerung, die zumindest zeitweise erreicht werden kann.

Mögliche Lösungsansätze bieten eventuell der Blick auf das Spektakuläre aller gesellschaftlichen Beziehungen und die Ablehnung der Einheitlichkeit des Subjekts:

„und weglassen was nervt, durchschauen was muss“

Denn tatsächlich verschärft nicht-normgerechtes Verhalten häufig das Leid der sich anorm Verhaltenden. Sie erleben durch die verständnislose Resonanz ihrer Umgebung oder durch implizite oder explizite Ablehnung ihres normbrechenden Verhaltens verstärkt die dem Kapitalismus eigene Isolation der Subjekte voneinander. Zudem führt die Ablehnung der restlichen Gesellschaft zu Folgeproblemen, etwa in den Möglichkeiten der Lohnarbeit, in institutionalisierten Ausgrenzungspraktiken und anderem, die zusätzlich vereinzelnd wirken. Andererseits begründet oder verstärkt ein angepasstes Verhalten, das einen Ausdruck der eigenen Bedürfnisse verhindert eine empfundenen Dissonanz in der eigenen Subjektivität, die als Eingesperrtsein im eigenen Ich unauflösbar wird.
Ansatz könnte hier sein, in der Psychotherapie die Annahme und den Wechsel von Rollen als bewusste Praxis zu vermitteln. Die normangepasste Rolle als eine taktisch wählbare, aber auch verlassbare, würde die Dichotomie von Isolation oder Dissonanz auflösen und so einen Weg bieten, die empfundene Selbstermächtigung in der Wahl der Rolle mit dem Beibehalten der Kommunizierbarkeit des eigenen Leids auch außerhalb der Therapiestunde verknüpfen. Gleichzeitig kann die Erkenntnis, das menschliches Verhalten in spektakulären Verhältnissen immer spektakulär ist, dazu dienen, die individualisierte Verantwortung für das Empfinden der Isolation vom Krank- oder Anders-Sein in eine Perspektive auf die Verschränktheit gesellschaftlicher Zustände aufzuheben.

„Vergiss den Quatsch“

Die erwähnte Dissonanz verstärkt sich durch die Kennzeichnung des Leids als Krankheit. Sogenannte ‚psychische Krankheiten‘ führen, zumindest bei Therapiewilligen, zu widerstrebenden Bedürfnissen. Werden diese Bedürfnisse in Ich und Krankheit aufgespalten, mag das zunächst die Möglichkeit zu einer Selbstermächtigung im Empfinden liefern, da die/der Leidende sich nicht mehr als schlecht wahrnimmt, sondern als von der Krankheit negativ beeinflusst. Sie/Er kann sich mit der/dem Therapeut_in gegen ‚die Krankheit‘ verbünden und Heilungsmethoden und pharmakologische Erzeugnisse in Anschlag bringen, um ihr/sein Ich zu ‚befreien‘. Diese Abspaltung birgt aber zum einen das Risiko, bei zu geringem oder ausbleibendem Therapieerfolg den Selbstentwurf als passives Opfer der Krankheit zu begünstigen, zudem verstellt es die Einwirkensmöglichkeiten auf den eigenen Selbstentwurf: Das Subjekt wird als autonom, nur von außen eingeengt und bedroht konstruiert, das es das Subjekt selbst ist, das beschädigt ist, wird damit ausgeblendet, so das auch nicht am Subjekt selbst eine Verarbeitungsform des Leids gesucht wird.
Ein Gegenentwurf wäre hier, der Widersprüchlichkeit des Subjekts bewusste Repräsentanz zu verschaffen und diese Widersprüchlichkeit auch auszudrücken. Mit der Anerkennung der eigenen Widersprüche und der Erkenntnis, das diese den Menschen mitbestimmen und nicht aufzuheben ist (und die Aufhebungsversuche in eine unmittelbare Identität mit sich selbst mehr oder minder regressiv sind), eröffnet sich die Distanz zu den Anforderungen an das autonome Subjekt als allein-verantwortlich, ohne in die passive Opferposition zu gelangen. Gleichzeitig ist es nicht entweder ‚die Krankheit’ oder ‚Ich’ das seinen Ausdruck im Handeln findet, während ‚das Andere’ unsichtbar bleibt, sondern die widerstrebenden Bedürfnisse des Ichs werden beide prozessiert, um so einen Blick auf die Entwicklung dieser Bedürfnisse in der Vergangenheit, die diesen Widerspruch prozessierte und so entwickelte denkbar macht. Von diesem aufgeklärtem Selbstbild aus kann eventuell ein Selbstentwurf ausgehen, der die Widersprüchlichkeit des Subjekts in leidärmeren Formen prozessiert.

„wie Stolz und Würde“