„Die Universität ist ein hässliches Gebäude“

Angeregt durch die aktuellen zarten Anfänge einer Debatte im Nachklang der letzten Studierendenproteste in Kiel (hier und hier), nun ein Versuch, einen anderen Zugang, eine andere Seite des Umgangs mit Universität darzulegen.

„cool in der Gegend rumstehen“

In den Texten aus dem Umfeld der Linke.SDS und der Linksalternativen Liste geht es zentral um die Frage, wie Universität verfasst ist. Die Universität wird versucht, in ihrer Rolle für die „allgemeinen Reproduktionsbedingungen“ zu analysieren, um die Veränderungen, die sie erfährt und die vielfach als Verschlechterungen der Studienbedingungen erfahren werden, auf ihre Bedingtheit in den veränderten Strukturen der Ökonomie hin zu untersuchen. Parallel dazu wird die affirmative Ausrichtung der Bildungsproteste der letzten Jahre kritisiert, die vielfach eine imaginierte oder tatsächliche Vergangenheit der Universitätssystem als Ideal propagiert und den Staat als Adressaten ihrer Proteste auffordert, einen ehemaligen (oder gar ursprünglichen) Zustand wiederherzustellen, der nicht nur als besser, sondern teils sogar als gut dargestellt wird. Selbst im „Bildung boykottieren“-Papier des Arbeits- und Aktionskreises kritisischer Studierender Kiel wurde, in Kritik an dieser affirmativen Position, ein Ideal kritischer Bildung als progressive Perspektive der Universität eingefordert – und auch im hier dokumentierten Flugblatt „Für eine ganz andere Bildung“ wird dieser Tenor angeschlagen.

„sie haben es wirklich nicht leicht, aber auch nicht wirklich schwer“

Dieser Beitrag soll eine andere Stoßrichtung haben. Damit soll die Notwendigkeit einer Analyse der Universität keinesfalls gemindert werden, auch soll nicht die Kritik an den mehrheitlichen Positionen als unnötig oder unwichtig dargestellt werden (wie sie auch hier auf diesem Blog versucht wurde), auch wird nicht die Notwendigkeit einer anschlussfähigen Argumentation für den politischen Kampf geleugnet, wie sie Marcel in seiner Antwort auf Karl Katheter benennt. Vielmehr soll aus der eigenen subjektiven Sicht die Bedeutung der politischen Auseinandersetzung um die Universität gedeutet werden:

„beim Essen und Rauchen, zu nichts zu gebrauchen, mit neuen Klamotten und mehr Taschengeld“

Nicht die bessere Universität ist das erkämpfenswerte Ideal, nicht einmal die kritische Universität. Eine kritische Universität kann einzig die Abschaffung der Universität bedeuten, die Zerschlagung aller ihrer konstitutiven Bestandteile: Der Dozentierenden-Studierenden-Trennung (wie auch die Aufhebung der Trennung zwischen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Teilnehmer_innen), des Noten-, Abschluss- und Fachsystems, d.h. des Ausbildungscharakters, ihre Begrenzung nach Außen, ihre räumliche und inhaltliche Abgesondertheit – schließlich die Trennung von Theorie und Praxis, die die Universität noch in der Forderung nach mehr Praxisnähe reproduziert. All dies ist innerhalb einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft nicht zu erwarten – warum also überhaupt eine spezifisch universitäre Politik?
In den Debatten um zunehmende Verschulung, Prüfungsdruck etc. ist es vielleicht abzulesen: Universität ist auch heute noch eine Möglichkeit, sich bestimmten Zwängen zu entziehen, sie gegen spezifisch universitäre Zwänge einzutauschen, in der Hoffnung, dadurch Handlungsspielraum zu gewinnen. Universität ist auch derzeit nicht zwingend ein 9to5, kein ausschließlicher Callcenter-Stumpfsinn, hier und da gibt es die Gelegenheit im Rahmen universitärer Bildung ein gutes Buch zu lesen, unter der Woche ausschlafen zu können oder mietfrei einen Raum für eine Veranstaltung zu bekommen und hier und da ist es möglich, an der Universität Ähnlichgesinnte zu finden. Kurzum: die Universität ist kein Freiraum, aber sie ist ein Stützpunkt.
Diesen Stützpunkt zu verteidigen und auszubauen, ist Motivation für die Proteste zur Einflussnahme auf die Gestaltung von Universität. Eine abgeschaffte Anwesenheitsliste schafft die Möglichkeit des Leistungserwerbs in Abwesenheit – und damit Zeit, die der Bildung, dem Genuss und der Faulheit offenstehen. Weniger Prüfungen werden nicht für eine freiere Bildung, sondern für ein stressärmeres Leben erkämpft, ihr Ziel ist keine gute Universität, sondern eine Universität, die das Leben in geringerem Maße ihre Formen aufzwingt.
Zweifelsohne ist diese Sichtweise auf Universität kein Argument, wenn dem Staat als Bittsteller gegenübergetreten wird. Dennoch hat diese Sichtweise ihre Relevanz in der Vermittlung studentischen Protests. Wenn es darum geht, gerade Erstsemestern, die häufig von den Forderungen nach Leistung, Lerngeschwindigkeit (Stichwort: Regelstudienzeit) etc. überrollt werden, in Gedanken zu rufen, dass der Druck nach dem Studium nicht weniger wird, es also keine Strategie ist, das Studium schnell zu beenden, sondern stattdessen zu überziehen, sich dem schnellen Studium zu verweigern und die Zeit anders zu nutzen („….30 Semester Minimum!“). Wenn es darum geht den Einschreibelistenklau oder wenigstens das Einschreiben aller durch alle zu organisieren oder darum, eine Bildungspraxis in und gegen die Universität zu organisieren. Und nicht zuletzt darum, zu erinnern, das wir nicht für eine bessere (Aus-)Bildung aufstehen, für eine Bildung, die ihrem Ideal entspricht oder für das, was uns versprochen wurde, sondern für uns, für unsere Bedürfnisse, die wir an der Universität leben wollen, ohne das ebendiese uns dabei stört.

„sie lassen sich treiben und haben Spaß dabei“


4 Antworten auf „„Die Universität ist ein hässliches Gebäude““


  1. 1 hickey 20. April 2011 um 9:39 Uhr

    ich finde die rueckfuehrung des protests und der forderungen auf die beduerfnisse und sogar auf die angerissene utopie attraktiv. aber ich finde sie stellen kein gegenargument dagegen dar, dass eine „kritische universitaet“ (ich nehme das besipiel bloss ein irgendein beispiel fuer eine moegliche verbesserung des bestehenden schlechten) eine errungenschaft waere.

  2. 2 spiegelschrift 20. April 2011 um 22:35 Uhr

    Eine kritische Universität kann einzig die Abschaffung der Universität bedeuten, die Zerschlagung aller ihrer konstitutiven Bestandteile…

    Der Satz ist durchaus so gemeint. Eine Universität die kritisch wäre, wäre keine Universität mehr. Da die Kritik der Universität (die notwendiger Bestandteil der kritischen Universität wäre) die Universität derart verändern müsste, das sie nichts mehr mit „Universität“ zutun hätte. Das es innerhalb der bestehenden Verhältnisse weniger schlecht als jetzt geht, beschrieb ich ja selbst. „Kritisch“ wird eine solche weniger schlechte Universität dadurch aber nicht. (Was nicht heißen soll, das „Universität“ nicht zur Kritik missbraucht werden kann)

  3. 3 Busch 26. Mai 2011 um 20:18 Uhr

    Universität hat die Aufgabe kritisch zu handeln, und sollte durch zunehmende Autonomie ebenfalls des Personalstandes einer wesentlich wissenschaftlich fundierteren Realität für die Gesellschaft nachkommen. Sie sollte auch für Studierende die Möglichkeit bieten sich mehr zeitlich mit den Bildungsinhalten auseinanderzusetzen, um zu einem Ganzen beizutragen. Anstatt sich unter Prüfungsdruck ängstlich und scharmhaft der Kommunikation zu entziehen.
    In früheren Zeiten war es für eine Bekannte von mir nicht schwierig gewesen neben ihrem BWL-Studium eine Berufsausbildung zur Hotelfachfrau zu absolvieren, ohne Anwesenheitszwang in Übungen. Sie hatte beides innerhalb von sechs Jahren absolviert, und sich so meiner Meinung auf besondere Art und Weise qualifiziert.

  1. 1 Die Universität ist ein hässliches Gebäude“ … « Links Alternative Liste Pingback am 12. April 2011 um 16:17 Uhr
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