Mehr nicht?

„I fear every day, every evening“

Nach über eineinhalb Jahren ist eine erste Betrachtung des Projektes, das spiegelschrift ist, nicht mehr nur denk-, sondern auch schreibbar.
Angetreten ohne konkrete Ziele, einzig mit dem Verweis auf die Hoffnung eines Selbstzwangs zum Verschriftlichen, war und ist die thematische Orientierung von spiegelschrift unklar; dennoch lassen sich Schwerpunkte feststellen. Die Beiträge markieren häufig Begriffe wie „Menschsein“, „Entfremdung“ oder „Verdinglichung“, „Identität“ und den Verweis auf die Schwierigkeit einer politischen Praxis, die den Erkenntnisvermutungen, die sich in diesen Begriffen ausdrücken, nicht widerspricht.

„Carefully watched for a reason“

Ein Schwerpunkt zu Beginn des Projektes war das Problem der Kollektivität. Im Erfahren einer Kollektivität, etwa beim Fussballspiel oder in studentischen Initiationsritualen, dem Selbstentwurf als Kollektivität (bei Studierendenprotesten: hier und hier) und bei der Frage nach der Un-/Möglichkeit eines Kollektivs, auf das sich die politische Praxis positiv beziehen kann (hier und hier). Letzteres leitete, unter Vorarbeit am Begriff der Kultur (hier und hier), auf die Frage nach dem Menschsein als solches zu, der Un-/Möglichkeit einer Anthropologie, die noch weitgehend unbeantwortet im Raum steht. Nichtsdestotrotz entfaltete sich von ihr aus die Kritik des Authentizitätsbegriffs (in einer kurzen Reihe: 1, 2 und 3) und die Bemühung um Ansätze um eine nicht-regressive Bearbeitung der Entfremdungs- bzw. Verdinglichungsproblematik (über den Begriff des Kunstwerks und den der Fremdheit) – aber auch Grenzsituationserfahrungen der Identität am Beispiel Trauer und selbstverletztendes Verhalten.
Parallel dazu an der Frage einer Un-/Möglichkeit wirksamer emanzipatorischer Praxis gearbeitet. Die Beiträge standen dabei alle mehr oder weniger im Kontext einer Spektakeltheorie (etwa im Bezug auf die Studierendenproteste oder zur kollektiven Militanz), der Schwerpunkt war die Frage nach einer nichtspektakulären Kunst (hier, hier und schließlich hier).

„A blindness that touches perfection, but hurts just like anything else“

Diese Verschiebung, von der Frage der Kollektivität hin zur Frage der Nicht-/Identität und des Subjektivem ist als eigenständiges Ergebnis von spiegelschrift zu lesen. Sie markiert den regressiven Gehalt der Kollektivtätsvorstellung, ihr Versuch, die Vereinzelungserfahrung durch die Aufhebung des Individuellen aufzuheben. Gleichzeitig verweist sie auf die scheinbar anthropologische Spannung, die eine solche Aufhebung verlockend erscheinen lässt und damit auf die (in der Frage nach der Aufhebung/Spannung und in der Frage nach der kollektiven Verfasstheit der Subjektivität) doppelte Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis zwischen Subjektivität und Kollektivität.
Die Artikel zur Subjektivität markieren auch ein Scheitern der bisherigen Bemühungen, das Spannungsfeld Kollektivität – Subjektivität produktiv zu denken, verbleiben sie doch alle bei individualistischen Ansätzen, die zudem ökonomische Bedingungen ausblenden – spiegelschrift insgesamt glänzt mit einer umfassenden Abwesenheit materieller Bedingtheiten symbolischer, ideologischer Formen (Ausnahme einzig der Beitrag zur Verwobenheit der Symbole und ihrer materiellen Zuweisungen am Beispiel des ‚öffentlichen Raums‘).

Das Problem, an das mehrere Annäherungen gewagt wurden, steht aber bisher weiterhin unentziffert und schweigend da – und darin ist spiegelschrift auch Zeichen einer Ohnmacht, die sich wohl auch in der übrigen derzeitigen Bemühung um emanzipatorische Praxis wiederfindet.

„Isolation“