Spaziergang #1

Folgend das Protokoll eines Spazierganges in Jena.

Spielziel:
Ziel des Spiels ist es, eine Möglichkeit zu einem ersten Zugang zu der psychogeographischen Struktur einer Stadt zu finden, den in ihr wirksamen, sie strukturierenden hegemonialen Geboten der Bewegung ebenso wie den subversiven Verlockungen abseitiger Passagen.
Gewonnen werden kann dieses Spiel auf verschiedene Weisen:
1. indem die unsichtbaren Grenzen, die das freie Spiel in der Stadt unterbinden, erfahren und so aufgedeckt werden.
2. indem durch Hingabe an oder Widerspruch zu den Sogwirkungen der Stadt eine Passage hohen psychogeographischen Gefälles entdeckt wird.
3. indem das Verhältnis der eigenen Erfahrungen der Fremdheit und Vertrautheit in Hinblick auf urbane Strukturen entschlüsselt wird.

Spielvorbereitung:
Von einem zentralen Knotenpunkt des Nahverkehrssystems wird möglichst willkürlich eine Linie (Bus, Straßenbahn) gewählt und bestiegen, sie wird an einem Ort verlassen, der falls möglich darauf hin ausgewählt wurde, dass er selbst an der Grenze mehrerer Viertel zu liegen oder seine Position in der funktionalen Stadtstruktur uneindeutig scheint, falls dies nicht möglich ist, wird willkürlich entschieden, bei welcher Station ausgestiegen wird (möglichst nicht die Endstation). Empfehlenswert ist, dass der Teil der Stadt nicht oder wenigstens nicht allzu bekannt ist.

Spielverlauf:
Von der Station aus wird intuitiv oder in bewusster Reflexion den Weg, den das Urbane weist, gefolgt. Dabei wird möglichst nicht antizipiert, wohin der Weg führt, sondern die Aufmerksamkeit auf die aktuelle Umgebung gerichtet, etwa die Bebauungsstruktur, die Menschen und den Verkehr, die Bewegungslinien und die jeweiligen psychogeographischen Auswirkungen. Die Bewegung durch die Stadt sollte weder von den eigenen Bewegungsroutinen noch von einer bewussten Überwindung ihrer psychogeographischen Wirkung (etwa der Angst, ein Viertel zu betreten oder zu verlassen) geprägt sein, sondern ihr möglichst entsprechen.

Test des Spiels:
Die Straßenbahn an der Station an der Haltestelle Lobeda verlassen, fanden wir uns in einem leeren, unentschiedenen Teil der Stadt wieder. Gegenüber der Straße und über eine Fußgängerbrücke zu erreichen das am Hügel liegende Dorf (Alt-)Lobeda, südlich das Plattenbaugebiet Lobeda West, nordwestlich das ebenfalls dörfliche Burgau. Der Straßenbahnhaltestelle gegenüber schloss sich der einzige Weg an, dessen Ziel nicht eindeutig identifizierbar war, und den wir einschlugen. Richtung Westen und später Nordwesten führte der Weg in ein Areal das weder Stadt noch Land war. Wiesen oder Koppeln, stillgelegte Automobile, ein größerer, verlockender Garagenkomplex, dazwischen Bäume, Gehölz und Brachen. Der ungeflegte, verwucherte Hinterhof Jenas; grün, ohne dabei das Versprechen von Natur zu liefern.
Als wir uns vom Garagenkomplex, seinen stillgelegten PKW und seinen Reparaturrampen lösen können, ein erster Sog, durch hochwucherndes Gestrüpp hindurch, etwa zehn Metern eines schmalen Pfades, unserer ersten sirenisch lockenden Passage.

Plötzlich, die Saale, und über sie eine mittelalterliche, im römischen Stil errichtete Brücke. Ein Eindruck von Tourismusattraktion, der für das neue Areal prägend ist. Eine kurze Pause an einer Bushaltestelle ohne Buslinie, die anscheinend als Unterstand zu einer Umsetzstelle für Kanus gehört, und deren Wände ein Buch über den FCC, Grauzonenbands und über die Liebe sind, dann der zwingende Gang über die Brücke. An ihrer anderem Seite ein Platz, der gänzlich artifiziell und ahistorisch wirkt. Linkerhand eine Strandbar, rechterhand der Beginn eines herausgeputzten Dorfes, Fachwerk, Gründerzeit. Eine Straßenbahnlinie quer über den sauberen Platz, gegenüber ein Felsen der wie aus einem Fernsehstudio wirkt, und in dessen Mitte das Tor zu einem Felsenkeller ist, links davon ein Maibaum. Insgesamt kein Blick in die Ferne – Bäume, Felsen und Häuser lösen den Platz aus jeglicher Einbettung in eine Landschaft oder Stadt. Wohl das surrealste Areal, das uns begegnen sollte. Links am Felsen vorbei ging ein schmaler Pfad nach Westen, über dem rasch ein kleines Schloss thronte und von dem ein schmaler, umwucherter Sirenenpfad die Passage zum nächsten Areal bot.

Auf dem Hügel: Halbsuburbanisiertes Dorf. Vorgärten, Solarzellen, Trampoline und Kaninchen im Garten. Den Hügel hinab den Blick auf die Belagerer, vor denen sich das Dorf auf den Hügel zurückgezogen hat: Ein Einkaufszentrum „auf der grünen Wiese“, das städtische Gaskraftwerk, die Straßenbahn- und die Eisenbahntrasse. Am nördlichen Hügelhang der Idealdorfkern: Kirche, Schulhaus, Post, Brunnen, Dorfkneipe „Lindenbergeck“, die Kopfsteinpflasterstraße, stolz 2008 als „Burgauer Pflasterstraße“ saniert, dazu ein Dorfbrunnen. Der spiralenhaft erst nach Norden, dann nach Westen und hinab führenden Straße weiter folgend, geht das Dorf in einzelne Industrievorstadthäuser über, deren Ende die Eisenbahntrasse ist. Eine Treppe gen Norden führt aus dem Dorf heraus.

Eine erneute Passage, diesmal nicht in der subversiven Gestalt einer Sirene, sondern als repressiver Bulle, der nach Westen befiehlt, geht es unter der Eisenbahn und der Fernwärmeleitung, am Kraftwerk vorbei, eine mehrspurige Straße entlang. Das erste Mal das Gefühl, unangenehm gezwungen zu sein, eingesperrt in eine reine Funktion, dem Fluss der (Re-)Produktion folgend. Eine Abzweigung in ein Gewerbegebiet rettete uns, wir fanden „Peli’s Imbiss“ – zwei Portionen Pommes rot-weiß. Von dort, wenn nicht zurück, dann nach Winzerla, vor und zwischen die Plattenbauten.

Winzerla wurde – Straße und Straßenbahnlinie überquerend – über eine kleine Fußgängertreppe betreten. Zunächst der zentrale Platz, eine Wasserfläche mit Statue, Bänke; steril, neu – der Ausschreibungsentwurf sah bestimmt einmal gut aus. Eine Treppe, die tatsächlich mit Sitzstufen aus Holz versehen ist (damit die Herumlungernden die Treppe nicht blockieren) führt hinauf vor das Viertel, den ersten Plattenbau vor uns. Wir schlichen erst eine Weile entlang der unsichtbaren Linie, die das Viertel begrenzte, entlang, um schließlich auf einem Fußweg in das Viertel zu biegen. Der Automobilverkehr scheint komplett am Viertel vorbeizufließen, die Straßen jedenfalls verschwinden fast gänzlich als Stukturelement des Viertels, statt dessen Fußwege und kleine Treppen – so fällt auch weniger auf, das kaum jemand sich hier ein Auto kauft, dafür viele Menschen Mittags ihren Hund ausführen. Spielplätze, Parkbänke und gestutzte Büsche bieten triste Sterilität, die gegen die sterile Tristesse des Industriebaustils ankämpfen will.
Auf der Nordseite des Viertels blitzte uns das „Columbuscenter“ entgegen, das als Kirche und Spielplatz des Kaufens nicht hielt, was es zu versprechen schien. Direkt nach dem Betreten auf der Südseite spuckte es uns auf der Nordseite aus, nicht ohne einen möglichst trostlosen Eindruck von leeren Verkaufsflächen und Imbissatmosphäre gemacht zu haben.

Derart gen Norden geworfen, fanden wir uns in einer Ein- und Zweifamilienhaussiedlung – vermutlich aus den 30ern – wieder. Auf kerzengerader Straße, von der rechtwinklig Wege abgehen und an der wohlgestuzte, ebenso eckige Hecken stehen, durchquerten wir das Viertel wie auf einem Fahrsteig, der uns als seine direkte Verlängerung einen Fußweg den Hügel hinauf führt. Auf dem Hügel eine weitere Grenze, vor uns eine Baustelle von vier bis fünfgeschossigen Gebäuden, Büros oder Studierendenwohnheimen, am Hang noch Einfamilienhäuser.

Um die Baustelle herum und über einen Parkplatz plötzlich der Beutenberg: High-Tech-Bauten der 00er-Jahre, gekärcherte Straßen, Videoüberwachung, in den Grünflächen am Straßenrand kleine Hinweisschilder mit botanischen Informationen. Was in Winzerla die Jogginghose war, ist hier der Hausausweis, der an der Kleidung baumelt – unverkennbares Zeichen, wer dazu gehört. Anstatt Schachbrett oder Netz ist hier das vorherrschende Straßenbild der Ring und die Sackgasse, schwer kamen wir aus dem Viertel hinaus.

Schließlich bot sich ein Weg hinaus vom Hügel, durch zweigeschossige Reihenhäuser, entgegengesetzt des Publikumsverkehrs der angehenden Jungwissenschaftler_innen und beendeten unseren Spaziergang, als wir auf vertrautes Terrain trafen.