„…ich will nur in deiner Nähe sein“

Folgend ein spekulativer Versuch, einige Ansätze (die am Ende des Beitrags noch einmal verlinkt sind), die hier in im Laufe der Zeit angerissen wurden, in ein Verhältnis zu setzen, auf der Suche nach einem Umgang mit dem falschen Dualismus von instrumenteller Selbstbeherrschung und authentischer Expressivität.

„I‘ve got a theory“

Wie hier mehrfach versucht wurde auszuführen1, verkehrt die kapitalistische Totalität als Zurichtungsregime die Verhältnisse zwischen menschlichen Subjekten zu Verhältnissen zwischen Objekten.
Durch den wertregulierten Tausch in einen abstrakt gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt und derart voneinander getrennt, bietet sich den Menschen eine Option zum Ausgang aus der reinen Objektiviertheit: Die Selbstobjektivierung, in der der Subjektstatus zumindest gegenüber dem eigenen Selbst eingenommen und erlebt werden kann, welches dann als Objekt in die Manege des Kapitalismus geworfen werden kann. Die Falschheit dieser Option liegt auf der Hand, nicht nur, weil eine solche Subjektivität rein stoisch in der Freiheit der Gedanken verbleibt, die weiter passive Zuschauerin des verdingtlichen Treibens bleibt, sondern auch, weil die/der, die/der sich nicht freiwillig objektiviert, trotzdem objektiviert wird und im Grenzfall mit „therapeutischen“ und „resozialisierenden“ Maßnahmen bearbeitet und der/dem die physische Freizügigkeit entzogen wird.

„a dancing demon“

Eine Gegenbewegung gegen diesen mehr oder weniger erfolgreich verinnerlichten Zwang zur Selbstobjektivierung, die auf dem „Versuch, eine ‚echte‘, ‚authentische‘ Menschlichkeit im Verhalten gegen die Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft zu stellen, dem Loslassen der eigenen Affekte, die als Quelle möglicher unverletzter Menschlichkeit gedacht werden oder [auf] expressivem Durchbrechen der eigenen Passivität“2 beruht, wurde hier kritisiert und abgelehnt, da „es kein Bedürfnis gibt, das nicht selbst durch die Gesellschaft und ihre Geschichte geformt wäre, alle Ausdrucksformen ebenfalls jene sind, die sich in ganz verkehrten Verhältnissen entwickelten und erprobten, ist den eigenen Bedürfnissen und Ausdrucksformen zunächst zu misstrauen“3 ist.

„what’s this cheery singing all about?“

Als vorläufige Strategie des Umgangs mit diesem notwendig doppelten Misstrauen gegen die eigenen Bedürfnisse und Affekte auf der einen und dem Imperativ der Selbstinstrumentalisierung auf der anderen Seite wurde die Schüchternheit, zunächst als willentliche Passivierung vorgeschlagen. Sie ist zunächst schlichte Verweigerung gegen beides und setzt dieser doppelten Apologie der Aktivität eine Leerstelle entgegen. Diese Leerstelle kann darüber hinaus vielleicht, so sie ebenso mit Schüchternheit erwidert wird, den Raum schaffen, indem die Möglichkeit eines Zukünftigen denkbar und auch spürbar wird.
Dieser Raum hat sowohl die Funktion, diesem Zukünftigen, d.h. dem Menschlichen, einen (unter kapitalistischer Vergesellschaftung stets prekären) Schutzraum zu verschaffen, indem er als Stützpunkt dient, um aus dem Misstrauen gegen die eigenen Gefühle, Pläne und Begierden eine kritische Haltung werden zu lassen.
Fremdheit zu sich selbst4 ist dafür nötige Vorraussetzung, eine Fremdheit, die in der/dem/den anderen Schüchternen notwendige Komplizen findet, über die die eigene Fremdheit einem entgegentritt. In dieser Fremdheit, die jede_r selbst durch den Anderen gegenüber sich einnimmt, findet sich die Verbündete zum Gegen-sich-Verschwören, öffnet sich die Schüchternheit gen Zartheit, zur Möglichkeit der „zukünftige[n] nicht-objektivierende[n] Berührung des Anderen und von sich selbst“5.

„we shoud work this fast because it clearly could get serious before it’s passed“

Diese Zartheit als intersubjektive Form kann sich nur dann entwickeln, wenn sie in den Raum der Schüchternheit-in-der-Fremdheit tritt, die sie ermöglicht. Das eigene Misstrauen kann nur durch die/den Anderen aus seiner Hilflosigkeit und Pauschalität gehoben werden, indem „der Widersprüchlichkeit des Subjekts bewusste Repräsentanz … verschaff[t] und diese Widersprüchlichkeit auch auszudrück[t]“6 und durch die/den Andere_n anerkannt wird, ohne sie zu affirmieren. Die nun aktive Schüchternheit schafft so die Möglichkeit, einen bewussten Bezug zu den eigenen Bedürfnissen, dessen reflektiertes Misstrauen statt reiner Repression die Möglichkeit zur – intersubjektiv verwirklichten – Transformation bietet. Der Raum der Schüchternheit wird so Raum des tastenen Entwurfs, der gemeinsam stöbernden Suche und damit auch Raum des respektierten Scheiterns, so dass von „diesem aufgeklärtem Selbstbild aus … eventuell ein Selbstentwurf ausgehen [kann], der die Widersprüchlichkeit des Subjekts in leidärmeren Formen prozessiert“7 – leidärmer hier sowohl auf das eigene, als auch auf das Leid des Anderen bezogen.

„the same old trips, why should we care?“

  1. vgl. beispielsweise „…some would say that you won‘t find love that way“[zurück]
  2. ebd. [zurück]
  3. ebd. [zurück]
  4. „Nur Fremdheit ist das Gegengift gegen Entfremdung“ [zurück]
  5. „…some would say you won‘t find love that way“ [zurück]
  6. „Eine Rolle sind bereits zweifelhaft, mehrdeutig: Sie tragen in sich ihre eigene Kritik“ [zurück]
  7. ebd. [zurück]