„Er will sein, und er will Enthüllung des Seins sein.“

Wie festgestellt, findet sich zwischen der Anthropologie Marcuses, die auf der Triebtheorie Freuds aufbaut, und der Anthropologie, die Sartres Existenzialismus entfaltet, eine nicht zu gering zu betonende Nähe in ihrem konstitutiven Moment: Eine Erfahrung des Mangels – ein Mangel, der ein Seinsmangel ist und bei beiden Theoretikern der Getrenntheit des eigenen Seins von der Welt und den Anderen entspringt. Fundamentaler Unterschied ist die Frage nach der Überwindbarkeit des Mangels. Sie wird hier hauptsächlich nach seinem Werk „Triebstruktur und Gesellschaft“ (Eros and Civilisations, EC), aus dem auch die Kritik Marcuses an Sartre stammt, entwickelt. Eine denkbare Beantwortung der Kritik wird ebenfalls skizziert.

„immer eine Schlacht, die ganze Nacht“

Sartre analysiert1 den Mangel als erlebte Spannung zwischen unseren Entwürfen – unserem Sein-Wollen – und unserem Sein. Er wird empfunden, da das menschliche Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas, aber nicht dieses etwas ist – und gleichzeitig nichts außerhalb des Bewusstseins denkbar bzw. erkennbar ist. (Der Hunger, den wir erleben, ist das Bewusstsein von Hunger und damit nicht identisch mit dem Hunger – es ist Bewusstsein von etwas, das wir als Hunger erleben,2 aber gleichzeitig ist es auch der Hunger: kurz: Es ist, was es nicht ist.) Eine grundsätzliche Trennung zwischen dem eigenen Sein und der Welt (und damit auch den Anderen) wird erlebt – und in ihr wird noch das eigene Sein erschüttert, da es selbst nur als Bewusstsein von… erfahren wird, also – etwa als greifbare Körperlichkeit, als die eigene Biographie, das Ansehen bei Anderen – nur in der Welt erfahren wird. Der Mensch ist damit letztlich nie das, was er ist, und kann nur werden, was er werden will, indem er handelt (und so versucht, diesen Mangel zu befriedigen). Eine Aufhebung der Spannung ist jedoch nie möglich, da jede gelungene oder gescheiterte Handlung wieder zur erfahrenen Welt wird und sich so dem menschlichen Sein entzieht.

„wir wollen in die Frische, wir wollen uns häuten“

Auch bei Marcuse zielen die aus der Freudschen Theorie stammenden Grundtriebe Eros und Thanatos auf eine Überwindung der Vereinzelung. Diese Überwindung ist bei Marcuse jedoch in der Triebbefriedigung erreichbar, sofern diese sich frei entfalten kann. In der von ihm perspektivisch skizzierten befreiten Gesellschaft wäre die Vereinzelung zwischen den Menschen und die Entfremdung zwischen Mensch und Natur weitestgehend aufgehoben in einer harmonischen, erotischen Beziehung.

Aus dieser Perspektive heraus kritisiert Marcuse die Sartrische Philosophie als in der Tradition der westlichen Philosophie und der bürgerlichen Gesellschaft stehend. Sie konzipiere eine repressive Vernunft, die die Welt und andere beherrschen und überwinden will, auf Produktivität zielt und damit die menschliche Seinsform in der bürgerlichen Gesellschaft naturalisiert und ihrer historischen Bedingtheit entzieht.

Sartres Konzeption zielt jedoch weniger auf ein Beherrschen oder Überwinden des Anderen, das zwar als Weg der Spannungsüberwindung denkbar ist, diese jedoch – ebenso wie andere Wege – nicht leisten kann, weil der Andere irreduzibel Anderer bleibt, sondern sieht in seiner Theorie durchaus die progressive Perspektive des Sich-gegenseitig-Anerkennens – auch wenn dies auch immer prekär bleibt. Dieses Anerkennen wird derzeit von den Produktionsbedingungen und notwendig falschem Bewusstsein weitgehend verhindert, so dass für Sartre eine Revolution hin zu einer nicht-warenförmigen Gesellschaft Grundbedingung für diese gesellschaftliche Perspektive ist. Laut ihm kommt es nicht auf die klassenlose Gesellschaft an (sie ist kein telos), sondern darauf, was wir dann mit ihr machen.
Ebenso ist der Verweis aufs Leistungsprinzip verfehlt, da zwar ein ständiger neuer Entwurf, ein immer wieder notwendiges Sich-selbst-Überwinden zentraler Bestandteil der Theorie ist, aber dieses Sich-Überwinden nicht als noch mehr/noch besser gemeint ist, sondern das eigene Wesen und die eigene Situation immer Ausgangspunkt der eigenen Freiheit ist.

„mit all den Leuten“

Die Kritik an Sartres unaufhebbarer Spannung zwischen dem Menschen und der Welt ist kritisch gegen Marcuse zu wenden, wenn seine Alternative, seine Konzeption von Spannungsaufhebung betrachtet wird:

Marcuses Ideal des befreiten Eros wird von ihm Anhand von Verweisen auf Nietzsches ewige Wiederkunft, vor allem aber in der Analyse der Mythen von Orpheus und von Narziß und dem Ästhetik-Theorien von Kant und Schiller erarbeitet. Von ersteren übernimmt er ein Konzept der Harmonie, in denen Ich und Welt nicht mehr getrennt gegenüberstehen, sondern ein Einklang zwischen Ich und Welt, Subjekt und Objekt geschaffen ist und der Mensch nunmehr ein Subjekt-Objekt sei – und verweist dabei auf das ozeanische Gefühl aus der Freudschen Theorie, in dem der Mensch sich eins mit der Welt fühlt. Dabei sei der Mensch und auch die Natur nicht mehr entfremdet, vielmehr seien sie frei „das zu sein, was sie sind.“ (EC 165) In der befreiten Gesellschaft soll das „das Nirwanaprinzip nicht als Tod, sondern als Leben“ (EC 163) realisiert sein, also die Ruhe in völliger Bedürfnisbefriedigung. Marcuses Ideal zielt also auf eine geschichtslose Ruhe in Glückseligkeit.
In seiner Kant- bzw. Schillerrezeption findet Marcuse die Vorstellung der Möglichkeit der Erkenntnis der objektiven Ordnung (wie die Welt ist, wenn sie einfach sein kann, wie sie ist). In der befreiten Gesellschaft hätte der Mensch diese Einsicht in die objektive Ordnung, sie ist die vernünftige und (daher) wahre.
In „in einer wirklich freien Kultur [verwirklicht sich] ‚der Wille des Ganzen’ nur ‚durch die Natur des Individuums’.“ (EC 190) – wohlgemerkt: der Natur, also seiner subjektiven Ordnung, die im Einklang mit seiner objektiven Ordnung ist; mehrfach spricht Marcuse auch von dem Einklang zwischen Individuum und Gattung.

Eine solche Konzeption, selbst wenn sie nur als Ideal im Grenzfall einer Gesellschaft völlig ohne notwendige materielle Produktion (die bei Marcuse notwendig entfremdet ist) gedacht wird, impliziert, dass nichtharmonische Elemente in einem Mangel an Einsicht in die objektive Ordnung, d.h. einen Mangel an Vernunft, begründet sind. Diese Konzeption und der Verweis auf die sich realisierende Natur des Menschen, die so ist, wie sie ist, öffnen eine an Marcuses Positionen orientierten Praxis hin zu einer Pathologisierung von Widerspruch oder Unzulänglichkeiten, zu der Vorstellung, qua vernünftiger Einsicht besser zu wissen, was jemand will, als diese_r selbst. Ebenso besteht die Gefahr, auf dieser Position eine konkrete Einsicht in die Natur des (befreiten) Menschen zu formulieren, wie es Marcuse mit der Konzeption eines befreiten Eros jenseits der Genitalfixierung als gesamtkörperlich polymorph-pervers und der daraus resultierenden Erotisierung des gesamten Lebens andeutet, und Abweichungen von ihr wiederum als unnatürlich zu identifizieren.

„was immer hier passiert ist nicht gesagt“

Dennoch finden sich bei Marcuse wichtige Überlegungen zu der Verbindung von Sexualität und kapitalistischer Verwertung, insbesondere der Bezug von Genitalität und Objektbezug zum eigenen Körper und die Rolle des Privaten, insbesondere der Sexualität, als Gegenraum im Kapitalismus. Das theoretische Ideal Marcuses ist jedoch Warnung, seine Konzeptionen auf ihre Implikationen bezüglich eines (positiv formuliertem) Menschenbildes zu überprüfen.

  1. hier sehr holzschnittartig und sicherlich fehlerhaft verkürzt dargestellt [zurück]
  2. und schon der Verweis auf ein ‚etwas’ ist eine Konzession an das begriffliche Bewusstsein, außerhalb dessen nichts denkbar ist (weil ‚außerhalb’ selbst eine Bewusstseinskategorie ist) [zurück]

1 Antwort auf „„Er will sein, und er will Enthüllung des Seins sein.““


  1. 1 Die Erotisierung des gesamten Lebens « Metalust & Subdiskurse Reloaded Pingback am 28. Januar 2011 um 20:22 Uhr
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