Gewolltes Scheitern

Aufzeichnungen aus einem Sonnabend in Kiel:

„wir haben uns getroffen, das erste mal seit Jahren“

„International“, das Wort war lange nicht als Bestandteil einer Parole über meine Lippen gekommen. Nun war ich also doch einmal wieder Internationalist. Eine Verkürzung, die sich nicht über die Verkürzungen provozierende Form der Parole erklären lässt, aber in ihrer Negation einer nationalen Position angebracht war. Und solche anzunehmen, war auf einer Demonstration die als Kieler Ableger der Occupy-Aktionen fungierte, nicht völlig absurd. Die Proteste waren inhaltlich weniger düster als erwartet, was vielleicht daran gelegen haben mag, das sie, von attac organisiert, prominent von der DKP geprägt waren. Das Kritik, die die DKP in ihrem Flugblatt darlegt, basiert zwar auf auf dem personalisierten Feindbild der „Reichen“, in deren Taschen der Reichtum fließe und die immer reicher werden, während „die Armen und die einfachen Familien“ drunter leiden, aber in der Sorge, auf kaum verhüllten Antisemitismus der Strippenzieher- und der Zinswirtschafts-Bilder zu treffen erschien die plumpe personalisierte Klassenkampfrethorik weniger gefährlich. Hier und da tauchten vereinzelt „99%“-Schilder auf, immerhin ein Schild wies dann doch auf die „Parasiten“ hin, die mit dem Geld „zocken“ würden und lieber „arbeiten“ gehen sollen, mehrheitlich wurde aber ganz sozialdemokratisch staatliche Regulation gefordert. So kam ich auch am Rande der Demonstration mit einem Teilnehmer ins Gespräch, der von mir vorher geäußerte (zugegebenermaßen plumpe Staatskritik) kommentierte und fragte, wie denn sonst das menschliche Zusammenleben zu organisieren sei. Sein Menschenbild war etwa das Hobbes und die Repressivität des Staates sah er nicht als notwendig an, zudem fasste er den Staat als zumindest dem Kapitalismus gegenüber neutral.
Die Demonstration unterschied sich also nicht viel von einer üblichen linken Demonstration, und so entschied ich mich, teilzunehmen, nachdem ich ein Grüppchen Linksradikaler jenseits der DKP entdeckte – die dann auch die internationalistische Parole anstimmten; sie forderte Solidarität mit den Kämpfen in Griechenland. (Was unter Berücksichtigung, das wir genau neben der DKP standen, einem gewissen Zynismus nicht entbehrte).

„es gab nicht viel zu bereden, darüber waren wir uns im klaren“

Nach einem Vortrag Daniel Kullas unter dem Titel „Leben im Rausch“ (ein aufgezeichneter Vortrag aus Greiz hier) anschließend ein Gespräch über das Verhältnis von „Drogen“ und „Natürlichkeit“, das wie üblich darauf hinauslief, das Substanzenkonsum immer Kompensation sei und Kompensation immer schlecht, weil widernatürlich. Während Kulla hauptsächlich versuchte, den Begriff der Natürlichkeit zu dekonstruieren, begnügte ich mich damit, die Normativität von Natürlichkeit anzuzweifeln und im Gegenzug zu behaupten, alles menschliche Handeln sei Kompensation, da Handlungsmotivation immer das Auseinanderfallen von Potenzialität und Aktualität sei, der Aktualität also ein Mangel attestiert wird, der kompensiert werden soll. Sicherlich eine Argumentation, die immer noch auf eine Vorstellung eines harmonischen Zustands zielt, indem aller Mangel beseitigt ist – obwohl doch gerade ein prinzipielle Unabgeschlossenheit anzusetzen sein sollte. Worin der Unterschied in Hinblick auf die Kompensation nun aber ist, wenn ich (zur Reproduktion meiner Arbeitskraft oder zum Genuss, das ist hier gleichgültig) einen Krimi lese, Joggen gehe oder „Drogen“ nehme, wurde nicht klar – und inwiefern ein Sich-Bilden nicht auch Kompensation einer Unwissenheit ist, auch nicht.

„ich lebe anders jetzt“

Abends noch ein Konzert von Classless Kulla und Istari Lasterfahrer, das in mehrerer Hinsicht bemerkenswert war. Zunächst einmal ein Dank an die linksalternative Liste, die dieses Konzert zu einem Fest machte, zu einem potlatch, und in der alten Meierei damit zeitweise etwas antikapitalistisches zelebrierte, schlicht, indem sie mit diesem wunderbaren Konzert wohl umfangreichen monetären Verlust machte. Zum zweiten die Band, die vor dem Konzert noch eine Erschöpfung ausstrahlte, die mich vermuten lies, dass das Konzert eher abgeliefert werde, die sich aber zum Konzert zu guter Laune entschied und einen vorerst unvergessenen Abend bereitete. Die Musik, die entschiedener als auf dem Album tanzen provozierte und erschwerte und der sehr moderat gefüllte Tanzraum ermöglichten, sich zart berührt zu fühlen, anstatt wie so häufig entweder in die Atmosphäre gestoßen zu sein oder sich in ihr behaupten zu müssen. Mehr davon! (nur wer soll das bezahlen?)
Eine Zartheit, die leider/erfreulicherweise mit der eigenen Empfindsamkeit die eigene Befindlichkeit steigert, so das ein Berühren an den äußersten Enden auch in einem Zwischenmenschlichen erfreulicherweise stattfand, und sogar vor und nach das Konzert ausstrahlte, aber dieses äußerste Berühren auch nicht zu überschreiten wagte. Ein Hauch der besseren Gesellschaft besorgt eine neue Schüchternheit, die um die eigene Beschädigtheit weiß und darum der eigenen Aktivität misstraut. Aber häufig ist Schüchternheit auch der letzte Rest des Abglanzes der besseren Gesellschaft, und so häufig wird in Diskussionen, gerade in solchen, die von der „linken Intelligenz“ geführt werden, die Schüchternheit zur Rohheit überschritten.

„du sagst mein neues Hobby ist die Einsamkeit“