„Spaß macht mir keine Freude“

Unter anderem im letzten Beitrag wurde ein Misstrauen gegenüber der Ausrichtung der politischen Aktivität auf „Emotionen, Gefühle und Kollektivitätserfahrungen als progressive Elemente“ angedeutet – dieser Beitrag soll anreißen, worauf dieses Misstrauen beruht.

Denn zunächst einmal ist an der Vorstellung, sich wohl zu fühlen, nichts zu beanstanden; und die Dichotomie zwischen Politischem und Privatem – letzterem als Reich des Wohlbefindens und des individuellen Glücks – ist nicht zuletzt deshalb schon zu kritisieren, da eben jenes Wohlbefinden für einen Großteil der Menschen erst herzustellen ist. Von dort ausgehend ist die Rücksicht auf das Wohlbefinden bei der explizit politischen Aktivität ebenso angebracht wie bei nicht explizit (oder explizit nicht) Politischem. Jenes erwähnte Misstrauen ist aber auch nicht durch wechselseitige Rücksicht geweckt, sondern durch die Vermutung, dass es eben um mehr geht, als diese richtige Rücksicht.

„ich ging nur ein, zwei, dreimal an die Luft und bemerkte einen Duft“

Geweckt ist das Misstrauen viel mehr an der Stelle, an der das Wohlbefinden das Ziel der Politik in der Politik wird. Die Proteste gegen die Situation an den Hochschulen (oder gegen eine Nazi-Versammlung) sollen nicht mehr bloß bestimmte Effekte auf ihre gesellschaftliche Umgebung haben – etwa das Thema Hochschulpolitik platzieren, die Unzufriedenheit sichtbarmachen, Zugang zu grundlegender Kritik bereitstellen usw. (oder eben: die Nazi-Versammlung verhindern, antifaschistische Intervention als zu Erwartendes darstellen usw.) – sondern die Aktivität selbst soll das Wohlbefinden steigern, soll sich gut anfühlen, Spaß machen o.ä. Auf Anti-Nazi-Aktionen wird dieses Wohlbefinden meist über eine große Personenanzahl und/oder über das (scheinbar) hohe Niveau der Radikalität, gemessen an der Intensität von Ausschreitungen, generiert; zumindest bei den letzten Bildungsprotesten entstand es vielfach eher durch Vermeidung von Dissenz und die Behauptung, für die Allgemeinheit (der Studierenden, oder gar Deutschlands) zu sprechen.

„und dachte wie gemein: meine Nase ist zu klein“

Nun finden sich schnell zwei sehr unterschiedliche Einwände gegen dieses Misstrauen:

Der erste ist strategisch motiviert und fragt, wer denn zu Aktionen kommen soll, die ihm oder ihr unangenehm sind. Dieser Einwand ist wieder zweiseitig: Betrifft er reformistischen Protest, der meint, durch Teilnehmer_innenanzahl wirksam werden zu können, ist er berechtigt. Die Demonstration gegen die faktische Schließung der Lübecker Universität in Kiel sah eindrucksvoll aus und bekam breites Medienecho, und auch Anti-Nazi-Proteste funktionieren mit mehr Beteiligten meist besser. Ob gerade eine Demo wie die gegen die Kürzungen an der Universität Lübeck, deren Event-Charakter sie irgendwo zwischen Kieler Woche, Schulausflug und Kirchentag einordnete, überhaupt inhaltliche Positionen an die Teilnehmenden vermittelte, mag bezweifelt werden – diese Vermittlung lag aber auch nicht in der Zielsetzung der Organisator_innen.
Zielt der Protest jedoch nicht oder nicht nur auf die reformistische Detailkorrektur der Verhältnisse, wendet sich der Wohlfühlfaktor gegen den Einwand: Ist das Wohlbefinden der Nutzen, den sich die oder der Teilnehmende erhofft, beschränkt sich die Wirksamkeit auch meist im Konsum dieses Nutzens. Allenfalls unter oder gegen die Interessen der Teilnehmenden könnte – etwa mit Techniken der Werbung – Einfluss genommen werden. Sie aus ihrer Konsument_innenhaltung gegenüber der Politik herauszuholen, ist so wohl nur schwer möglich, nachhaltige Einstellungsänderungen wären eher zufällig.

„eins zwei drei Tier“

Der zweite Einwand ist tragfähiger: Anschließend an die Kritik der dichotomen Trennung zwischen Politik und Privatem, die das Wohlbefinden verstärkt zum expliziten Thema und Ziel der Politik machte, bringt er ein, dass das Wohlbefinden bei der Aktivität selbst ja eine potenzielle Folge der Aktivität ist, die mitzubedenken ist. Als Beispiel für diesen Einwand mag die Hedonistische Internationale dienen. Der Einwand entkräftet das Misstrauen teilweise, oder genauer: transformiert und schärft es. Misstraut wird nicht dem Ziel des Wohlbefindens an sich: Einen Raum zu schaffen und aufrecht zu erhalten, indem etwa Sexist_innen und Rassist_innen anders als in den meisten öffentlichen Räumen die Nutzung verwehrt wird, ist Politik, die in ihrer eigenen Aktivität auf das Wohlbefinden zielt und keinesfalls Misstrauen weckt. Und auch das Aufbrechen eines Ernsthaftigkeitsfetisch und einer Heiterkeitsfeindlichkeit bei politischen Aktionen, wie es die HI betreibt, ist nicht illegitim.
Das Misstrauen scheint schwer getroffen, verschwindet aber nicht – richtete es sich doch von Beginn nicht gegen das Schaffen von Wohlbefindenszonen (etwa den Schutzraum), sondern auf die Wahl bestimmter Mittel nicht wegen ihrer Tauglichkeit für das angegebene Ziel, sondern für das Ziel des Wohlbefindens (etwa das pseudomilitanten Rumgemacker). Nun ist ein dritter Typ aufgetaucht, die politische Aktivität, die ein Ziel mit dem zweiten Ziel – Wohlbefinden bei der Aktivität – verknüpft. Er ist nicht persé abzulehnen (was nicht verwundert, ist das abstrakte moralische Urteil doch untauglich, adäquat für die je konkreten Verhältnisse zu sein), bedarf jedoch einer Problematisierung.

„und alle unsere Wunden heilten in zwei Stunden“

Denn nicht jedes Ziel passt zu jedem Wohlbefinden. Reformistische, insbesondere appelative Politik hat es hier erneut einfacher. Geht es darum, mit einer großen Demonstration die gesellschaftliche Relevanz der vertretenen Position aufzuzeigen, stört das Wohlfühlen in der gleichgerichteten Masse nicht – geht es jedoch um eine Kritik an Kollektivismen, etwa an Deutschland, ist es widersprüchlich und dem Anliegen schädlich, zusammen mit dem Thema das Wohlfühlkollektiv einer großen, geschlossenen Demonstration zu wollen. Das Misstrauen findet seine eigene Spur und kann sie lesen: Es misstraut der Kombination von Wohlbefinden und Kritik und vermutet deren tendenzielle Unverträglichkeit.

Es mag leicht einsichtig sein, das eine Kritik der hegemonialen Männlichkeit etwa die meisten Männer zunächst beunhagen muss; und wird diese Kritik zu einer Kritik an der Ausrichtung von Normen an zugeschriebenen Geschlechtsidentitäten, vielleicht sogar an Geschlechtsidentitäten – ja, eröffnet sie gar die Kritik an dem Identitätsbedürfnis selbst, widerspricht Kritik wohl jedem Wohlbefinden: Denn die Kritik fordert immer Selbstkritik – und sei die eigene identitäre Konstruktion noch so viel angenehmer und menschenfreundlicher als die erwähnte Männlichkeit. Dies gilt auch für eine Kritik, die weniger offensichtlich auf sich selbst anzuwenden ist, als etwa antisexistische Kritik. Zumindest sofern sie eine radikale, also auf den Grund gehende Kritik ist, muss sie die Totalität, d.h. hier die Verwobenheit der Verhältnisse, zum Gegenstand ihrer Kritik machen; und damit auch die Verwobenheit einer/eines Jeden in diese kritikwürdigen Verhältnisse. Damit gefährdet sie zumindest das Wohlbefinden, da sie das Selbst und seine Selbstverständlichkeiten erschüttert und statt eines angenehmen Wir-Guten-gegen-das-Böse (oder gar: …-die-Bösen) die eigene Welt viel mehr als einen Film Noir erscheinen lässt, indem es zwar vielleicht ein besser, aber kein gut gibt, und der allzu oft hoffnungslos wirkt.

„sie war noch ein zwei dreimal wieder hier, dann sagte sie zu mir“

Das Misstrauen scheint bestätigt: Wo Kritik ihren Platz finden soll, sollte nicht nach Wohlbefinden gesucht werden, zu leicht wird diese Suche die Kritik als Antipoden des Gesuchten erkennen. Doch es gibt Wohlbefinden, das sich nicht in der Abwehr von Kritik und schonungsloser Analyse erschöpft. Jenes Wohlbefinden, das etwa in einem Schutzraum geschaffen ist, muss sich nicht darin erschöpfen, sich in diesem wohler zu fühlen. Es kann auch, derart von dem Unwohl des übrigen Alltags entlastend, dazu frei machen, sich genau jener Kritik auszusetzen, sich und seine Welt in Zweifel zu ziehen. Dafür ist jedoch genau jenes Misstrauen notwendig: Ein Misstrauen, dass das eigene Bedürfnis nach Wohlbefinden hinterfragt, um zu klären, ob sich die Politik in diesem Wohlbefinden erschöpft: Geht es auf die überregionale Anti-Nazi-Demo gegen den jährlichen Nazi-Event, weil etwa die Hoffnung besteht, das Aktionspotenzial der Nazis nachhaltig einzuschränken, damit nächstes Jahr die Zeit für einen Tag im Park oder die Lektüre eines Buches zur Hand ist, oder geht es auf ebenjene Demo, weil es letztes Jahr so richtig gut knallte und eine Wiederholung dieses Jahr zu erhoffen ist. Wird gegen die Hochschulpolitik protestiert, weil das schlechte Gewissen, nichts zu machen, zu drückend wurde und sich selbst dann endlich die eigene Aktivist_innenidentität nicht mehr ständig zweifelhaft erscheint, oder vielleicht in der Hoffnung einen Weg zu finden, der Abschaffung der Universität näher zu kommen? Kurzum: Zielt die Aktivität auf die eigene Abschaffung qua Abschaffung ihrer Gründe oder darauf, sich aktiv und wohl zu fühlen – gegen letzteres ist Misstrauen eine notwendige Haltung.