„…damit es in den Hals nicht reinregnet.“

Folgend die negativen Einschlüsse in einen ansonsten sehr netten Abend. Vorweg der Hinweis, das die beteiligten Personen diese (und andere) Äußerungen selbstverständlich nicht gemeinschaftlich tätigten und deutlich verschiedene Positionen hatten. Die folgende Homogenisierung dient nicht dem Verschleiern dieser Tatsache, sondern bildet ein Gefühl ab, das sich gar nicht auf eine oder alle Anwesenden bezog, sondern losgelöst von ihnen in der Situation entstand.

Eine weinselige Runde in Kneipen- oder Freiraumatmosphäre, recht nette, erkenntnisbefördernde Gespräche. Irgendwann wurde ich über meinen Sprechstil als „verkopft“ identifiziert. Mit dieser Identifizierung erfolgte gleichzeitig die Feststellung, dass es mir an etwas mangele. Im Zuge des Gesprächs darüber wurde mir klarer, was mir mangele: Ein_e Diskutant_in fragte, ob ich schon einmal manuell gearbeitet habe, ein_e andere_r, ob ich selbst Fußball spiele (vorher ging es unter anderem um Erfahrungen des Im-Stadion-Seins). Es wurde darauf hingewiesen, dass „wir“ hier keine „Theorie“ betreiben.

„ich bin ganz sicher schon mal hier gewesen“

Der darin vielleicht immer implizit enthaltende Hinweis, das mein Sprechstil auf andere Gesprächsteilnehmer_innen ausschließend wirke, ist nachvollziehbar und berechtigt. Diesen Hinweis jedoch darin zu verpacken, das ich – anscheinend störenderweise – „alles immer ernst“ und „eins zu eins“ nehme, war für mich in dieser Situation schwer als Kritik an meinem ausschließenden Sprechstil zu realisieren. Zudem fand ich mich zunehmend in einem Rechtfertigungsdruck wieder – ob dieser nun zentral durch die Äußerungen entstand, oder ob sie nur einen geringen Teil beitrugen und meine Erfahrungen mit solchen und ähnlichen Äußerungen in der Vergangenheit dazu führte, dass ich mich genötigt sah, mich gegen eine unangenehme Objektivierung zu verteidigen, will ich damit nicht beantworten, letzteres trägt einen entscheidenden Teil zu dem Gefühl bei.

Im Zuge dieser Rechtfertigung wurde – neben der erfreulichen Explizierung des ausschließenden und einschüchternden Charakters meines Umgangs mit anderen Äußerung (kurz: Aussagen ernst nehmen und dann häufig an ihnen etwas auszusetzen haben, wie mir scheint nicht aus Böswilligkeit oder Machtbedürfnis, sondern um mittels Kritik das Gespräch und etwaige Erkenntnisprozesse weiterzutreiben) – mir geraten, meine Emotionen zuzulassen. Anscheinend wurde an meinem Sprechstil an diesem Abend – die Beteiligten kannten mich alle noch nicht länger als ein paar Stunden – analysiert, das ich einen wichtigen Teil meines Seins verdränge. Als ich versuchte zu erklären, wie ich Emotionen empfinde – nämlich, am Beispiel der Angst erläutert, nicht als körperlich und in Körperinseln zu verorten, als Verkrampfung im Bauch, oder anders verräumlicht, als Sog, und auch nicht als optisch, Schatten, Dunkelheit, sondern nah an den Begriffen, die mir die Sprache für das Phänomen selbst zur Verfügung stellt – wurde daran die Analyse angeschlossen, dass ich meine Körperlichkeit zu wenig zulasse.

„es muss die Zeit gewesen sein in der alles begann“

Diese Identifizierung empfand ich als mehrfach problematisch: Ich halte von ad-hoc Analysen nicht viel, insbesondere nicht von der Verallgemeinerung einer Sprechsituation auf die gesamte Art, sein Leben zu leben. Hinter dieser Gesamtanalyse war die Kritik an meiner Wirkung auf die konkrete Sprechsituation für mich schwerer zu fassen, als wenn sie konkret, situationsbetreffend, geäußert worden wäre.
Entscheidend ist aber, dass im Zuge dieser Analyse in eine Trennung zwischen „Kopf“, „Theorie“ auf der einen, und „Körper“ und „Emotionalität“ auf der anderen Seite aufgemacht wurde, und mir zugeschrieben wurde, dass es mir Aufgrund eines Überhangs auf der ersten einen Mangel auf der zweiten Seite habe. Diese Trennung ist selbst schon anzuzweifeln. Das Benennen eines Mangels deutet aber auch darauf hin, das es eine, wenn auch diffus, feststehende Meinung davon gab, wie das richtige Verhältnis zu sein habe, also wie der richtige Mensch denken, fühlen und reden solle – und ich, und daher die emotionale Betroffenheit, mir mein Leiden an meiner falschen Art zu denken, fühlen und reden vermutlich nur verheimliche, es mir zumindest besser gehen würde, wenn ich anders wäre. Das Gespenst des authentischen Ich-Seins huschte vorbei.

„ich fühl mich ganz ok jetzt, es ist gar nicht so schlimm“


1 Antwort auf „„…damit es in den Hals nicht reinregnet.““


  1. 1 the falling eland. 06. März 2011 um 22:21 Uhr

    Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit denen, die immer dort gefangen gewesen, während es ihm noch vor den Augen flimmerte, ehe er sie wieder dazu einrichtet, und das möchte keine kleine Zeit seines Aufenthalts dauern, würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen und lohne nicht, daß man auch nur versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch umbringen?

    Was ich damit sagen will ist lediglich dieses: dass manche erkenntnisspendenden Wege mit derlei Gedanken, Worten und Handlungen verbunden sind, dass die skeptische und ablehnende Haltung der auf diesem Wege noch nicht an dem selben Punkte angelangten Menschen beschriebene Reaktionen hervor ruft. Das hat wohl nichts mit einem Gegensatz zwischen Kopf und Bauch zu tun, obwohl ich diese symbolische Dichotomie in anderen Beziehungen schätze, sondern mit einer Qualität, die sich vielleicht in Anlehnung an obiges Zitat mit Tiefe oder vielmehr Höhe beschreiben lässt.
    Mir ist die Erfahrung jedenfalls nicht fremd. Tatsächlich muss ich gestehen, dass ich auch aus diesem Grunde den Weg nicht so konsequent gegangen bin wie ich das eigentlich ursprünglich hatte tun wollen.

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