„Hipness is not a state of mind, it’s a fact of life.“

„’Warum hat denn eigentlich die Jungle World hier keinen Stand gemacht?’“ fragt Hannes aus Halle, eine insofern berechtigte Frage, als das mir dann die taz und die Blätter als Zerstreuung bei den Vorträgen, die tatsächlich die Desorganisation des Denkens versuchten, erspart geblieben wäre. Erfreulicherweise blieben zumindest bei meinem Programm auf der „Re-Thinking Marx“-Konferenz jene Vorträge in der Minderheit.

Der Eindruck, den der Freitag hinterlies, war unerwartet positiv. Nach einer Einleitung durch Jaeggi, die – gewohnt schwammig – unklar lies, welches Ziel und welche Ausrichtung die Konferenz haben würde, und die zum Abschweifen und Betrachten des Publikums einlud (viele jüngere Menschen, insgesamt sehr voll), das erste Podium, das kein gemeinsames Thema hatte – eine Diskussion war also nicht zu erwarten und blieb auch aus.

Als erste Referentin trat Wendy Brown auf, die – grob umrissen – versuchte, bei Marx die Begriffe der Religion und Ideologie herauszuarbeiten und aufzuzeigen, wie mit Marx das Konzept der politischen Religionen (auch wenn sie diesen Begriff nicht verwendete) denkbar ist. Es folgte Andrew Chitty, und damit eine erste Überraschung: Sein Vortragsziel war es de facto, aufzuzeigen, wieso die befreite Gesellschaft nicht zentral-planwirtschaftlich organisiert sein könne, wenn sie Marx Freiheitsbegriff entsprechen wolle. Kurz: Da die Produktion nur qua freier Entscheidung zu ihr in ihrem Charakter als menschliches Handeln für Andere erlebt werden kann (da ohne diese Entscheidung sie nicht für andere, sondern nur zur Erfüllung der Vorgaben (etwa um Repression zu entgehen) erlebt wird), dieses Für-Andere-Arbeiten (Wollen können) aber Bedingung für die Realisation der menschlichen also gesellschaftlichen Freiheit sei.

Folgend dann ein Auf und Ab an Vorträgen, die hier nicht alle genannt werden sollen. Enttäuschungen – wie etwa, dass Saskia Sassen eine postoperaistische Theoretikerin der Multitude ist – erwartete Höhepunkte – wie das Referat von Moishe Postone (am 31. Mai um 10 Uhr auf FSK zu hören) – Einführungsreferate – wie denjenigen von Stevi Jackson, die eine schwierige, aber bestimmt fruchtbare Konfrontation materialistischer und nicht-materialistischer Feminismen vorschlug, um zur klassen- und geschlechterlosen Gesellschaft zu kommen – Überraschungen – etwa der Vortrag von Tim Henning, der zunächst reichlich unnütz erschien, letztendlich in seiner Bearbeitung der neoklassischen Ökonomie aber zu einer in Hinblick auf Marx aktualisierten Analyse des Einflusses der Industriellen Reservearmee auf die Produktion gelangte – und grottenschlechte Vorträge – wie der von Marco Iorio, der in substanzphilosophischen und antidialektischen Konzepten über Prozessphilosophie und Dialektik sprach.

Große Überraschung für mich war, das Axel Honneth und die ihm folgende Wissenschaftler_innen erstaunlich wenig Platz einnahmen. Wo sie ins Rampenlicht gerückt wurden, wie etwa auf dem Podium mit Honneth und Postone selbst, wurden sie von den anderen Teilnehmer_innen meist überzeugend kritisiert, und auch die Sympathien im Publikum hatten sie nicht auf ihrer Seite (was an dieser Stelle einmal von der Lautstärke und Dauer des Klatschens abgelesen sei, etwa auf die Erwiderungen von Postone auf Honneth). Die Erwartung, das sich Honneth-Freund_innen und die anderen – ob sie nun „kritisch“, „materialistisch“ oder „marxistisch“ heißen – sich die Waage halten, wurde also zum besseren hin nicht erfüllt – und sogar ein Honneth-Schüler wie Hartmut Rosa distanzierte sich offen und namentlich von Honneth – während die Vermutung, das auf einer Konferenz an einer Universität in Deutschland das Wort „Revolution“ oder „Kommunismus“ nur als Zitat fallen werde, falsch war. Immer wieder wurde sich positiv auf das politische Programm von Marx bezogen.

Und so stand für die Konferenz nicht ganz unpassend als letzter inhaltlicher Beitrag der Vortrag von Emmanuel Renault, in dem dieser nichts weniger als einen Paradimenwechsel der Philosophie forderte, der an die Kritische Theorie Adornos und Horkheimers anschloss, und die Philosophie in konkreten gesellschaftlichen Erfahrungen fundieren will, um derart die Gesellschaft sowohl zu analysieren, zu kritisieren und – so schloss sein Vortrag – zu einem kollektiven Versuch beizutragen, Politik zu entwickeln, indem sie auf ihre Hindernisse hinweist und ihre möglichen Ergebnisse skizziert.

Insgesamt also eine ergiebige Veranstaltung die unerwartet politisch war. Der Marx war – jenseits der Veranstaltung zur Philologie – der Marx der Grundrisse, der ökonomisch-philosophischen Manuskripte, der deutschen Ideologie, des Manifests und des Kapitals. Insgesamt wurde wenig Text-Exegese betrieben und er mehr zum Weiterdenken verwendet. Antimarxsche Positionen, wie die von Honneth, waren in erfrischend geringer Zahl vertreten. Die räumliche Situation war zumindest in den Panels mit ihren kleineren Räumen schlecht und in der Kombination mit dem hohen Anteil hörenswerter Vorträge, die keine Zeit zum Dämmern (debil oder nicht) ließ, und der einen hohen Koffeinkonsum provozierte, vermutlich gesundheitlich nicht zuträglich. Der Besuch der Konferenz lohnte also, und es gilt zu hoffen, das zumindest, wie mehrfach von Referent_innen angekündigt, Referatstexte auf der Homepage landen, und irgendwann einmal ein Tagungsband erscheint, der die Lust aufs Weiterdenken ebenso herbeiruft wie es die Konferenz selbst tat.


4 Antworten auf „„Hipness is not a state of mind, it’s a fact of life.““


  1. 1 oliverrr 29. Mai 2011 um 19:56 Uhr

    Betr.: Polizei bei „Re-Thinking Marx“ nicht tolerierbar

    Es wurde beklagt, daß wieder mal nur geredet wurde. Dies trifft nicht zu:
    Der Uni-Präsident hat die Polizei geholt, als Kongreßteilnehmer anfingen,
    Flugblätter zu verteilen. Das hat viele empört.

    Mehr Informationen hierzu: http://spkpfh.de/Marx_im_Kaefig.htm

    Marx im Käfig / Milchkuh für ‚n Kongreß
    Patientenfront dagegen tätig / für die Uni Kränk und Streß

  2. 2 oliverrr 04. August 2012 um 22:16 Uhr

    @Polizei bei „Re-Thinking Marx“ nicht tolerierbar

    Ich sehe gerade, daß es jede Menge Neuigkeiten in der Sache gibt.

    „Vor einem Jahr: Marx im Käfig – Heute: Uni-Präsident hinter Gittern? … Wir haben die Sache vom Kopf auf die Füße gestellt. Wie kam es dazu? Dank der kollektiven Kraft aus der Krankheit. Was ist das? So kann das aussehen: … “

    Hier findet man die Fortsetzung: http://spkpfh.de/Marx_im_Kaefig_Unipraesident_hinter_Gittern.htm

  1. 1 Diss ist ein Wort mit vier Buchstaben « Pingback am 26. Mai 2011 um 23:29 Uhr
  2. 2 Re-Thinking Marx: Serhat Karakayali – “Vom Verschwinden der Klassen zur Klasse des Verschwindens” « in defense of lost causes Pingback am 09. Juni 2011 um 11:24 Uhr
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