Eine Fußnote zu Marcuse

Nach Anfängen einer gründlicheren Lektüre Marcuses muss ein Absatz des Beitrages „’Die Verhältnisse überwinden in denen…’ – ja wer eigentlich?“ ersetzt werden. Die leichtfertige Wiedergabe der damaligen Marcuse-Rezeption bitte ich zu entschuldigen:

Ein erster hier zu vertretener, aber nur kurz zu betrachtender, Vertreter ist Herbert Marcuse. Seine Anthropologie, die auf Freuds Triebtheorie aufbaut, verweigert sich aber einem konsequenten Denken der Totalität – die er aber selbst vertritt und im Begriff des eindimensionalen Menschen auch artikuliert. Er meint auch im Kapitalismus einen universalen Kern der menschlichen Natur im Eros zu entdecken, aus dem heraus sowohl eine positive Anthropologie abzuleiten als auch politische Handlungsformen zu denken sind (und auch gedacht werden). Der Thanatos wird von ihm als Ausformung des kapitalistisch unterdrückten Eros verstanden. Naheliegend begeht Marcuse daraus abgeleitet den Fehler, jegliche Widerständigkeit gegen den Kapitalismus als potenziell positiv zu denken, da in ihr eine Befreiung des Eros vom Kapitalismus möglich wird.

Diese oberflächliche, verkürzende, wenn nicht falsche, Marcuse-Rezeption ist zu ersetzen:

Ein erster hier zu vertretener, aber nur kurz zu betrachtender, Vertreter ist Herbert Marcuse. Seine Anthropologie, die auf Freuds Triebtheorie aufbaut, verweigert sich aber einem konsequenten Denken der Totalität – die er aber selbst vertritt und im Begriff des eindimensionalen Menschen auch artikuliert. Er meint auch im Kapitalismus einen universalen Kern der menschlichen Natur in den beidenen fundamentalen Trieben Eros und Thanatos zu erkennen. Marcuse analysiert diese, aufbauend auf der Freudschen Triebtheorie, als zwei Wege zum gleichen Ziel: das „principium individuationis“ zu annulieren. Der Eros ist hierbei der Weg der Vereinigung zur Überwindung der Vereinzelung, der Thanatos die Rückkehr ins unorganische Ganze – womit Marcuse eine Deutung liefert, die der Existenzialphilosophie Sartres recht nahe kommt, der jedoch von Marcuse selbst dem Nachklang der modernen Philosophie (von Aristoteles bis Hegel) zugeordnet wird, die das Leistungsprinzip naturalisiert. Ebenso wie Sartre sieht Marcuse das Streben nach Ganzheit und Aufhebung der Spannung als Antrieb und Ursprung der Triebe, anders als er hält er aber eine umfassende Spannungsaufhebung in Ganzheit in einer befreiten Gesellschaft möglich.
Der Kapitalismus verformt Eros und Thanatos zu seinen repressiven Formen, die zu Entfremdung und der Barbarei der Moderne führen. In einer befreiten Gesellschaft hingegen wäre der Eros frei und gleichzeitig der freien Entfaltung aller nicht entgegengesetzt, der Thanatos hingegen würde mit der Abnahme der Lebensnot absterben.
Marcuse sieht zwar die Möglichkeit einer regressiven Befreiung des Eros vom Realitätsprinzip des Kapitalismus, erhofft sich aber eine progressive Befreiung des Eros von der Unterdrückung ohne Negation der kulturellen Errungenschaften. Da die Unterscheidung dieser beiden Formen in der konkreten Beurteilung und Entscheidung des Beurteilenden liegt, und da Marcuse mit seiner Vorstellung der Erreichbarkeit eines spannungsfreien, ganzheitlichen Daseins zumindest Anknüpfungspunkte für regressive Unmittelbarkeits- und Identitätsphantasien, wie sie auch in der radikalen Linken häufig zu finden sind, bietet, bleibt seine Theorie unklar und bietet das Potenzial einer Lesart wie etwa von Hardt/Negris „Multitude“.

Die Nähe Marcuses zum Existenzialismus ist, im besonderen wegen ihrer konträren Perspektive auf die Frage der Ganzheit/Spannungslosigkeit, aber auch wegen des von Freud hergeleiteten Fokus auf die Sexualität (den Marcuse in einer befreiten Gesellschaft von der unterdrückenden Fokussierung auf die Genitalität auf einen allgemeineren Eros erweitert sieht), die im Existenzialismus keine derart zentrale Rolle einnimmt, insbesondere zur Problematisierung Marcuses für emanzipatorische Praxis in einem späterem Beitrag zu beleuchten.


1 Antwort auf „Eine Fußnote zu Marcuse“


  1. 1 „Er will sein, und er will Enthüllung des Seins sein.“ « spiegelschrift Pingback am 25. Januar 2011 um 23:11 Uhr
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