„…some would say that you won‘t find love that way…“

Folgend ein Versuch, dem Streben, die Verkehrtheit der menschlichen Beziehungen, ihre abstrakte Vermitteltheit, in der jede menschliche Tätigkeit … in geronnenem Zustand als Ding existiert, durch aktives Herstellen oder Aufdecken einer Unmittelbarkeit zu überwinden (ein Streben, das nicht nur untauglich, sein Versprechen einzulösen, sondern auch latent gewaltsam Anderen gegenüber ist) die Skizze einer progessiven Schüchternheit entgegenzuhalten:

Die abstrakte Vermitteltheit aller menschlichen Beziehungen kann immer wieder als Ohnmacht erlebt werden.
Einerseits tritt jede_r sich selbst als Ding gegenüber, als das sie/er sich in seinen Beziehungen realisiert. Die Selbsterfahrung als Frau, als weiß, als Träger_in eines spezifischen Quantums Arbeitskraft, aber auch als Funktionsträger_in in sog. privaten Beziehungen, als Freund_in usw., kann zu einer spezifischen Ohnmachtserfahrung führen. Stets sind spezifische Entwürfe gefordert, andere sind abgeschnitten und somit wird die menschliche Freiheit nur als als bedingte Freiheit – also bloß frei, die jeweilige Identität zu verwirklichen – gesetzt: Wir erleben uns nicht als Akteure unseres Lebens, sondern als eben jene werthaften Objekte, als die uns diese konkrete Verkehrung des Lebens, die derzeitige Gesellschaft, setzt und uns als solche verwertet.
Solche Ohnmachts- und Entsubjektivierungserfahrungen können spezifische Gegenreaktionen als Versuche der Selbstermächtigung nach sich ziehen: Etwa die Ermächtigung des Subjekts gegen sein objektiviertes Selbst mittels selbstkontrollierender (Bsp.: eine Diät) bis selbstschädigender (etwa dem Aussetzen seiner Selbst einem Risiko des Risikos willen oder der Selbstverletzung) Praktiken, in denen zumindest die Verfügungsgewalt über das Objekt, das jede_r selbst ist, zu realisieren versucht werden kann – oder aber die Setzung seiner Selbst als Subjekt über ein anderes Objekt, das dinglich (Bsp.: Kauf oder Diebstahl des Kaufens/Stehlens willen, Zerstörung/Vandalismus), tierlich (Bsp.: abhängige Haustiere und/oder Tierquälerei) oder menschlich (Bsp.: Streben nach Berühmtheit/Verehrung, Raubüberfälle, Reproduktion und Nutzen von Abhängigkeitsverhältnissen, Gewalt gegen Andere) sein kann.
Andererseits kann aber auch die aus der Abstraktheit der menschlichen Beziehungen resultierenden Vereinzelungs- und Isolationserfahrung als Ohnmachtserfahrung prozessiert werden – und um diese soll es im folgenden gehen:

Diese Erfahrung des Isoliert-Seins, der „Mauern aus Eis“ die zwischen den Menschen aufgerichtet sind, das Erleben der Mittelbarkeit aller zwischenmenschlichen Beziehungen kann als Leid erfahren werden, insbesondere da, wo sie dem bürgerlichen Ideal der jeweiligen Beziehungsform wiederspricht, etwa in der Freundschaft oder in der „romantischen Liebe“. Aber auch in anderen Bereichen kann die Mittelbarkeit direkt als Problem erlebt werden, etwa in einer erkenntnisorientierten Diskussion, in der die erlebte Distanz eine Vermittlung der eigenen Erkenntnis zu verunmöglichen scheint.
Eine mögliche Reaktion auf diese Erfahrung ist der Versuch, Unmittelbarkeit in der Beziehung herzustellen, gleichsam einen direkten Kontakt zwischen den Individuen zu erreichen, indem diese Mauern durchbrochen bzw. geschmolzen werden – mittels dem Versuch, eine „echte“, „authentische“ Menschlichkeit im Verhalten gegen die Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft zu stellen, dem Loslassen der eigenen Affekte, die als Quelle möglicher unverletzter Menschlichkeit gedacht werden oder in expressivem Durchbrechen der eigenen Passivität. Gemein ist diesen Formen, dass die das Verhalten normierenden Konventionen teilweise suspendiert werden sollen, um so selbst Raum zu greifen, um auf die/die andere_n zuzutreten. Die Hoffnung, die dahinter steht, ist, dass, wenn alle Beteiligten derart aufeinanderzutreten, sich gleichsam vollen Herzens und mit aller Intensität in einer Diskussion engagieren, sich ungebremst lieben usw. es möglich wird, die Isolation, das Gegenteil des Dialogs, zu durchbrechen und einen „echten Dialog“ zu erreichen, in dem die Menschen sich als Menschen begegnen.

Diese Hoffnung, so hier die These, ist falsch.
Dieser Versuch der individuellen Überwindung der Vermittlung durch den aktiven Akt jeder und jedes, ermöglicht keinesfalls den Ausgang aus der Objektiviertheit des Subjekts. Vielmehr ist es bloße Wiederholung der Logik der kapitalistischen Gesellschaft, in der jede bestimmte Ware … für sich selbst [kämpft] und so erst die Warenform auf ihre absolute Verwirklichung zugeht. Das Selbstermächtigen des Subjekts ist so schlicht eine Technik der Bildung verdinglichter Größe, also Wert. Die verkürzte Erkenntnis, dass Freiheit und Unverschämtheit aufs gleiche hinauslaufen, führt in seiner Verwirklichung zu nichts mehr als zu Techniken, mit denen die Abwehr der Ansprüche anderer auf ihren Subjektstatus ebenso wie die Abwehr von Konkurrenz gegenüber der eigenen Verwertung eingeübt und maskiert werden – der eigene Platz in der Rangordnung des Wertes wird erstritten und behauptet. Sprich, er ist gleichzeitig Selbstobjektivierung und drohende Objektierung des Anderen.
Selbstobjektivierung, da der aktive Versuch der Überwindung der Isolation notwendig auf die gegebenen Möglichkeiten der Aktivität zurückgreifen muss, die gesellschaftlich geformt und gebahnt sind. Im Lichte des Wertprinzips kann nur solche Aktivität als Aktivität von den anderen Individuen, die erreicht werden sollen, erkannt werden, die dieses Licht widerspiegelt. Nur mit dominant-männlichem Sprechverhalten und dem Beleg der Belesenheit ist in einer universitären Diskussion die eigene alltägliche Passivität zu brechen, nur mit Lebensfreude ausstrahlender Emotionalität ist Zuneigung ausdrückbar – in einer Welt, in der genau diese Lebensfreude als konsumierbares Glücksversprechen und als affektive Arbeit tief in der Zirkulations- und Produktionssphäre verwurzelt ist und in der bittere Verzweifelung die nachvollziehbare Reaktion auf die einzig als Negation auftauchende Menschlichkeit wäre.

Dem versuchten Durchbrechen der Mauern aus Eis mittels des Ausbrechens aus der eigenen Passivität gelingt es also nicht, die Objektivierung zu überwinden. Es organisiert nur das Wertverhältnis der objektivierten Individuen neu, indem diejenigen menschlichen Wertträger wertgemindert werden, die durch ihre Beschädigung durch die verkehrte Welt zu diesem Kraftakt nicht mehr oder zumindest schwerer in der Lage sind bzw. so wenig (oder anders) beschädigt, das sie dazu nicht willens sind – es ist also Motor der (gesellschaftlich notwendigen) Konkurrenz. Gleichzeitig kann sie auch nicht geeignet sein, um die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält zu unterbrechen und einen Dialog zu ermöglichen. Stattdessen ist diese Aktivität der Versuch, gegen den herrschenden Monolog anzumonologisieren. Ein Versuch, der nicht nur deswegen scheitern muss, weil die je eigene Stimme zu leise ist, sondern auch, weil selbst im Fall eines Erfolges nur ein Monolog durch einen anderen ersetzt wird. Die anderen also nicht als Menschen berührt, sondern bloß als Objekte überwältigt werden könnten.

Als Gegenvorschlag gegen den Versuch der aktiven Schaffung von Unmittelbarkeit soll hier das Konzept der Schüchternheit gesetzt werden. An Stelle des aufeinander Eindringens stellt sie eine Gegenbewegung des Rückzugs. Da es kein Bedürfnis gibt, das nicht selbst durch die Gesellschaft und ihre Geschichte geformt wäre, alle Ausdrucksformen ebenfalls jene sind, die sich in ganz verkehrten Verhältnissen entwickelten und erprobten, ist den eigenen Bedürfnissen und Ausdrucksformen zunächst zu misstrauen. Anstatt sich mit ihnen also ungeprüft ins Getümmel zu werfen, gilt es, die Begierden und Ausdrucksfomen sorgsam zu prüfen und etwaige Formen einer anderen Intersubjektivität vorsichtig und gemeinsam zu finden. Die voneinander abrückende Schüchternheit bietet für diese tastende Entwicklung eines Bewusstseins der Begierde den nötigen Raum zwischen den Menschen.
Erst indem in der Diskussion alle so reden, daß sie allemal unrecht behalten und erst wenn so geliebt wird, dass sich schwach [gezeigt werden kann] ohne Stärke zu provozieren ist das Feld bereitet, auf dem überhaupt zum Dialog angesetzt werden kann, der möglicherweise seinen eigenen Bedingungen zum Sieg … verhelfen wird.

Da dieser Dialog aber zunächst nur negativ, im bestehenden Monolog im Zeichen des Werts, zu bestimmen ist, stehen wir zunächst nur verkehrten Formen gegenüber, die uns die Schüchternheit ermöglichen. Der Zwischenraum, indem es möglicherweise denkbar wird, was es bedeutet, sich nichtobjektiviert gegenüberzutreten, ist nur mit den Mitteln dieser Welt zu schaffen. Dieses Mittel ist neben der Verschüchterung, in der auf die Zurichtungen des gesellschaftlichen Lebens reagiert werden kann, etwa die Höflichkeit. Sie ist zwar selbst bloß eine Parodie der Formen, eine willkürlich ausgedachte oder erinnerte Etikette, dennoch der richtige Ansatzpunkt gegenüber einer Unhöflichkeit, die nichts ist außer das Sprachrohr der schlechteren Welt gegen die schlechte. Derart angeboten, bedarf es der Annahme der Schüchternheit durch die/den Andere_n, um negativ, als Lücke, als Zwischenraum sichtbar zu werden und mit der so geschaffenen Leerstelle einen Abglanz der/des Anderen als andere Subjektivität erleben zu lassen.

Der so ermöglichte Rückzug kann nicht das Bessere im Schlechten schaffen, wie es die Pseudo-Unmittelbarkeit verspricht. Aber vielleicht kann er den Zwischenraum eröffnen, in dem dieser neue Raum erprobt werden kann. In dem zaghaft vorgetastet werden kann, um denkbar zu machen, wie eine zukünftige nicht-objektivierende Berührung des Anderen und von sich selbst denkbar ist. Ein Raum, indem behutsam eine Zartheit entwickelt werden kann, welche nichtmehr eine schwebende Auswahl an Bildern … als das Sinnliche schlechthin anerkennt.


4 Antworten auf „„…some would say that you won‘t find love that way…““


  1. 1 tnb 03. Dezember 2011 um 14:32 Uhr

    Mir gefällt daran die Möglichkeit, sich selbst als so weit wie möglich selbst-gewähltes Objekt verwirklichen zu können, indem nämlich die Schüchternheit der Anderen die Objektivierung der eigenen Person für die Anderen erschwert.

  2. 2 tnb 03. Dezember 2011 um 14:50 Uhr

    *, wo sie durch die Anderen vorgenommen werden kann.

  3. 3 spiegelschrift 05. Dezember 2011 um 0:12 Uhr

    Im Sinne: Die Schüchternheit des Anderen zwingt kein spezifisches Objekt auf, so dass der/dem Anderen in eigengewählter, Objekt-Gestalt gegenübergetreten werden kann?

  4. 4 tnb 25. Dezember 2011 um 22:24 Uhr

    Ja, genau, soweit es eben geht. So kann der Fokus stärker aufs Ich gelegt werden, was wohl nicht heißt, voll und ganz selbstgewähltes Objekt sein zu können, solange man unter Menschen ist.

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