Ich kaufe ein T… und löse

„ridin‘ down Seoul city black on black Lamborghini“

Die gesellschaftlichen Widersprüche „selbst als Momente der Totalität, d.h. als Momente der sich geschichtlich umwälzenden Gesamtgesellschaft“1 zu verstehen, erscheint notwendig, um die spezifisch kapitalistisch-bürgerliche Vergesellschaftungsform zu erfassen. Wird die Totalität nicht gedacht, erscheint der Kapitalismus als „ökonomische Sphäre“, als „gesellschaftliches Teilsystem“, der maximal dann kritisiert werden kann, wenn er seinen angestammten Platz verlässt und zu einer „Kolonisierung der Lebenswelt“ aufbricht. Eine Kritik, die auf die Aufhebung des Kapitalismus zielt, wird unmöglich.

„too hot to handle, can‘t touch this, you think you with it but you can‘t hit it“

Andererseits führt der Versuch, die Totalität zu denken, häufig zu ihrerseits kritikwürdigen Verkürzungen, eine der wirkmächtigsten und sicherlich die prominenteste ist die These, dass die „Geschichte aller bisherigen Gesellschaft […] die Geschichte von Klassenkämpfen“2 sei.
Für vorkapitalistische Gesellschaften ist diese Logik nicht haltbar. Die Antike ist in ihrer Entwicklung nicht durch Klassenkämpfe angetrieben, es „wäre schön, wenn die Geschichte die Geschichte der Sklaven wäre, Tatsache ist jedoch, dass die Sklaven in der Antike geschichtslos waren“. Ebenso liegen im Mittelalter die Klassen zwar in einem Kampf, „praktisch hingegen macht dieser Kampf nicht die Geschichte des Mittelalters aus“3.
Für den Aufstieg und die Konsolidierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft scheint der Satz haltbarer, doch auch hier leistete insbesondere die feministische Kritik an der Logik von Haupt- und Nebenwiderspruch eine unumgängliche Kritik.

„you think you can stop it but we just can‘t stop it tonight“

Die Gesamtgesellschaftlichkeit des Kapitalismus ist also zu fassen, ohne zum einen in eine Hierarchie emanzipatorischer Kämpfe zu verfallen; und auch ohne zum anderen die nicht aus dem Wertprinzip ableitbaren, regressiven Vergesellschaftungsformationen aus dem Blick zu verlieren.
Gesamtgesellschaftlichkeit heißt zunächst, dass kein gesellschaftliches – d.h. menschliches – Phänomen sich dem Kapitalismus entziehen kann: Was in Reichweite des Sozialen liegt, unterliegt dem Zugriff kapitalistischer Vergesellschaftung – es gibt keinen Ort und keine Praxis außerhalb des Kapitalismus. Somit sind alle sozialen Phänomene, nicht bloß Arbeit und Tausch, sondern auch Familie, Liebe, Kunst, Religion kapitalistisch durchdrungen – und ebenso etwa Sexismus und Rassismus.4
Zwar gab es Sexismus und Rassismus nun auch schon vor dem Kapitalismus, und Kämpfe gegen Sexismus oder Rassismus greifen immer wieder (teils erfolgreich) auf das Versprechen abstrakter Gleichheit der bürgerlichen Subjekte zu, das der Kapitalismus – als Gleichheit als Tauschpartner_innen – verallgemeinert. Sexismus und Rassismus erscheinen hier also als das „Ständische und Stehende“, das „verdampft“ wird. Aus dieser Perspektive könnte die Totalität eine Totalisierung sein, die – bisher unvollendet – Residuen vergangener Vergesellschaftungen noch nicht aufgelöst hat. Die kapitalistische Eigentumslogik selbst reproduziert Sexismus und Rassismus jedoch ebenso ständig, mehr noch, das identisch-setzende Wertprinzip totalisiert sich auf Subjekte, die nun als Identitäten gefasst und nicht nur verwertet, sondern auch als ungleich werthaltig identifiziert werden können, abgewertet und letztendlich sogar als wertlos bestimmt werden können.
Die Logik von Menschen als (un)gleichsetzbarer Wertträger, die Logik des Warentauschs, verallgemeinert sich auf die Gesamtgesellschaft und formiert so alle sozialen Beziehungen, die als Austauschbeziehungen erscheinen. Sie wird zum Hauptprinzip von regressiven Sozialstrukturen wie Sexismus und Rassismus. Diese haben also ihre Wurzel nicht insofern im Kapitalismus, als das sie ohne den Kapitalismus nicht existiert haben oder existieren würden, ihre derzeitige Erscheinungsform ist jedoch durch die Totalität der kapitalistischen Vergesellschaftung verformt und tendenziell bestimmt (wenn auch vorkapitalistische Erscheinungsformen tatsächlich als argumentative Residuen existieren, die sich, „wenn sie sich einmal ausgebreitet [haben], aus immerneuen Quellen resistenzfähig erhalten“5.)

„can‘t nobody hold us down“

Mit dieser Perspektive eröffnet sich ein Blick auf die Frage, um die die These von Haupt- und Nebenwiderspruch kreist: Wie verhalten sich die „Nebenwidersprüche“ zum Klassenkonflikt und was passiert mit ihnen, wenn dieser aufgehoben wird?

Mit dem Verständnis der Totalität als alle sozialen Phänomene durchdringendes und formierendes Prinzip – und damit nicht als Gesamtheit der Phänomene – als Grundlage kann nicht mehr sicher angenommen werden, dass die Negation der Negation, des Kapitalismus, auch etwa Sexismus und Rassismus automatisch abschafft. Ihre Form müsste sich neu bestimmen, da das sie derzeit – im Kapitalismus – formierende Prinzip des Wertes wegfallen würde. Damit die klassenlose Gesellschaft eine sein kann, in der die „freie Entfaltung [einer_eines] jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist“, müsste also der Prozess der Aufhebung des Kapitalismus unweigerlich verschränkt sein mit der Abschaffung von etwa geschlechtlichen und rassifizierten gesellschaftlichen Begriffen und Strukturen.

„it’s my time and it’s my time“

Aber auch für nichtrevolutionäre Zeiten bietet dieses Verständnis der kapitalistischen Totalität eine spezifische Perspektive etwa auf feministische Kämpfe: Die Wertlogik formiert zwar alle Sozialität, also auch die Geschlechter und die Geschlechterverhältnisse, bestimmt aber die wertförmigen Identitäten und Beziehungen nicht eindeutig. (Und vermutlich benötigt der Kapitalismus aus der Sphäre der gleichen Tauschpartner_innen ausgeschlossene Individuen für etwa die Reproduktionsarbeit, aber ob diese Reproduktionsarbeit von Frauen oder etwa illegalisierten Immigrant_innen geleistet wird, ist dafür ebenfalls egal.) Diese Tatsache ist an den umfangreichen Veränderungen, die es in den letzten 50 Jahren in der gesellschaftlichen Lage von Frauen und der von Homosexuellen in den westlichen Gesellschaften abzulesen und zeigt zum anderen auf, das Kämpfe, wie der Feminismus oder die Schwulen- und Lesbenbewegung Veränderungen im Kapitalismus bewirken können, die die Lebenssituation von Individuen partiell verbessern.

„just take it to the top ain‘t never gonna stop“

Diese partiellen Verbesserungen bleiben jedoch so lange eben partiell, als erkämpfte Freiheit einer Identität, als Freiheit der Frau oder des Schwarzen, die eingebettet in die Entfremdung des bürgerlich-kapitalistischen Subjekts eine entfremdete Freiheit ist. Ebenso bleiben die erkämpften Fortschritte insofern prekär, als das der derzeitige Motor von etwa Sexismus oder Rassismus, die Identitätslogik des Wertes, ohne Aufhebung des Kapitalismus bestehen bleibt, der Umschlag der gesellschaftlichen Situation gegen die erkämpfte, partielle und widersprüchliche Freiheit immer droht.

„Now make em say na na na na“

  1. Georg Lukács: Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats (Download: Lukacs: Geschichte und Klassenbewusstsein) [zurück]
  2. hier und alle folgenden, ungekennzeichneten Zitate: Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei [zurück]
  3. Jean-Paul Sartre: Entwürfe für eine Moralphilosophie [zurück]
  4. Sexismus(, Heterosexismus) und Rassismus dienen hier als Beispiele für zahlreiche Formen abwertender Identitätsprojektionen [zurück]
  5. Max Horkheimer: Autorität und Familie [zurück]

3 Antworten auf „Ich kaufe ein T… und löse“


  1. 1 AsIsatsadly.... 24. Januar 2012 um 23:19 Uhr

    Um eine weiter partielle Verbesserung gleich unter diesem Blogbeitrag anzubringen:
    Wer die erkämpften Erfolge der „Schwulen- und Lesbenbewegung“ würdigt, kann dies auch ale Erfolg jener markieren, die sich ebenso jenseits dieser Beschreibungen wie der Heteronorm verstehen (seien es nun z.B. queere oder Transpersonen), wenn er/sie selbige nicht nur z.B. im Unterstrich, sondern auch in obriger Aufzählung sichtbar macht. Eine kleine Geste die beim nächsten Mal Freude machen könnte.

  2. 2 spiegelschrift 24. Januar 2012 um 23:32 Uhr

    Der Ergänzung kann ich in der Zielsetzung zustimmen.
    Als ich „Schwulen- und Lesbenbewegung“ schrieb, hatte ich (daher auch die verkürzende Einzahl der „Bewegung“) die Entwicklungen im Kopf, die 1969/1970 in den USA (Stonewall, Gay Liberation Front), in Deutschland (Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle…“) und anderswo angestoßen wurden und die zwar in der Tat nicht nur „Schwule“ und „Lesben“ umfassten, aber in deren Kämpfen es zunächst nur um Homosexuelle, ihre Rechte und Anerkennung ging.

  1. 1 „…ich will nur in deiner Nähe sein“ « spiegelschrift Pingback am 10. Mai 2012 um 21:15 Uhr
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