„Es gibt eine Herzlichkeit jenseits von Jonglieren…“

Folgend ein mit heißer Nadel niedergesstrickter Beitrag, der nicht neu, aber gerade akut ist. Er zeichnet Gedanken auf, die mir bei der Einladung und dann auch dem Beobachten zum abendlichen Skat-Spielen in einer Kneipe kamen, und stellt dabei keine Unterstellung, sondern bloß das eigene Empfinden dar:

Anstatt seinen Tag vernünftig planen zu können und diese Planung dann (mit Abstrichen an Faulheit und andere spontane Irrationalismen) umsetzen zu können, geht es tagein, tagaus um die eigene zukünftige oder derzeitige Verwertbarkeit, in den spezifischen Fällen um die Anhäufung von Leistungsnachweisen die irgendwann einen akademischen Abschluss gewährleisten. Jenseits von ‚Präsenzzeit’ und ‚Selbststudium’ (und auch jenseits von Schlafen, Einkaufen, Abwaschen) gibt es nun einmal noch Zeit, über deren Gestaltung selbst verfügt werden kann – und wenn diese auch nahezu ausschließlich darauf verpflichtet ist, die eigene Arbeitskraft wiederherzustellen, wären zwei naheliegende Dinge doch, diese Reprodutionszeit zumindest auch damit zu verbringen, den Residuen der Menschlichkeit in dieser Gesellschaft auf die Schliche zu kommen, mit Liebe, Freundschaft, Sich-Kennenlernen, oder sogar damit, zu überlegen, wie denn eine Gesellschaft ermöglicht wird, in der morgens nicht die entfremdend-entfremdete Lohnarbeit (oder die ebensolche Vorbereitung auf sie) steht, sondern die angesprochene vernünftige, Irrationalitäten einbeziehende, Planung.
Stattdessen wird sich getroffen, um etwa Skat zu spielen oder zu Kickern, also um beieinander zu sein, ohne in die Verlegenheit zu geraten, miteinander auch nur andeutungsweise als Menschen zutun zu haben. Weil die bürgerlichen Konventionen nicht genügen, um die Menschen bar ihrer Spezifizität in allgemeine, verdinglichte Umgangsformen zu nötigen (oder sie – in spätbürgerlichen Gesellschaften wie dieser – schon derart erodiert sind), wird sich ein weiterer verdinglichter Verhaltenscode aufgenötigt: Statt Menschen oder wenigstens Bürger_innen (oder Student_innen), treten sich bloß noch Spielpartner_innen gegenüber – etwas Variation erzeugt hier und da ein Lehrer_in-Schüler_innenverhältnis. Anstatt vielleicht zu versuchen, einander – trotz der Vergesellschaftung als Objekte des Kapitals – zu begegnen, sich zumindest auf eine zukünftigen Begegnung als Ziel zu verständigen und sich diesem gar anzunähern, wird von jeder Tendenz Abstand genommen und in völlig verdinglichten Umgangsformen behaglich Platz genommen, wie sie sonst nur aus dem Callcenter, dem Militär oder der Schule bekannt sind. Das Bedürfnis, das derart seinen Ausdruck findet, ist offensichtlich ein Rückzug von den Anstrengungen, die die eigene ‚doppelt freie’ Existenz im Kapitalismus hat, hin zu einem bloßen Funktionieren, dessen einziges Bemühen ein Gut-Funktionieren und ein Zukünftig-besser-Funktionieren (also das Gewinnen des Spiels und das Lernen des Besser-Spielens) ist. An die Stelle des wirklichen Wunschens nach Freiheit von den Zwängen des Kapitalismus tritt der Wunsch nach der Freiheit von der Freiheit, der Wunsch, sich selbst von den Entscheidungs- und Handlungszwängen zu entheben und bloß zu tun, was die Regeln vorgeben. Im Angesicht eines auf Aktivierung und Eigenengagement setzenden ökonomischen Imperativs ist dieser Wunsch vermutlich nicht erstaunlich – mehr als eine kurzfristige Lösung kann er dennoch nicht sein: Der Skatpartner oder die Skatpartnerin bleibt schließlich doch nur eben diese_r und damit bloße Subjektivitätssimulation.


2 Antworten auf „„Es gibt eine Herzlichkeit jenseits von Jonglieren…““


  1. 1 femorantipole 15. Januar 2012 um 11:41 Uhr

    Ein anregender Artikel – auch, weil er auf den ersten Blick aufregt. Auf den zweiten Blick finde ich viele Gedanken plausibel.

    Insbesondere folgende haben mich zu einem Kommentar inspiriert:
    An die Stelle des wirklichen Wunschens nach Freiheit von den Zwängen des Kapitalismus tritt der Wunsch nach der Freiheit von der Freiheit, der Wunsch, sich selbst von den Entscheidungs- und Handlungszwängen zu entheben und bloß zu tun, was die Regeln vorgeben. Im Angesicht eines auf Aktivierung und Eigenengagement setzenden ökonomischen Imperativs ist dieser Wunsch vermutlich nicht erstaunlich – mehr als eine kurzfristige Lösung kann er dennoch nicht sein…
    Ja, in dem Gefühl, Freiheit von der Freiheit zu nehmen, wenn ich spiele (was auch immer; das ist meines Erachtens nicht auf Skat oder Kicker beschränkt) finde ich mich in gewisser Weise wieder. Mit den Implikationen Deines Artikels bekomme ich mit diesem ‚Eingeständnis‘ affektiv ein schlechtes Gewissen. Mir scheinen Deine Erörterungen erst einmal, auch auf den zweiten und dritten Blick, plausibel – aber nicht unstreitbar.
    Denke ich länger drüber nach, stellen sich mir Fragen, auf die ich noch keine abschließende, befriedigende Antwort gefunden habe; ich würde sie gern für eine mögliche Diskussion anbringen. Vielleicht magst Du ja darauf reagieren.

    Unterliegt die Annahme, ich sollte meine Reproduktionszeit besser x widmen, als y, nicht bereits einem Gedanken davon, was geeignet ist, im Sinne eines kritischen Daseins zu handeln? Wenn ich annehme, dass Liebe, Freund_innenschaft und Sich-Kennenlernen oder kapitalismuskritische Reflexionen eine angemessenerer Weg sind, meine ‚Freizeit‘ zu verbringen als irgendwelchen Spielregeln zu folgen, wird die Möglichkeit eines Beieinanderseins ohne Zwänge dann nicht auch wieder moralisch reguliert? Warum sollte es nicht legitim sein, beizeiten Freizeit von der Freiheit (sic) zu nehmen? Auch kritische Geister brauchen möglicherweise ab und an Zerstreuung. Und zugewandte, sozial interessierte Menschen manchmal eine Pause von den Zwängen sozialer Praxis.. Da wiederum frage ich mich: Kann ich auch soziale Nähe genießen, wenn ich jenseits oben angeregter sozialer Interaktion im Rahmen meiner Reproduktion stattdessen assoziative und affektive Kommunikation verneine und stattdessen Spielregeln die (teilweise) Interaktion bestimmen lasse? Sind wir immer nur und ausschließlich Spieler_innen, wenn wir spielen? Oder bleiben wir soweit sozial miteinander involviert, dass eine freund(_innenschaft)liche Ebene sich weiterhin reproduziert, möglicherweise auch im und über das Spiel hinaus weiter etabliert?
    Einen Hinweis, so dachte ich beim Schreiben gerade, könnte eine Reflexion der Sinnhaftigkeit von Spielen – jenseits des Trainings kapitalistischer Verwertungs- und Konkurrenzlogik – sein..

    In jedem Falle ist es anregend und viel versprechend, sollte es m.E. gegeben sein, jederzeit die eigenen (sozialen, reproduktiven, politischen, …) Praxen zu reflektieren.

    Erste kursorische Gedanken.
    Danke für Deine Anregung..

  2. 2 spiegelschrift 16. Januar 2012 um 10:53 Uhr

    So, folgend die Antwortversuche auf die Fragen, ich hoffe, ich kann damit zumindest diese Punkte erhellen:

    „soziale Nähe genießen, wenn… Spielregeln die (teilweise) Interaktion bestimmen…?“
    „ausschließlich Spieler_innen wenn wir spielen?“
    „freund(_innenschaft)liche Ebene sich weiterhin reproduziert“

    Ich kommentiert das Skatspielen (und deutete eine Ähnlichkeit der Problemlage beim Kickern an), weil es eine die Interaktion stark formende Spielsorte ist, etwa weil Nebenbei-Gespräche weitgehend ausgeschlossen werden. Dennoch ist niemand ausschließlich Spieler_in, die Spielordnung zielt dahin und ist beim Skat dabei recht erfolgreich. Insofern denke ich, das sich beim Skat-Spiel tatsächlich keine freund(_innenschaft)liche Ebene reproduziert, vor allem aber nicht ausbildet – sondern durch die gewahrte Distanz eine spezifische Spielhöflichkeit existiert.

    „legitim sein, beizeiten Freizeit von der Freiheit (sic) zu nehmen?“

    Diese Spielhöflichkeit ist durchaus legitim, um sich von den Belastungen des Engagiert-Seins mit seinem Leben in Beruf, Freundschaften etc. zu entlasten, und potenziell notwendig um die kapitalistische Situation auf Dauer durchzustehen. Die entscheidende Frage ist hier – sofern überhaupt der Wunsch besteht, die Verhältnisse zu ändern – inwiefern jenseits der zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Zeit noch Zeit übrig ist oder auch in anderen, doppelt nutzbaren Tätigkeiten reproduziert werden könnte – und dann trotzdem das Skat-Spiel gewählt wird. (Etwa, weil es einen aufraffend-anstrengenden Entschluss benötigt, die überschüssige Zeit mit etwas zu verbringen, was nicht so entlastend wie etwa Skat-Spielen ist.) Gesetzt des Falls, das dieser Wunsch (die Verhältnisse zu ändern) besteht, existiert weiterhin die Frage, inwiefern eine (potenziell selbstbelastende) Inkongruenz zwischen Wünschen und Alltagsverhalten nicht reflektiert wird, die dann etwa in der nachträglichen Betrachtung der Freizeit unangenehm empfunden wird (2 Jahre lang in einer neuen Stadt die Freizeit mit Skat-Spielen verbringen und sich daran leiden, keine Freund_innen in dieser Stadt zu haben) und Hoffnungslosigkeit/Aufgabe der Wünsche erzeugt.

    „auch wieder moralisch reguliert?“

    Es ging nicht um eine moralische Bewertung/Verdammung des Skat-Spielens, auch wenn der Analyse-Jargon das vielleicht scheinen lässt. Er stellt in dem, was vermutlich das war, was aufregte, eher ein politisch-normatives Urteil dar, welches die Verhältnisse adressiert – und jede_n, die/der adressiert sein möchte – erstere in der Forderung ihrer Aufhebung, zweitere in der Forderung nach (Selbst-)Reflexion.

    „was geeignet ist, im Sinne eines kritischen Daseins zu handeln?“

    In der Tat steckt in dem Beitrag eine sanfte Vermutung („den Residuen der Menschlichkeit in dieser Gesellschaft auf die Schliche zu kommen, mit Liebe, Freundschaft, Sich-Kennenlernen“), aber auch die Ablehnung, die Antwort schon fertig vorliegen zu haben („oder sogar damit, zu überlegen, wie denn eine Gesellschaft ermöglicht wird..“). Welche Vermutung in dem Beitrag deutlich zum Ausdruck kommt ist lediglich, das etwa Skat dazu kein Weg ist.

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