„…ist die Nacht am tiefsten.“

Nachdem das letzte Ausbrechen der Studierenden-Proteste mit ihren lustigen Auszieh- („Ich gebe mein letztes Hemd“), Bade- („Die Bildung geht baden“) und sonstigen choreographischen Aktionen bald zwei Jahre zurückliegt, ihre Akteure sich verbittert darüber, dass die Allgemeinheit, die sie vertreten wollten, von Anfang an zu Hause blieb, ins Privatleben oder in die institutionalisierte Hochschulpolitik von Senat, Studierendenwerksbeirat usw. verzogen haben und die zentralen Websites de facto tot sind, ist langsam ins Auge zu fassen, dass die nächste Welle dieses regelmäßigen wie wirkungslosen Zyklus (Lucky Streik, Spar Wars, Summer of Resistance, Bildungsstreik,…) so langsam vor der Tür steht.

Passend für diesen Anlauf startet die Linke.SDS das Magazin „Praxis“, das „neue Theorie- und Mitgliedermagazin“ des Verbandes. Wie der Name andeutet und im Editorial klargestellt wird, ist der Verweis auf die Kritische Theorie, die neben dem „Erbe der Arbeiterbewegung“ und dem „Marxismus“ ein Stichwort für diese Zeitschrift sein soll, eben bloß ein Verweis. Tritt dieses „Theoriemagazin“ doch gleich mit der Verpflichtung an, auch seinen Beitrag zur Veränderung der Welt zu liefern – und Welt-Verändern, das heißt bei die Linke.SDS ganz praktisch: Wie kann die bundesweite Verbandspraxis aussehen (insbesondere orientiert am Bachelor-Master-System)? Wie werden neue Mitglieder geworben?

Nun soll hier kein genereller Verriss des aktuellen Publikationsprojekts geleistet werden, auch wenn er sich anbietet, etwa bei wohlwollendenden Kritiken für Jean Zieglers Identifikation von „Kosmokraten“ als Hauptfeind, die die „Massenvernichtungswaffe“ Hunger gegen die Armen der Welt einsetzen, ebenso wie für Stéphane Hessels Identifikation des „Großkapitals“, dass der Feind des „Gemeinwohls“ und Quelle der Ungerechtigkeit sei – was, wie sich der Autor der Rezension die Mühe macht herauszustellen, sich insbesondere im Gaza-Streifen zeigt.
Die restlichen Artikel seinen den geneigten Leser_innen vorbehalten, hier soll nur ein Artikel näher beleuchtet werden, der unter dem Titel „Der Mensch als Gefäß – Eine Reform und ihr Menschenbild“ die Frage nach dem Menschenbild hinter dem Bologna-Prozess klären soll:

Der Artikel stellt fest, dass die europäische Wissenschaftspolitik anscheinend die Studierenden als „bloßes Mittel zum Zweck“ wahrnimmt, um eine Einheit Europas zu schaffen und Europa konkurrenzfähig zu halten und folgert daraus, dass „das Menschenbild der Herrschenden“ den Studierenden nur als „Gefäß“ von „Talenten, Fähigkeiten und Interessen“ usw. wahrnimmt und damit ein rein instrumentelles Verhältnis zu ihnen hat.

Anstatt von dieser wenig originellen Analyse einen Blick in den studentischen Alltag zu werfen, und festzustellen, dass damit anscheinend die „Herrschenden“ genau den gleichen Blick auf die Studierenden haben, wie diese selbst, und von dort eine Kritik der Selbstobjektivierung zu leisten, schwenkt der Artikel auf die Motive der Herrschenden für dieses Menschenbild: Der Bolognaprozess ist – ganz im „Erbe der Arbeiterbewegung“ – ein „Projekt der herrschenden Klasse“ das den europäischen Wirtschaftsraum effizienter gestalten soll. So weit, so banal. Aus dieser Feststellung werden drei Folgerungen gezogen.

Erstens muss Ideologiekritik betrieben werden und dafür bedarf es eines „Menschenbildes, das die ökonomischen Interessen hinter politischen Entscheidungen [nicht] ausblendet“.
Zweitens ist das Menschenbild der „herrschenden Elite“ das des „homo oeconomicus“, der „weder Seele noch Gefühle oder gesellschaftliche Bande“ besitzt. Hier fällt dann doch noch auf, dass Studierende sich selbst nicht anders betrachten. Folgerungen daraus werden aber abgewehrt: Das potenziell revolutionäre Subjekt Student_in soll einfach erkennen, dass „die Sichtweise ‚aller’ eigentlich nur die der Herrschenden“ sei, und es auch (nur) die „Führungseliten“ sind, „die jenes Menschenbild immer wieder reproduzieren“ – aber immerhin auch: „reproduzieren müssen.“
Auch wird daraus folgernd festgestellt, dass auch „soziale Beziehungen“ und sogar die „Fähigkeit zur Einfühlsamkeit“ der Verwertungslogik unterworfen werden, ohne die Frage aufzuwerfen, inwiefern denn dann eben Gefühle oder „gesellschaftliche Bande“ überhaupt jenes angeblich romantische Ausgeklammerte sein könne, das eben nicht in der Ideologie der „Herrschenden“ Platz findet.
Drittens wird erkannt, dass das Studium nicht dazu da ist, sich selbst zu entfalten. Damit betrüge „sich [die moderne Gesellschaft] noch selbst um ihre Ideale, indem sie die mündigen Bürger_innen in das billigste Korsett zwängt, das die Soziologie zu bieten hat: den homo oeconomicus.“

Daraus folgert der Autor des Artikels seine politische Strategie, die er der Linken.SDS vorschlägt und auf das Humboldtsche Bildungsideal fundiert: „Selbst aus der Warte der bürgerlichen Ideale betrachtet, sind wir in der Pflicht, den Menschen als Ganzes zu betrachten und mündige Bürger_innen statt ökonomistisch denkende Gefäße für Humankapital als Grundlage anzunehmen.”

Übrig bleibt also reformistisch-bürgerliches Appelieren, denn: „Proklamiert die herrschende Elite ein liberales Weltbild für sich, steht sie auch in der Pflicht dieses in die Tat umzusetzen.“

Wenn noch einmal ein Blick auf die Analyse geworfen wird, ist dieses appelative, etatistische und nicht einmal mehr den demokratischen Anspruch der Volkssouveränität einfordernde Fazit, indem der Protest als Bittsteller der „herrschenden Elite“ gegenübertritt, doch noch sehr erfreulich, wenn auch innerlich inkonsistent, war diese „Elite“ doch einige Zeilen weiter oben noch gezwungen, das Menschenbild des „homo oeconomicus“ zu reproduzieren.

Erfreulich deshalb, weil auch andere Folgerungen möglich gewesen wären. Die Identifikation der „herrschenden Eilte“ als Trägerin, Nutznießerin und (Re-)Produzentin des kritisierten Menschenbildes, von dem sich die Studierenden (wie wohl auch alle anderen außerhalb der „Elite“) rasch durch die Einsicht freimachen können, das es gar nicht das Menschenbild aller ist, impliziert mehreres: Zum einen das politische Feindbild einer „herrschenden Klasse“, der gegenüber der nur oberflächlich beschädigte Rest der Menschheit steht. Ein Rest der Menschheit, der, sollte er vom Einfluss der „herrschenden Klasse“ befreit sein, sogleich die Einsicht in das Bessere gewinne. Die „herrschende Klasse“ wäre also bloß zum Schweigen zu bringen (welche Wege eine entsprechend mit Macht ausgestattete Bewegung dazu fände, mag ich hier nicht imagnieren), und schon würde jegliche ideologische Verzerrung von den Massen abfallen.
Zweitens kritisiert der Autor nicht die (angebliche) Orientierung an Sichtweise und Wohl aller. Sein Problem ist nicht die Orientierung an „allen“, sondern nur, dass die falsche Sichtweise für die aller gehalten wird. Umzusetzen ist also das wahre Gemeinwohl gegen das falsche Gemeinwohl. Ein Bewusstsein der eigenen Position als potenziell marginal und minoritär wird damit verweigert, die Kämpfenden gegen die „Herrschenden“ sind sogleich Kämpfer im Interesse „Aller“ (anderen); innerhalb dieses Manichäismus werden Kritiker_innen an der eigenen Position schnell zu Agenten des Kapitals oder kleinbürgerlichen Utopisten – die Zeitschrift versprach ja das „theoretische Erbe der Arbeiterbewegung“.
Drittens wird die Durchdrungenheit und Bewegtheit von Emotionen und Sozialität durch den Kapitalismus marginalisiert und nicht in ihrer Tiefe erfasst. Daraus zu folgern wäre, Emotionen, Gefühle und Kollektivitätserfahrungen als progressive Elemente gegen die atomistische Ideologie des „homo oeconomicus“ in Anschlag zu bringen, als Quellen für eine Politik gegen die „Herrschenden“. Das Wir-Gefühl als Mittel und Ziel der Politik – wie es schon beim Bildungsstreik vielfach erlebbar war – verstärkt die Ausgrenzung von Kritik an der Bewegung, ist also letztlich, ebenso wie das Lob des Gefühls, das rein von ideologischen Einflüssen erdacht wird, antiintellektuell.

Die rein reformistisch-appelativen Perspektiven, die die Linke.SDS für sich entdeckt, sind also das mindere Übel gegen eine am imaginierten Kollektiv aller ausgerichtete Politik, die sich gut (oder wenigstens überhaupt) anfühlen soll und in der das „Wir“ der Bewegung gegen das „Ich“ der kapitalistischen Ideologie gestellt wird. Insofern ist die Ankündigung, „das Erbe der Arbeiterbewegung“ als bindendes Glied zu verstehen, in Deutschland als Drohung zu verstehen – vererbte die Arbeiterbewegung sich doch mehrheitlich an die Volksgemeinschaft des Nationalsozialismus und löste dieses Erbe auch nie aus der Erbmasse des korporatistischen postnazistischen Deutschlands.


1 Antwort auf „„…ist die Nacht am tiefsten.““


  1. 1 „Spaß macht mir keine Freude“ « spiegelschrift Pingback am 22. August 2011 um 21:39 Uhr
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