„Trotz all ihrer Unfreiheit…“

Eine weitere, entwendete Notiz:

Es geht also nicht darum zu helfen, sondern die Verkehrtheit bewusst zu machen, den Widerspruch zwischen der gegenwärtigen Ordnung und der Emanzipation ins Licht des Bewusstseins zu rücken, ihn unter dem Druck einer kritischen Entwurzelung zum Auflodern zu bringen und in seiner Entschiedenheit zu verunsichern. Man könnte nun wieder sagen, dieser Versuch sei teuflisch, denn man stürze dadurch die Menschen in schwere Nöte, mache sie erst richtig krank ohne ihnen helfen zu können.

Wir geben also zu: Die wirkliche, konsequente Arbeit der Kritik macht stummes Leiden laut, schafft neue und verschärft vorhandene Widersprüche, bringt die Menschen in die Lage, ihre Situation nicht mehr ertragen zu können. Sie schafft aber gleichzeitig eine Abfuhr: die Möglichkeit des politischen Kampfes gegen die gesellschaftlichen Ursachen des Leidens.


5 Antworten auf „„Trotz all ihrer Unfreiheit…““


  1. 1 Prac_Eman 11. Oktober 2011 um 14:10 Uhr

    Da stellen sich mehrere Fragen. Zum einen wäre die kritische Entwurzelung nicht deshalb teuflisch, weil sie irritiert – die Irritation muss gerade so stark sein, dass sie mehr verstört, als es die ironische Postmoderne ohne hin perpetuierend tut. Vielmehr ist die „Wurzel“ der Auslöser dessen, was suspekt erscheint: Willst du die „falsche“ Wurzel – das Un-Kraut, nachdem sie dem Erdreich entnommen ist, zeigen, um den Boden der Entfaltung anderer Wurzeln, deren Platz bis dahin beschränkt war, frei zu machen? Ich denke nicht, Die Metapher der Wurzel birgt die Gefahr biologistischer oder romantischer Assoziationen, sie verbleibt im Bild des Bodens… ist sie entwurzelt, so bleibt der Widerspruch dem Boden verhaftet, aus dem sie enthoben wurde. Die „Hilfe“, die nicht direkt angeboten werden soll, aus Gründen des Paternalismusvorwurfs, der Manipulationn und des Zwangs, wird indirekt weiter im Boden gesucht.
    Oder ist das Bild der Ent-Wurzelung als „Auslöschung“ der Verwurzelung zu verstehen, die Absage an die „ursprüngliche“ Moral und das Zerschneiden der einheitlichen Hermeneutik dieser Moral („liberale“ gegenwärtige Ordnung mit konkurrenzbehafteten und atomisierenden Freiheitsversprechen) mittels zusätzlicher Differenzen (Warum dann aber „den[!] Widerspruch“? Es sollte doch ein positiver Freiheitsbegriff etabliert werden, der die [!] Widersprüche mit unterschiedlichen Emanzipationsvorhaben öffnet.)?
    Mich wundert zudem dein Rückgriff auf das „Leiden“; ich nehme an, so lese ich es heraus, es ist die von dir forcierte Beschleunigung einer revolutionären Praxis, die sonst zwar ökonomisch bedingt aus der Bewegung des Kapitals ohnehin hervorgehen würde, nur durch ihren affirmativen Charakter permanent verzögert wird…? Oder warum dieser Fokus auf das Leiden als Bewusstseinsaspekt?
    „Die wirkliche, konsequente Arbeit der Kritik […] schafft aber gleichzeitig eine Abfuhr: die Möglichkeit des politischen Kampfes gegen die gesellschaftlichen Ursachen des Leidens.“ Das bezieht sich auf: „man stürze [durch die Bewusstmachung des Widerspruchs] die Menschen in schwere Nöte, mache sie erst richtig krank ohne ihnen helfen zu können.“ – oder? Das Auslösen einer Ohnmacht, einer Umnachtung oder einer Indifferenz muss nicht zwingend pathologisch sein, wie wir wissen. Es ist die Möglichkeit radikaler Umbrüche der gegenwärtigen Moral, ein „Sich-hier-nicht-mehr-finden-Können“. Aber du hast recht, wenn du schreibst, dass es dennoch der Angebote bedarf („ohne ihnen helfen zu können“). Vielleicht hilft die Genealogie, indem sie die Historie als Zufall eines Kräftespiels entlarvt und somit zugleich kreatives Potential „auflodern“ lässt, anstatt die Gegenwart mit der Falschheit der Gegenwart zu konfrontieren und damit dieser Ordnung zugleich verhaftet zu bleiben, wenn auch negativ…

  2. 2 spiegelschrift 11. Oktober 2011 um 17:08 Uhr

    Die „Entwurzelung“ bezog sich auf den möglicherweise entstehenden Widerspruch zwischen dem Menschen und der Gesellschaft, in der er lebt, der aus der Bewusstmachung der gesellschaftlichen Widersprüche resultieren kann.
    Inwiefern damit die Hilfe im „Boden“ gesucht wird (also hier: den Verhältnissen) verstehe ich nicht.

    Auslöschung der Verwurzelung mag die Tendenz sein, ist aber ohne Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wohl nur vereinzelt und nicht dauerhaft möglich. (Und umgekehrt ist eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend nur möglich, wenn diese Verwurzelung massenhaft ausgelöscht ist. Was dann wieder auf das prozesshafte, dialektische und schwierige der Emanzipation verweist).

    Die Einzahl des Widerspruchs verweist hier tatsächlich auf einen recht groben Blick. Aber zweifellos gibt es ja mindestens einen umfassenden Widerspruch zwischen „gegenwärtiger Ordnung“ und „Emanzipation“. Ich hätte es ändern können, übersah es aber.

    Wieso der Bezug auf „Leiden“ auf irgendeine Form mechanistischer Auffassung der kommenden Revolution verweisen soll, verstehe ich nicht. Es werden ja nicht Leiden geschaffen, sondern es zielt darauf, stummes Leid laut zu machen, Widersprüche zu verschärfen etc. Also, die Perspektive auf die Verkehrtheit der Verhältnisse zu schärfen und vor allem dem Leid eine Sprache zu geben, die es als gesellschaftlich bedingtes politisch fasst.
    Es geht also nicht um die Verschärfung des Leidens oder gar die Beschleunigung von Verhältnissen, von denen vermutet wird, das sie auf die Revolution zufahren, sondern um eine Schärfung des Bewusstseins des Leidens.

    Ich glaube darüber hinaus nicht, das die Genealogie der Ordnung nicht auch „zugleich verhaftet“ ist und ich glaube auch nicht, dass geschichtliche Entwicklung als „Zufall“ entlarvbar ist.

  3. 3 Prac_Eman 11. Oktober 2011 um 19:27 Uhr

    Ich habe im Begriff dieser „Entwurzelung“ die Gefahr gesehen, dass sich die provozierte Bewusstwerdung, die die unbewusste Veschränkung von Individuum und gegenwärtiger Ordnung/Moral (unter dem Deckmantel vermeintlicher Freiheit) offenlegt, wenn sie rein aus der Aufdeckung der Widersprüche hervorgeht, der Ordnung dieses „Bodens“ (dieser gesellschaftlichen Verhältnisse) verhaftet zu bleiben (bzw. sich bei Ablehnung auf tradierte Ordnungsmuster zurückzuziehen): Daher mein Verweis auf die Genealogie.
    „Widerspruch zwischen der gegenwärtigen Ordnung und der Emanzipation ins Licht des Bewusstseins zu rücken, ihn unter dem Druck einer kritischen Entwurzelung zum Auflodern zu bringen und in seiner Entschiedenheit zu verunsichern.“ Hierzu gibt es denke ich zwei Lesarten (gewiss auch mehr):
    (1) Die erste bleibt der Ordnung verhaftet und baut eine Gegenidentität auf, indem sie die vorherrschenden Freiheitsversprechen thematisiert und zeigt, dass sie in der Form nicht verwirklicht werden. Dann ist die „kritische Entwurzelung“ jener Prozess, der die Krampfadern aus den „richtigen“ freiheitlichen Nervensystem zieht – es bleibt dennoch eine negative Bestimmung, die Freiheit von den Krampfadern.
    (2) Die zweite versucht offenzulegen, wie es zu diesem Freiheitsbild gekommen ist, wie sich das diesem Selbstkonzept zugrundeliegende Bild projizieren konnte. Ich gebe dir vollkommen Recht, wenn du schreibst, dass auch dieses der gegenwärtigen Ordnung verhaftet bleibt – es wäre positivistisch zu glauben, dass Kritik ohne eigene Normativität verfahren kann. Aber mit dem Aufzeigen eines historischen Umschlagspunktes, der „nicht notwendig so war und so kommen musste“, dem also ein gewisses Masz an zufälligen Kräftekonstellationen zugrunde lag, kann die Gefahr umgangen werden, dass die eigene, vom Genealogen aufgestellte Deutung die einzig richtige ist und dass sich affirmativ zu ihr verhalten wird. So versteh ich die Stärkung der Subjektposition, die durch die „entschiedene Verunsicherung“ den Druck einer zum Auflodern gebrachten „kritischen Entwurzelung“ nicht durch Tradition und die Herkunft ihrer Wurzeln zu kompensieren versucht, sondern ihn zugunsten eigenen Willens umlenkt. Diese Umlenkung kann sich dann nicht mehr auf die Herkunft berufen, da sie selbst schlussendlich als „zufällig“ aufgefasst werden muss, für deren Anrufung sich keine Legitimität mehr findet. Dass diese „Auslöschung der Verwurzelung“ ein „dialektischer und schwieriger“ Prozess ist, steht gewiss auszer Frage.
    …Mein Kommentar sollte auch nur eine Ergänzung sein, keine Delegitimierung des Posts, sry falls das so angekommen ist!
    Ach ja zum Leiden: „es schafft neue Widersprüche“ könnte auch bedeuten, dass Leid an Stellen auftritt, an denen bisher davon nichts zu bemerken war… aus diesem Gedanken heraus habe ich wahrscheinlich deinen fettgedruckten Satz allzu ernst genommen… Wobei ich dennoch denke, dass die Bewusstwerdung, bzw. die Schärfung des Bewusstseins des Leidens, tendenziell „revolutionäres“ Potential hat und damit einer „kommenden Revolution“ Vorschub leisten kann, da die Schärfung unnötig ist, wenn KEIN Leid besteht. 0²=0… :)

  4. 4 spiegelschrift 11. Oktober 2011 um 21:44 Uhr

    zur Genealogie & Ideologiekritik:
    Wenn ich dich richtig verstehe, siehst du in der Genealogie das Potenzial um aufzuzeigen, das die Geschichte und die Gesellschaft gemacht und ihrer Verfasstheit kontingent sind. Ich denke, dass es, um dies aufzuzeigen, nicht zwingend der Genealogie bedarf. Ideologiekritik Marxscher Prägung (und auch schon Feuerbach) zeigen ja auch verdinglicht dem Menschen gegenüberstehende, überhistorisch wirkende Erscheinungen als Verhältnisse zwischen Menschen auf, die historisch entstanden sind.
    Das die Freiheitsbestimmung eine negative ist, stimmt und stimmt nicht. Es stimmt, insofern sie nicht die Inhalte einer Freiheit-zu bestimmt, keine „Therapie“ anbietet, („ohne ihnen helfen zu können“). Was sie jedoch von einer Freiheit-von unterscheidet, ist, das sie im Aufzeigen der Widersprüche ja gerade den Widerspruch zwischen Potenzialität und Aktualität der (menschgemachten) Gesellschaft bewusst macht, und so zur Selbstbewusstwerdung des Menschen (als handelndem Subjekt) beiträgt. In diesem Sinne ist die Freiheit eine Freiheit-zu. (eine „Abfuhr“ schafft).
    Das damit die Kritik eine eigene Wahrheit setzt, stimmt. Damit, und mit dem Anspruch das diese Wahrheit auch wahr ist, habe ich jedoch kein Problem, da sie von einem anderen Typ Wahrheit ist, als die gesellschaftliche Wahrheit: Sie ist Wahrheit im Selbstbewusstsein ihrer historischen und sozialen Verfasstheit, also eine Wahrheit, die darum weiß, das sie nur zu einer Zeit und von einem Standpunkt aus wahr ist. Das sie damit das Risiko eingeht, zu einer Wahrheit des ersten Types umgewandelt, dogmatisiert, zu werden, ist mir bewusst. Ein Risiko, das die Genealogie wohl tatsächlich nicht aufweist, sich dafür aber das andere Risiko einhandelt, nicht zwischen dem Guten und dem Schlechten dieser Gesellschaft unterscheiden zu können. (Sie ist in der Tat die Werkzeugkiste, die Foucault im Sinne hatte, von allen nutzbar).

    zum Leid:
    Der fettgedruckte Satz ist ernst gemeint. Aber die Veränderung, die eine Situation nicht mehr ertragen können lässt, ist ja nicht (zwingend) eine Verschärfung des Leids, sondern eine Haltung zu diesem Leid. Wird das Leid als unabänderlich, notwendig, göttliche Prüfung oder Strafe usw. angesehen, kann es noch so groß sein. In der Tat, wenn kein Leid besteht, ist diese Frage obsolet, aber wir leben nicht in einer leidfreien Gesellschaft.

  5. 5 Prac_Eman 12. Oktober 2011 um 10:34 Uhr

    Gewiss hast du recht, wenn du schreibst, dass die marxsche Ideologiekritik auch immer schon nach den Entstehungsbedingungen fragt, die zur gegenwärtigen Ordnung geführt haben und auch er zeigt, man denke an die ursprüngliche Akkumulation, dass die Etablierung und Legitmierung einer Ordnung ein Kräftverhältnis aufweist, dem durch Macht im weitesten und Gewalt im engeren Sinne Vorschub geleistet wird. Und ich denke, dass Foucault eben diese Erkenntnisse für die Semiotik nicht umsonst auch „Ökonomie der Machtbeziehungen“[^1] nennt, die in Marx vielleicht weniger explizit bereits unlängst angelegt sind.

    Als ich den Posts abgeschickt hatte ist mir ein ähnlicher Gedanke zur negativen Freiheit in Bezug auf die Metapher der Krampfader in den Sinn gekommen: Es ist zugleich die Möglichkeit der Bestimmung zu einem „Nervensystem ohne Krampfadern“ – d.h. das Bewusstsein zur Veränderbarkeit „dieser“ ist zugleich die Potenzialität der Fluidität aller Bedingungen, da sie ebend „bedingt (durch)“ sind.

    So wie du die Unterscheidung der „Wahrheitsformen“ ziehst, kann ich vollkommen mitgehen, auch wenn ich die zweite (positive) vielleicht als Wahrhaftigkeit bezeichnen würde, um der (!) den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ich denke jedoch, dass die Genealogie sehr wohl „gut und schlecht“ unterscheidet, indem sie selbst den Fokus setzt, „von welchem Standpunkt aus sie das Lot in die Tiefe lässt“. D.h. das ja gerade an diesem Punkt die Interessen und Leidenschaften des Theoretikers zu Tage treten, was zumindest zu Beginn einer „Wertung“ bedarf. Auch die Geneaologie geht von der Gegenwart aus.

    …und damit ist die Schärfung des Bewusstseins für das Leiden eine revolutionäre oder emanzipative Praxis.

    [^1] „Mir wurde rasch klar, wenn das menschliche Subjekt in Produktionsverhältnissen und Sinnbeziehungen eingebunden ist, dann ist es zugleich auch in hoch komplexe Machteziehungen eingebunden.“ (Foucault, Subjekt und Macht: 270)

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